Das Schwingen, eine Spielart des Ringens, ist ein Schweizer Nationalsport. Die Wettkämpfe sind bedeutende gesellschaftliche Ereignisse.
Was ist Schwingen?
Auf einer kreisrunden Fläche, gefüllt mit 23 Kubikmetern Sägemehl, messen sich zwei Sportler, begleitet von einem Kampfrichter. Zwei Männer fassen sich da an ihren kurzen, reißfesten Überhosen und versuchen, den anderen mit einem bestimmen Schwung - es gibt laut Eidgenössischem Schwingerverband etwa 100 dieser Würfe und Griffe - auf den Boden zu werfen. Wer mit beiden Schulterblättern im Sägemehl liegt, hat den Gang verloren. Wer mit den Schulterblättern oder dem Rücken den Boden berührt, liegt platt und hat verloren.
Ein Gang, wie ein Schwingerkampf genannt wird, dauert fünf Minuten. Wer danach von der Jury die höchste Punktzahl erhält, gilt als Sieger. Bei einem Schwingfest müssen die Ringer sechs Gänge überstehen, beim ESAF sogar acht. Aus etwa 100 verschiedenen Schwüngen und 300 Kombinationen gilt es den richtigen anzuwenden, um den Gegner, der nur an der Schwingerhose gegriffen wird, zu Boden zu befördern.
Nach dem Gang wischt der Sieger dem Verlierer das Sägemehl von den Schultern. Nach dem Kampf hilft der Sieger dem Besiegten auf die Beine und wischt ihm das Mehl vom Rücken ab. Gekämpft wird mit viel Elan, aber es bleibt immer kollegial.
Die Regeln und Besonderheiten
Leger, mit Hemd und langer Stoffhose bekleidet, schlüpfen die Kontrahenten in die typischen kurzen Hosen aus reißfestem Zwilchstoff mit Ledergurt. Das fürs Schwingen extra hergestellte Kleidungsstück muss schon einiges aushalten können. Gewichtsklassen gibt es nicht. Anstelle von Runden gibt es Gänge. Normalerweise sechs, das große "Eidgenössische" jedoch geht über acht Gänge.
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Über 300 verschiedene Schwünge listet der ESV, der Eidgenössische Schwingerverband, auf: Kurz, Hüfter, Brienzer, Päckli, Bur, Knietätsch, Wyberhaken und wie sie alle heißen.
Sowohl der Gewinner als auch der Verlierer erhalten nach dem Kampf Punkte, die Skala reicht von 8,25 bis maximal 10. Der Schwinger mit der höchsten Punktzahl gewinnt das Fest.
Wer gewinnt, hilft dem Verlierer wieder auf die Beine und klopft ihm das Sägemehl vom Rücken.
Geschichte des Schwingens
Was heute eine moderne Sportart mit hoher Popularität im gesamten Land ist, gehörte in einigen Schweizer Regionen bereits seit Jahrhunderten zur Festkultur. Eine erste Darstellung des Schwingens (das Wort setzt sich aus Schweiz und Ringen zusammen) stammt aus dem 13. Jahrhundert. Schon im Mittelalter sollen Hirten und Bergbauern wild geschwungen haben. Immer wieder hagelte es Verbote seitens der Obrigkeit.
Als Hirtensport war Schwingen vor allem bei Alp- und Wirtshausfesten beliebt. Dem Sieger winkten Preise vom Stück Hosenstoff bis zu einem Schaf. Als Hauptgewinn galt die Siegerehre.
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1805 bekam das Schwingen den Stempel „typisch Schweiz“. In Urspunnen bei Interlaken im Kanton Bern veranstaltete man ein Sportfest mit drei original Schweizer Sportarten. Als Hauptwettbewerb das Schwingen, außerdem das Hornussen und das Steinstossen.
Mit der Gründung des Eidgenössischen Schwingverbandes wurde 1895 erstmals ein einheitliches Regelwerk für die komplette Schweiz festgelegt. Am 11. März 1895 gründete sich schließlich der Eidgenössische Schwingerverband ESV. Noch im selben Jahr feierte man am 18. August das erste Eidgenössische Schwingfest in Biel, Kanton Bern und beschloss, es alle drei Jahre an einem anderen Ort zu veranstalten.
Im Eidgenössischen Schwingverband sind die fünf großen, kantonsübergreifenden Regionalverbände vereint. Etwa 50.000 Mitglieder zählen heute dazu. Männer wie Frauen. Sogar bei Kindern erfreut sich das Schwingen großer Beliebtheit.
Das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest (ESAF)
Seitdem wird alle drei Jahre beim Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest (ESAF) der neue Champion, der Schwingerkönig, gesucht. Alle drei Jahre kürt die Schweiz auf dem "Eidgenössischen", wie das Volksfest kurz genannt wird, den sogenannten Schwingerkönig.
Am Freitag hat das alle drei Jahre stattfindende Eidgenössische Schwing- und Älplerfest begonnen, diesmal in Zug. 56 500 Zuschauer in der Arena, insgesamt mehr als 350 000 erwartete Gäste, rund 18 Stunden Liveübertragung im Fernsehen: Kein anderes Sportereignis der Schweiz zieht so viel Aufmerksamkeit auf sich.
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Tradition und Brauchtum
Dass der Schweizer Nationalsport auch heute noch so eine große Popularität besitzt, hängt wohl mit dem eidgenössischen Traditionsbewusstsein zusammen. Auch heute erhält der Sieger hier einen Lebendpreis, den Siegermuni. Als Gewinn winkt ein "Muni" (Stier).
Ob es die Schwinger in ihren Edelweißhemden sind, die Siegerkränze aus Eichenlaub oder die "Lebendpreise", also die Stiere, Rinder und Pferde, die die Gewinner mit nach Hause nehmen dürfen: Auf den Schwingfesten wimmelt es von Verweisen auf Schweizer Bräuche, Bauerntum und Bergleben. Als "uraltes Hirtenspiel", dessen Wurzeln bis ins 13. Jahrhundert zurückreichten, bezeichnet der Verband das Schwingen, als ideale Verbindung aus "Tradition und Sport". Die Schweiz, in ihrer Mehrheit immer noch vergleichsweise konservativ, versichert sich auf den Schwingfesten also gewissermaßen ihrer selbst.
Die Popularität des Schwingens
Die Beliebheit des Schwingens steigt. Die temporäre Arena in Zug fasst so viele Zuschauer wie noch nie und ist restlos ausverkauft. Die Tickets, die in den freien Verkauf kamen, hätten die Organisatoren vier Mal verkaufen können, so groß war der Ansturm.
Die Fernsehübertragungen seit 1995 steigerten die Popularität. "Das schließt mittlerweile alle Milieus ein. Auch aus den Städten geht man an dieses ‚Eidgenössische‘, weil man da auch Konzerte von sehr bekannten Popgruppen verfolgen kann.
Das Schwingen (Ringen im Sägemehl) ist in der Schweiz eine beliebte Sportart und an den Anlässen kommen immer mehr Zuschauer. Vielleicht nicht ganz so populär wie Fussball, aber nahe daran. Die Schwinger-Könige (Gewinner) sind Sportgrössen und werden verehrt.
Während verwandte Sportarten in den meisten Ländern eher ein Nischendasein fristen, haben die Schweizer Schwinger eher das Problem, ihre wachsende Beliebtheit in Einklang mit dem viel zitierten traditionellen Kern zu bringen.
Der Autor Schöpfer hält eine andere Erklärung für plausibler: die Neuerfindung des Schwingens als TV-Sport. In den Neunzigerjahren gab es die ersten Live-Übertragungen, und als das Schweizer Fernsehen merkte, welche Quoten Schwingfeste erzielten, etablierte sich das Fernsehschwingen immer mehr. "Es funktioniert einfach auf den Bildschirmen", sagt Schöpfer.
Frauen im Schwingsport
Seit 1980 kämpfen auch Frauen im Sägemehl. Sie werden geduldet, vom Eidgenössischen Schwingerverband jedoch strikt ignoriert. 1992 haben sie sich im eigenen Verband organisiert und krönen auch regelmäßig ihre Königin.
Fairness und Respekt
Im Gegensatz zu beispielsweise Boxkämpfen, wo aggressive Rivalitäten und Kampfhahngehabe schon im Vorfeld des Kampfes quasi zur Show gehören, wird man beim Schwingen beeindruckt sein, mit welcher Fairness die Kontrahenten einander begegnen. Dass der Sieger dem Verlierer das Sägemehl vom Rücken wischt, ist eine obligatorische Geste, wie bei asiatischen Kampfsportarten die Verbeugungen vor und nach dem Kampf. Nicht selten kommt es aber auch vor, dass sich beide am Ende des Kampfes in den Armen liegen und gegenseitig zum Sieg gratulieren, beziehungsweise über die Niederlage trösten.
Verletzungsrisiko
Der Schwingersport ist nicht ganz ungefährlich. Regelmäßig kommt es zu Verletzungen. Die Verletzungsgefahr beim Schwingen ist, trotz Sägemehl, extrem hoch. Nicht selten werden Schwingerkarrieren durch Verletzungspech urplötzlich beendet.
