Alte Oper Erfurt: Die Geschichte von Karat

Karat, eine 1975 gegründete Band aus Berlin, gehört zu den erfolgreichsten der DDR und ist mit deutschsprachiger Rockmusik erfolgreich. Ihr bekanntestes Lied ist "Über sieben Brücken musst du gehn".

Im letzten Jahr vor dem großen Jubiläum - wer vermutet hatte, KARAT lassen es 2024 ein bisschen ruhiger angehen, um ein wenig die Ruhe vor dem Sturm zu genießen - die Berliner Kultband wird im kommenden Jahr 50 - denkt zwar logisch, aber hat die Rechnung ohne die Musiker gemacht. Denn KARAT sind traditionell dort anzutreffen, wo sie hingehören: auf den Bühnen dieses Landes!

Auf über 60 Konzerten in 2024 zelebrieren Gitarrist Bernd Römer, Schlagzeuger Heiko Jung, Keyboarder Martin Becker, Bassgitarrist Daniel Bätge und Sänger Claudius Dreilich mit Herzblut und Leidenschaft, mit musikalischem Können und stets auf Augenhöhe mit ihrem Publikum ihre großen Hits und neue Lieder.

Einmal mehr machen sie damit ihren Stellenwert in der deutschsprachigen Rock- und Popszene deutlich, warum sie bisher über zwölf Millionen Tonträger verkauften. Ob „Über sieben Brücken“, „Jede Stunde“, „Der blaue Planet“, „König der Welt“ oder „Albatros“ (um nur einige wenige zu nennen) - KARAT sind weit mehr als der Lieferant etlicher Hits. Ihre Lieder sind zu Klassikern geworden, sie erreichen nach wie vor Herz und Hirn gleich mehrerer Generationen.

Ihre bisherige Geschichte trotzt vor Superlativen. Ob Goldene Schallplatten, ob Medienpreise von der „Goldenen Europa“ bis zur „Goldenen Henne“ oder der Umstand, dass Peter Maffays größter Hit eine KARAT-Nummer ist… KARAT sind die einzige Band Ostdeutschlands, die sich schon in den frühen Achtzigern 24 („Schwanenkönig“ - 1980) bzw. 48 Wochen („Der blaue Planet“ - 1982) in den bundesdeutschen Albumcharts behaupten konnten. Die Liste der Karrierehöhepunkte lässt sich mühelos fortsetzen. Das Besondere dabei: Der Erfolg bleibt bis zum heutigen Tage an ihrer Seite.

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Sicher liegt es auch daran, dass KARAT nie müde geworden sind, sich nur auf die Erfolge der ersten Banddekade zu beschränken. Stets haben sie Stillstand vermieden und probieren immer wieder neue Dinge und Konstellationen aus. Sei es live von Unplugged bis zur Orchesterverstärkung oder unzählige neue Alben wie „Seelenschiffe“ (2015) und „Labyrinth“ (2019) - auch im kommenden Jahr zum 50. Bandjubiläum wird es ein Album mit neuen Liedern geben.

Damals wie heute war die Band in Ost und West sehr erfolgreich. Auf beiden Seiten der Mauer: Karat gehörte zu den Gruppen, die auch im Westen auftreten durften und daher bereits Anfang der Achtziger oft die Grenze passierten.

Ein Fan der ersten Stunde: Steven Reinfeld

Manch ein Fan der Ostrock-Band ist von Beginn an dabei - so wie Steven Reinfeld. Was waren für ihn die besten Konzerte?

Karat feiert 50 Jahre Bandgeschichte; Steven Reinfeld ist seit den 70ern ein treuer Fan.

Natürlich weiß Steven Reinfeld noch, wann und wo er sie zum ersten Mal gehört hat. „Mitte der Siebziger war das, in Werdau. Ich war mit meiner Schwester vor dem Radio“, sagt er. Im heimischen Kinderzimmer hörten die beiden DT64.

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Noch heute, knapp 50 Jahre später, erinnert sich Reinfeld deutlich daran, was ihm durch den Kopf ging, als „König der Welt“ aus den Radiolautsprechern durch die elterliche Wohnung schallte. „Ich dachte mir: Das ist perfekt!“, sagt er am Telefon mit sächsischem Dialekt und Aufregung in der Stimme.

Mit dem Tonbandgerät saß der Karat-Fan vor dem Radio. 5 Minuten und 39 Sekunden, mehr waren es nicht. Doch sie reichten aus, um das Leben von Steven Reinfeld in ein Davor und Danach zu teilen - vor und nach Karat. „‚König der Welt‘ ist bei mir eingeschlagen“, so drückt es der 63-Jährige selbst aus.

Die Begeisterung von damals hat sich Steven Reinfeld erhalten. Heute hat er nicht nur den Text zu „König der Welt“ drauf, sondern kann so gut wie jeden Song von Karat mitsingen. Er hat Dutzende ihrer Konzerte besucht, hat seine Idole mehrfach auch abseits der Bühne getroffen und über alle Höhen und Tiefen hinweg ihre Karriere verfolgt.

Los ging das im Jahr 1978, als Karat ihr erstes Album auf den Markt brachten. Die Popularität der noch jungen Band um Sänger Herbert Dreilich war bereits enorm. Kurz zuvor hatte sie den Kunstpreis der FDJ hatte erhalten, auch den Grand Prix beim Internationalen Schlagerfestival hatte sie gewonnen.

Bis zum ersten Konzert hat es allerdings etwas gedauert. Erst 1985 war es so weit. Auf der Freilichtbühne am Schwanenteich nahe Zwickau habe Karat damals gespielt. „10 Mark und 5 Pfennig“, fügt Reinfeld an. So viel kostete die Eintrittskarte. Er hat sie bis heute aufgehoben.

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Überhaupt hat der einstige Fahrdienstleiter der Deutschen Bahn eine beachtliche Sammel-Leidenschaft rund um Karat entwickelt. Dutzende Autogrammkarten und signierte Fotos hat er im Laufe der Jahre zusammengetragen. Dass er jede Platte der Band hat, versteht sich fast von selbst.

Das Karat-Konzert in Zwickau damals war das erste von über 40, die Steven Reinfeld seither besucht hat. Aus gutem Grund, wie er findet: „Das war ja das Ding: Die waren live besser als auf der Schallplatte!“, sagt er über die Band, die am 22. Februar 1975 in Heidenau bei Dresden ihr erstes Konzert gab.

Erfurt, Alte Oper, 2010: Ein besonderes Konzert

Ob es ein Konzert gibt, dass ihm besonders in Erinnerung geblieben ist? Der Karat-Fan überlegt nicht lange: „Erfurt, Alte Oper, 2010.“ Nicht nur der Sound, die ganze Aufmachung habe damals gestimmt. Auch weil Ed Swillms dabei war, erklärt Reinfeld.

Karat feierte dort seinen 35. Geburtstag. Am Ende gab es sogar eine Torte für die Musiker und ihre Fans - und viel Zeit für Autogramme.

Diese Nahbarkeit zwischen den Ostrockern und ihren Anhängern wusste Reinfeld stets sehr zu schätzen. Zuletzt sei die Beziehung allerdings distanzierter geworden. Gesprächs- und Autogramm-Möglichkeiten nach dem Konzert gebe es immer seltener, beklagt der Fan der ersten Stunde.

Trotzdem ist Steven Reinfeld froh, dass es Karat überhaupt noch gibt. Als Frontmann Herbert Dreilich 2004 verstarb, hatte er die Band bereits am Ende gewähnt.

Dreilichs Sohn Claudius hatte Reinfeld indes nicht auf dem Schirm. Der damalige Ikea-Manager übernahm bereits 2005 die Rolle als Nachfolger seines verstorbenen Vaters. Und als Steven Reinfeld ihn zum ersten Mal singen hörte, traute er seinen Ohren kaum. „Das war fast dasselbe. Da hatte ich Tränen in die Augen. Ich hab gesagt: Jetzt geht es weiter.“

Und das tut es bis heute. In wenigen Tagen veröffentlicht Karat ein neues Album und startet auf die Jubiläums-Tour „Karat 50“. Sogar eine Kreuzfahrt zusammen mit Fans ist geplant. Ein Ende ist vorerst also nicht in Sicht. Doch wie soll es für Karat weitergehen? „Ich bleibe Karat treu.“

Karat: Eine musikalische Reise durch die Zeit

Ob ein thüringisches Bergwerk oder der Circus Krone in München, ob das Gewandhaus Leipzig oder der Kaiserbädersaal an der Ostsee, ob die Alte Oper in Erfurt, der Berliner Admiralspalast oder die Meistersingerhalle in Nürnberg - die aktuelle Konzertsaison ist zweifelsohne ein KARAT-Jahr.

Nach der zwangsbedingten Corona-Pause meldet sich die Berliner Kultband zurück mit den großen Hits und neuen Liedern, mit Herzblut und Leidenschaft, mit musikalischem Können sowie stets auf Augenhöhe mit ihrem Publikum - und nicht zuletzt mit neuem Energielevel.

Mit über 50 Konzertterminen machen KARAT deutlich, dass mit ihnen weiterhin zu rechnen ist, dass sie sich nie als Altherrenriege verstanden, die sich auf den großen Erfolgen vergangener Zeiten ausruht. Und sie steuern mit der aktuellen Tournee auf ein großes Bandjubiläum zu: KARAT werden 2025 50 Jahre jung. Fünf Dekaden, in denen KARAT zu einem veritablen Stück deutscher Rockkultur avancierten, den Lebenssoundtrack gleich mehrerer Generationen lieferten.

Bald 50 Jahre KARAT stehen für eine wechselvolle Laufbahn mit einigen Aufs und Abs - auch in der Personalie, wie bei fast jeder der wenigen Bands, die ein so außergewöhnliches Jubiläum feiern kann. Karat starteten im Gründungsjahr gar mit zwei Sängern, Musiker wie Henning Protzmann, Thomas Kurzhals oder Michael Schwandt - um nur einige zu nennen - prägten die Band.

Seit bald 20 Jahren steht der Sänger Claudius Dreilich am Frontmikro. Der tragische Krebstod seines Vaters Herbert Dreilich, der viel mehr als nur der Sänger dieser Band war, sondern ihr Gesicht und ihre Seele verkörperte, schien im Jahr 2004 das Ende von KARAT zu markieren.

Claudius Dreilich führt die bewährten Kontinuitätslinien nicht nur authentisch fort, er bereichert KARAT mit ganz eigenen Facetten.

An seiner Seite die Urgesteine Bernd Römer (Gitarre, seit 1976 dabei) und Martin Becker (Keyboards, seit 1992) sowie erst seit diesem Jahr der Bassist Daniel Bätge und der Schlagzeuger Heiko Jung. Beide sind in der Szene keine Unbekannten - schon Udo Lindenberg, Wolfgang Niedecken, Jan Josef Liefers und Clueso profitierten von ihrem musikalischen Können. Bei KARAT eröffnen sie den gestandenen Männern neue Perspektiven und pumpen frische Energie ins Unternehmen.

Tabelle: Einige Meilensteine in der Geschichte von Karat

JahrEreignis
1975Gründung der Band Karat
1978Veröffentlichung des ersten Albums "Karat"
1979Veröffentlichung des zweiten Albums "Über sieben Brücken" (später als "Albatros" in der BRD)
1982Auftritt bei "Wetten, dass..?" als erste und einzige DDR-Band
2004Tod von Herbert Dreilich
2005Claudius Dreilich übernimmt den Gesang
201035-jähriges Jubiläum, Konzert in der Alten Oper Erfurt
202550-jähriges Bandjubiläum

Der Name KARAT steht nach wie vor für die seltene Symbiose aus mehrheitstauglichem Pop und emotionalen Tiefgang. Noch immer meidet die Band kreativen Stillstand. Längst wird zwischen den vielen Konzertterminen an neuen Songs gearbeitet, die im Jubiläumsjahr auf einem neuen Album erscheinen sollen.

Als das Jazzkonzept seiner Gruppe Panta Rhei Mitte der 1970er Jahre an Popularität verlor, entschloss sich der Bassist Henning Protzmann, eine neue Band zu gründen. Das Ziel war die Produktion publikumswirksamerer, aber trotzdem anspruchsvoller Musik.

Nachdem sie ihre ersten vier Aufnahmen beim Rundfunk erstellt hatten (Du und ich, Schwester, Leute, welch ein Tag und Ich lauf’ durch die Stadt, aufgenommen vom 24. bis 28. Januar 1975), gaben Karat am 22. Februar 1975 in Heidenau bei Dresden ihr erstes Konzert.

Bis Ende 1975 produzierte Karat insgesamt 13 Rundfunkaufnahmen, die die Gruppe schnell bekannt machten, obschon die Kritik bezüglich der ersten Songs durchaus geteilter Meinung war.

Durch den Gewinn des Grand Prix beim Internationalen Schlagerfestival 1978 mit den Titeln König der Welt und Über sieben Brücken mußt du gehn gelang Karat der endgültige Durchbruch.

Bereits 1979 wurde das zweite Album Über sieben Brücken bei Amiga herausgebracht. Im September 1979 durfte Karat erstmals kommerziell in West-Berlin auftreten.

Nach einer ausgedehnten Tourneesaison mit zahlreichen Gastspielen im Ausland erschien im Frühjahr 1980 das von lyrischen Stücken geprägte Album Schwanenkönig, dessen Texte hauptsächlich vom Journalisten Norbert Kaiser stammten.

Schwanenkönig wurde in beiden Teilen des geteilten Deutschlands gleichzeitig veröffentlicht und setzte die Erfolgsgeschichte von Karat fort, sorgte jedoch auch für Kritik bezüglich des poetischen und musikalischen Werdegangs der Band.

Im September 1981 stellte Karat im Rahmen eines Live-Auftritts zum Weltfriedenstag auf dem August-Bebel-Platz in Ost-Berlin erstmals das Lied Der blaue Planet vor.

Die wenig später erschienene Single wurde zum Verkaufsrenner und ließ die Erwartung des Publikums und der Medien auf das neue Album erheblich steigen. In der Tat gelang der Gruppe 1982 mit dem musikalisch wie inhaltlich geschlossenen Album Der blaue Planet der vermutlich größte Erfolg ihrer Geschichte.

Außerdem hatte Karat im selben Jahr als erste und einzige DDR-Band einen Auftritt bei Wetten, dass..?

Noch im selben Jahr produzierte Karat ihre nächste LP Die sieben Wunder der Welt, die Anfang 1984 veröffentlicht wurde.

Am 7. Oktober 1984 wurde Karat und dem Texter Norbert Kaiser durch den Staats- und Parteichef Erich Honecker der Nationalpreis für Kunst und Kultur verliehen.

1986 wurde Karat außerdem mit der Goldenen Europa ausgezeichnet.

Aufgrund der merklichen Veränderung des politischen Klimas sowie neuer Tendenzen auf dem Musikmarkt nahm das Interesse des Publikums an Karat und den meisten anderen Künstlern der DDR in der Folgezeit kontinuierlich ab.

Als die Gruppe am 9. November im AMIGA-Studio an dem Duett Über sieben Brücken mußt Du geh’n von Herbert Dreilich und Peter Maffay arbeitete, öffnete sich in unmittelbarer Nähe des Tonstudios die Berliner Mauer.

Das später von zahlreichen Radiosendern gespielte Duett wurde in Folge zur „Hymne des Jahres“ und zum „Lied der deutschen Wiedervereinigung“.

Dessen ungeachtet konnte Karat beim Open Air Festival auf dem Hockenheimring, das am 25. und 26. August 1990 stattfand, mit einem Konzert vor einer Kulisse von 120.000 Menschen noch einen Erfolg verbuchen.

Im Mai 1996 trat Karat in der populären WDR-Sendung Rockpalast in der Berliner Waldbühne auf.

Am 9. Oktober 1997 erlitt Herbert Dreilich bei einem Konzert in Magdeburg einen Schlaganfall, was die Zukunft der Band zunächst ungewiss erscheinen ließ. Doch schon 1998 kehrte er auf die Konzertbühne zurück.