Der Leipziger Timo Feucht hatte das Ziel, einer der besten MMA-Kämpfer der Welt zu werden. Doch seine Vergangenheit als Hooligan holte ihn ein und warf einen dunklen Schatten auf seine sportliche Laufbahn.
Ein Traum in Abu Dhabi
In der Nacht auf den 11. Juli 2020 befand sich Timo Feucht in Abu Dhabi, seinem großen Traum für einen kurzen Moment ganz nah. Aus seinem Hotelzimmer blickte er auf die Glitzerwelt, während er sich in der Form seines Lebens wähnte.
MMA in Deutschland: Eine schwierige Etablierung
Seitdem die Bayerische Medienanstalt dem Sportsender DSF im Jahr 2010 untersagte, MMA-Kämpfe im Rahmen der „Ultimate Fighting Championship“ (UFC) auszustrahlen, konnte sich MMA in Deutschland - verglichen mit dem Boxsport - nicht wirklich etablieren. Auch nach der Aufhebung des Verbots durch das Landgericht München 2014 nicht.
Zu einem neuen MMA-Event, das bei ranFIGHTING zu sehen sein wird, gehört das Event „Nova Fighting Championship“ (Nova FC). Mitveranstalter ist Peter Sobotta, der selbst beim weltweit größten MMA-Format „Ultimate Fighting Championship“ unter Vertrag steht. Mit Nova FC will er MMA in Deutschland wieder präsenter machen.
Kontroversen und Verbindungen zur rechten Szene
Die UFC positionierte sich in der Vergangenheit mehrmals deutlich gegen rechte Inhalte. So verbannte sie das kalifornische Neonazi-Label, bzw. den Sponsor „Hoelzer Reich“ von ihren MMA-Events und sprach sich vielfach gegen eine Förderung von Neonazis und Rassist*innen aus.
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Dass im Rahmen der Nova FC rechte Hooligans wie Timo Feucht kämpfen sollen, lässt sich jedoch nicht nur an Peter Sobottas, sondern auch an Tim Leideckers Teilhaberschaft an der Fight Night in Balingen herleiten.
Als am 11. Januar 2016 etwa 250 Neonazis und rechte Hooligans den Leipziger Stadtteil Connewitz überfielen, war Timo Feucht einer der 215 im Anschluss an den Angriff von der Polizei festgesetzten Personen. Mindestens vier weitere Personen aus seiner Trainingsstätte „Imperium Fight Team“ wurden ebenfalls von der Polizei im Nachgang des Überfalls in Gewahrsam genommen. Seit dem 16. August 2018 wird in dem Zusammenhang wegen Landfriedensbruch u.a. am Amtsgericht Leipzig verhandelt.
Nur wenige Monate später, im September 2016, wurde Feucht und weitere seiner Trainingspartner - die als Neonazi-Hooligans des 1. FC Lokomotive Leipzig berüchtigt sind - in Gera (Thüringen) von der Polizei festgehalten. Dabei fand man Waffen und Vermummungsutensilien.
Auch an den rassistischen Mobilisierungen und Ausschreitungen 2018 in Wurzen und Chemnitz nahm Feuchts „Imperium Fight Team“ teil. In diesem Zusammenhang hat sich vor allem sein Trainer und Mentor Benjamin Brinsa hervorgetan.
Mit seinem Coaching im „Imperium Fight Team“ fördert Benjamin Brinsa nicht nur rechte Hooligans, organisierte Neonazis und Aktivist*innen der extrem rechten „Identitären Bewegung“, sondern strebt an, diese Mischung salonfähig zu machen. Unter dem Namen „Imperium Fighting Championship“ (IFC) versuchte er mit Hilfe von Strohmännern bis 2016 ein Format zu etablieren, in dem die rechte Kampfsportszene fester Bestandteil war.
Trainierenden und kämpfenden Neonazis geht es hauptsächlich nicht darum, sich für den nächsten sportlichen Wettkampf fit zu machen, sondern um die Verknüpfung einer nationalistischen, menschenfeindlichen Ideologie, die gegenüber vermeintlich „schwachen Personen“ (die nicht in menschenfeindliche Weltbild passen) Stärke demonstriert und diese unterdrücken will.
Das „Imperium Fight Team“ - das sich auf dem Gelände einem ehemaligen Frauenaußenlager des Konzentrationslagers Buchenwald befindet - ist keine Trainingsgruppe, in der sich ein paar gewaltbereite Hooligans verlaufen haben, sondern eine Ansammlung von organisierten, gewaltausübenden KampfsportlerInnen.
Die Rolle der MMA-Veranstaltungen
Es darf nicht hingenommen werden, dass rechten Hooligans und Neonazis eine Bühne ermöglicht wird, auf der sie als faire Kampfsportler dargestellt werden und durch die sie Zugang zu weltweiten MMA-Ranglisten bekommen.
Wenn ein Timo Feucht mit seinem ,,Imperium Fight Team“ in den Ring treten kann - egal wo - besteht die Gefahr, dass sich das Team um Benjamin Brinsa als legitime Kampfsportstruktur in der MMA-Szene etablieren kann.
MMA-Veranstaltungen wie „Nova Fighting Championship“ tragen demnach eine Verantwortung, welche Kämpfer*innen in ihren Octagon treten dürfen.
We Love MMA und die wachsende Popularität
Während Berlin vom ersten Schneetreiben bedeckt war, fand in der Mercedes-Benz-Arena die 62. „We Love MMA“-Veranstaltung statt. Man spricht auch von „Deutschlands härtester Liga“, in der die 6000 Zuschauer zehn Kämpfe bestaunen konnten.
MMA ist eine Vollkontakt-Sportart und vereint in sich gleich mehrere traditionelle und nichttraditionelle Kampfsportarten: Boxen, Kickboxen, Karate, Taekwondo, Muay Thai, klassischen Bodenkampf, Ringen, Brazilian Jiu-Jitsu und Judo.
Das Publikum applaudiert jedem Kämpfer, die Fighter begegnen sich mit Respekt: Sie klatschen vor und nach dem Kampf ab, umarmen sich teilweise danach, schütteln sich die Hände mit dem gegnerischen Trainerteam.
Rechtsextremismus im Kampfsport
Kampfsport ist in den vergangenen Jahren zu einem Raum geworden, den auch Rechtsextreme nutzen. Das betrifft auch Mixed Martial Arts.
"Ich denke, dass alle Kampfsportarten für Extremisten jeglicher Art attraktiv sind - aufgrund des Gewaltpotenzials", sagte Clemens Werner, Präsident der German Mixed Martial Arts Federation (GEMMAF), im Dlf. Dementsprechend sei auch Mixed Martial Arts attraktiv für Rechtsextremisten.
Einige Gyms, also Trainingsstudios tauchten in den Verfassungsschutzberichten der Landesbehörden nicht auf, obwohl sie deutlich rechtsextrem seien.
Konkret geht es um eine Verpflichtung des weltweit führenden Verbandes UFC: Der hatte den deutschen MMA-Kämpfer Timo Feucht unter Vertrag genommen, obwohl der bekanntermaßen zur rechten Szene gehört hat.
Der Fall Balingen
Im Zusammenhang mit dem Mixed-Martial-Arts-Kampfabend in der Balinger Sparkassen Arena stellt sich die Frage der Verquickung von Sport und Politik: Unter den Kämpfern befand sich mit Timo Feucht ein Mann, der der rechtsradikalen Leipziger Hooligan-Szene zugerechnet wird.
Feucht gehört dem "Imperium Fight Team" in Leipzig an; sein Trainer ist Benjamin Brinsa. Die UFC, weltweit der größte Mixed-Martial-Arts-Veranstalter, hatte dem Kämpfer Brinsa bereits vor Jahren gekündigt, nachdem dessen Umtriebe in der Neonazi-Szene bekannt geworden waren.
Feucht wiederum gehörte Berichten zufolge 2016 zu den mehr als 200 rechtsradikalen Personen, die nach einem Übergriff im Leipziger Stadtteil Connewitz festgenommen wurden.
Die Befürchtung nun: Über das "Imperium Fight Team" fördert Brinsa nicht nur Kämpfer der rechten Szene, sondern macht sie und das entsprechende Gedankengut sowie die Posen und deren "Kämpferhaltung" über die Teilnahme an Veranstaltungen wie jener in Balingen auch salonfähig.
Auf Feucht angesprochen, sagte Tim Leidecker, Veranstalter des Balinger Kampfabends, dass man alle Sportler einer "engmaschigen Hintergrundprüfung" unterzogen habe. Feucht habe man wie allen anderen Kämpfern deutlich zu verstehen gegeben, dass man "auf unserem Event keine diskriminierenden, extremistischen oder rassistischen Handlungen oder Symbole" tolerieren werde.
Für Feucht gelte, betont Leidecker, die Unschuldsvermutung: Er sei nicht vorbestraft, nicht angeklagt. Allerdings sei er einer der derzeit besten deutschen Mixed-Martial-Arts-Kämpfer.
Das Imperium Fight Team und seine Verbindungen
Benjamin Brinsa reißt die Käfigtür auf und stürmt ins grelle Licht der Scheinwerfer. Dort hat sein Kämpfer Timo Feucht gerade den fünften MMA-Fight seiner noch jungen Karriere gewonnen.
Feucht war mit einer Fahne in den Käfig eingelaufen, auf der »VfB Hooligans« stand. Auch Benjamin Brinsa, Chef des Leipziger »Imperium Fight Teams«, trägt den Kampfnamen »The Hooligan«, war viele Jahre führendes Mitglied der extrem rechten Hooligangruppe »Scenario Lok«.
Rund die Hälfte des Publikums kommt aus der extrem rechten Szene und dem sächsischen Hooliganismus, plus ein paar Rocker der Leipziger Hells Angels.
So überrascht es kaum, dass die Liste der Personen, die im Januar 2016 in Leipzig-Connewitz polizeilich festgesetzt wurden, aus einer bunten Riege an Fußballfans, Kampfsportlern und Mitgliedern extrem rechter Kameradschaften besteht.
Denn neben diversen Kämpfern des »Imperium Fight Teams« - unter ihnen jener Timo Feucht - fand sich auch Martin Krause. Dieser trainiert seit geraumer Zeit bei der Leipziger Konkurrenz vom »Bushido Gym«, kommt aber ursprünglich aus Chemnitz, trägt den Leitspruch der Waffen-SS »Ruhm und Ehre« groß auf seinem Schlüsselbein. Die Abkürzung steht für die Gruppe »Hooligans - Nazis - Rassisten«.
Das dichte Netzwerk extrem rechter Subkultur aus Musik, Hooliganismus und Kampfsport haben in den vergangenen 30 Jahren ganze Generationen junger Männer und Frauen durchlaufen, sie wurden in ihnen sozialisiert.
Der 1. FC Lokomotive Leipzig und seine rechte Szene
Seit 2004 spielen beim 1. FC Lokomotive Leipzig auch neonazistische und extrem rechte Fans eine bedeutende Rolle. Insgesamt lässt sich seitdem von einer rechten Hegemonie in der Fanszene sprechen.
Einige Ereignisse im Verein lassen Zweifel an der beschworenen Ausrichtung gegen jede Form von Diskriminierung aufkommen.
Mit Enrico Böhm war ein zukünftiger NPD-Stadtrat und eine zu dieser Zeit prominente Figur der Leipziger Neonaziszene im Umfeld der BLUE CAPS anzutreffen und auf der Webseite der Gruppe wurde für Neonaziaufmärsche in Leipzig geworben.
Im Umfeld von SCENARIO LOK, 2004 als Ultra-Gruppierung gegründet, bewegten sich zahlreiche Neonazis. Die Überschneidungen zwischen SCENARIO LOK und der Neonazi-Gruppierung FREIE KRÄFTE LEIPZIG waren unübersehbar. Außerdem waren mehrere Personen aus dem Umfeld von SCENARIO später maßgeblich für den Brückenschlag der Fan- und Hooliganszene zum Kampfsport verantwortlich und prägten das IMPERIUM FIGHT TEAM.
Die 2000er-Jahre sind von einer Hegemonie der extremen Rechten in der Fankurve vom 1. FC LOKOMOTIVE LEIPZIG gekennzeichnet. Gruppen, die sich dem rechten Mainstream widersetzten, hatten es in dieser Zeit schwer im Bruno-Plache-Stadion.
Mit der Rockergang ROWDYS EASTSIDE bildete sich um das Jahr 2015 beispielsweise ein Motorradclub, dem bis heute maßgeblich Personen aus der extrem rechten Fan- und Hooliganszene des Vereins sowie dem organisierten Neonazismus angehören.
Der führende Kopf des IFT, Benjamin „The Hooligan“ Brinsa, strebte zeitweise eine Karriere als professioneller MMA-Kämpfer an. Unter der Beteiligung des IFT etablierte sich ab 2014 die Veranstaltungsreihe IMPERIUM FIGHTING CHAMPIONSHIP (IFC), ein Kampfsportevent, welches bis 2016 fünf Auflagen erlebte und zu Spitzenzeiten bis zu 1.500 Besucher*innen anlockte, die „größtenteils aus der sächsischen Hooliganszene, extrem rechten Strukturen und von den Leipziger Hells Angels“ stammten.
Neben dem Versuch mit der IFC ein kommerzielles Kampfsportevent in der Stadt zu verankern, bemühte sich das IFT außerdem um den Aufbau professioneller Trainingsstrukturen.
Dass diese nicht nur in sogenannten „Ackerkämpfen“ zwischen Hooligans oder im Rahmen von Kampfsportveranstaltungen eingesetzt werden, sondern auch gegen politische Gegner*innen und Menschen, die nicht ins extrem rechte Weltbild passen, zeigte sich bei verschiedenen Angriffen.
Die Integration des Nachwuchses setzte sich in den kommenden Jahren fort, wobei das IFT eine zentrale Rolle spielte. So verkörpern zentrale Figuren des IFT, wie etwa Benjamin Brinsa, ein Männlichkeitsbild, welches auf Autorität, Männlichkeit und ökonomischem Erfolg basiert und damit auf gewisse junge Männer in Leipzig und den angrenzenden Landkreisen anziehend zu wirken scheint.
Ihre Gewaltkompetenz hatten die beiden Angreifer unter anderem im Rahmen von Trainingseinheiten im IFT geschult.
Wie ihre Vorbilder aus Loks extrem rechter Fan- und Hooliganszene beschränkte sich die junge Generation jedoch nicht auf rassistische Angriffe und die Konfrontation mit politischen Gegner*innen.
Einige junge Männer traten, gecoacht von den Führungsfiguren des IFT, bei professionellen Kampfsportevents an, sie beteiligten sich abseits des Stadions an Hooligankämpfen und drängten, unter anderem in Gestalt der seit etwa 2020 auftretenden Gruppierung BANDA RESOLUTA, auch in die Kurve des Bruno-Plache-Stadions.
