Die Interpretation von Karats "Albatros": Ein Symbol für Freiheit und Unabhängigkeit

Der Sturmvogel Albatros mit seinen mächtigen Schwingen hat schon viele Künstler inspiriert. Im Pop entstanden zwei ganz besondere Songs: 1968 schrieb Gitarrist Peter Green für Fleetwood Mac sein unsterbliches, schwebendes Instrumental. Elf Jahre später ließ die Berliner Band Karat auf dem Album „Über sieben Brücken“ ihren Albatross steigen.

Die Entstehung von "Albatros"

Keyboarder Ulrich Swillms, der „Ed“ genannt wurde, fand eine eigenartige Tonfolge auf dem Synthesizer, spielte Streicher dazu, sang beim Komponieren eine Melodie, bevor er noch ein mächtiges zweistimmiges Gitarrenthema im Mittelteil einwob. Dazu ließ der Text aufhorchen. Denn Herbert Dreilich besang hier einen Vogel, der mit seinem Freiheitswillen alle Schlösser und Riegel, alle Fesseln und Ketten sprengt - „Gefangenschaft heißt für ihn Tod“.

Laut Karat-Gitarrist Bernd Römer ging der Text von Norbert Kaiser bei den DDR-Kulturbehörden nur durch, weil er als Anklang an Pablo Nerudas Ode vom „Gemordeten Albatros“ gehört werden konnte; Solidarität mit den Sozialisten in Chile war damals ein großes Thema im DDR-Rock. Der Song hat bis heute nichts von seiner Kraft verloren, passte mit seinen mehr als acht Minuten Spieldauer aber nicht ins Radio, anders als Titel wie „König der Welt“, „Über sieben Brücken“, „Gewitterregen“, „Schwanenkönig“, „Der Blaue Planet“ oder „Jede Stunde“ - allesamt Karat-Hits jener Jahre, alle komponiert von Ed Swillms.

Die Bedeutung des Albatros

Der Song Albatros von Karat hält die symbolische Figur des Albatros hoch, die nicht nur ein majestätischer Vogel ist, sondern auch ein Zeichen für Freiheit und Unabhängigkeit repräsentiert. In den ersten Strophen beschreibt der Text, wie der Albatros um die Erde fliegt, ohne Grenzen und mit Würde. Diese Freiheit des Albatros steht im Kontrast zu den ängstlichen Matrosen, die oft von den Weiten des Meeres eingeschüchtert sind.

Ein zentrales Thema des Liedes ist die Gefangenschaft. Der Albatros, der in Schlingen gefangen wird, spiegelt die Not der Menschen wider, die unterdrückt oder in ihrer Freiheit eingeschränkt sind. „Die Sklaven der Erde“ werden in einem Atemzug mit dem Albatros genannt, was verdeutlicht, dass das Schicksal der einen auch das der anderen beeinflusst.

Lesen Sie auch: "Über sieben Brücken musst du gehn": Eine Analyse

Der Text malt kräftige Bilder von Kämpfen gegen die Widrigkeiten, von stürmischen Gewässern und dem unermüdlichen Drang, die Fesseln zu sprengen. Der Albatros symbolisiert den unbezwingbaren Geist und den Wunsch nach Freiheit, selbst unter extremen Bedingungen. Diese Metaphern laden die Hörer ein, darüber nachzudenken, wie wichtig es ist, für seine Freiheit zu kämpfen und nicht aufzugeben, egal wie stark die Herausforderungen auch sein mögen.

Ed Swillms: Der musikalische Kopf von Karat

Der Musiker, 1947 in Berlin geboren, hatte schon ab 1962 die Spezialklasse der Hochschule für Musik besucht, studierte Cello und Klavier. Doch kurz vor dem Abschluss packte ihn der Pop. Swillms spielte in den Semesterferien am Klavier Soulmusik in Bars. Er stieg bei der Band Die Alexanders ein.

Eine frühe, nur im Fernseharchiv erhaltene Aufnahme zeigt schon 1970, wohin seine musikalische Reise gehen würde: Im Instrumentalstück „Kloster Chorin“ spielte er Cembalo und Orgel; Herbert Dreilich steuerte ein jazziges Gitarrensolo bei. Beide Musiker spielten bei der Jazzrock-Gruppe Panta Rhei weiter zusammen. Von Swillms stammt das programmatische „Alles fließt“ - eine soulige Progrock-Nummer, die auch von Colosseum oder King Crimson hätte stammen können.

Als der Zuspruch zu vertrackten Klängen nachließ, fanden sich Dreilich und Swillms ab 1975 bei Karat wieder zusammen. Die elegisch-schwärmerischen Keyboard-Klänge von Swillms, die weiche Stimme von Herbert Dreilich und die metaphernreichen Texte von Norbert Kaiser ergaben einen Dreiklang, der Karat zur erfolgreichsten DDR-Band jener Jahre machte.

"Über sieben Brücken": Ein Hit für Ost und West

Ihre erfolgreichste Nummer, „Über sieben Brücken musst du geh'n“, war als Begleitung eines gleichnamigen Fernsehfilms entstanden und von Helmut Richter getextet worden. Karat hatten das Stück frühmorgens in einem Übertragungswagen des DDR-Rundfunks aufgenommen. Das Cover von Peter Maffay baute ihnen die Brücken gen Westen - Karat verkauften Millionen Alben, spielten in der Waldbühne und gastierten bei „Wetten, dass ..?“. Ihre Alben spielten der DDR so viele Devisen ein, dass sich der Druck auf die Band erhöhte. Karat sollten möglichst alle zwei Jahre ein neues Album abliefern.

Lesen Sie auch: Musikalische Bezüge bei Karat

Eines Tages hörte Peter Maffay den Song im Autoradio - und war sofort begeistert. Schwandt: „Bei unserem Konzert 1980 in Wiesbaden besuchte er uns in unserer Garderobe. Er sagte, er würde den Song gern auf seine CD nehmen. Dass es Maffay war, der mit diesem Lied den Siegeszug durch den Westen antrat, war zum Teil Schuld der Politik: „Auch die West-Sendungen wollten, dass wir mit dem Titel auftreten”, erinnerte sich Bernd Römer.

Doch das DDR-Kulturministerium ordnete an: Keine Präsenz unserer Künstler in Westmedien! Allein in der DDR wurden 750 000 Platten verkauft, in der BRD noch einmal über eine Million. Und dann fiel die Mauer: „Am 9. November 1989 spielten wir im Amiga-Studio heimlich für eine neue West-Version des Hits die Streicher ein", erinnert sich Römer.

Jahr Ereignis
1978 Karat gewinnt mit "Über sieben Brücken" den "Grand Prix" beim Internationalen Schlagerfestival in Dresden.
1979 Die LP "Über sieben Brücken musst du gehn" erscheint beim DDR-Plattenlabel "Amiga" und wird vergriffen.
1980 Peter Maffay covert "Über sieben Brücken" und landet einen Hit im Westen.
1989 Nach dem Fall der Mauer spielt Karat heimlich eine neue West-Version von "Über sieben Brücken" ein.

Die Vielschichtigkeit der Interpretation

Man könnte den Text mehrdeutig interpretieren. Da die Zensur dies entweder nicht erkannte oder nicht ahnden konnte, da der Text eben nicht offensichtlich darauf einging, griff die Zensur nicht.

Eine Interpretation wäre der Phoenix aus der Asche, angelehnt an die DDR_Hymne "Auferstanden aus Ruinen", was vielleicht die Zensoren dem Song andichteten. Viele Fans sahen im Text allerdings ihr eigenes Dasein beschrieben, weshalb der Song auch einer der erfolgreichsten Songs der DDR wurde und Karat zum Kult machte.

Das Ende einer Ära

Nach 1986 gab es keine Komposition mehr von Ed Swillms zu hören. Der klassisch geschulte Ed Swillms, der sehr penibel arbeitete und ausgefeilte Partituren seiner Stücke schrieb, konnte und wollte keine Einfälle erzwingen. Er zeigte sich zudem genervt vom Tourstress mit den gefühlt endlosen Autofahrten und den billigen Hotelzimmern.

Lesen Sie auch: "Über sieben Brücken" analysiert

Damit er in Ruhe komponieren konnte, stieg er live immer öfter aus. Karat engagierte zusätzliche Keyboarder - und zwar Hochkaräter wie Thomas Natschinski und Thomas Kurzhals, die auch Eigenes beisteuerten. Bis zum fünften Studioalbum „Die sieben Wunder der Welt“ 1984 aber stammten fast alle Kompositionen von Swillms - darunter alle wesentlichen Stücke, von denen die Band bis heute zehrt.

Seit 1987 galt er aber nicht mehr als Mitglied von Karat - ohnehin hatte die Band damals stark an Bedeutung verloren. Denn schwelgerische Lieder über sterbende Schwäne passten kaum noch in die Zeit - Pankow, Silly oder City hatten da Schärferes zu bieten.