Schwung beim Schwingen: Ein umfassender Überblick

Das Schwingen ist ein typisch schweizerischer Sport mit einer langen Tradition. Kein anderer Zweikampfsport kennt ein solches Feuerwerk an verschiedenen Angriffsvarianten wie das Schwingen. Im Schwingen gibt es rund 100 Schwünge, dazu zahlreiche Varianten. Das Lehrbuch enthält rund 100 Schwünge.

Dazu kommt, dass jeder Böse aus den rund 100 Standardschwüngen Spezialvarianten entwickelt. Das heisst, er passt einen Schwung auf seine Kampfweise und Postur an: Das bedeutet, dass es wohl über 150 verschiedene Angriffsvarianten gibt. Diese Vielfalt kommt auch daher, weil es im Schwingen - anders als im Boxen, Ringen oder Judo - keine Gewichtsklassen gibt. Daher gibt es Schwünge für die grossen, kräftigen Titanen, die auf Kraft und Wucht basieren sowie Varianten für die kleineren, flinken Herausforderer, die mit der Hebelwirkung des Körpers und der Ausnützung der Kraft des Gegners fehlende Postur und Kraft wettmachen. Ein Sieg über einen 20 Zentimeter grösseren und 40 Kilo schwereren Gegner ist keine Sensation.

Oftmals kommt es zu einem Feuerwerk: Zur Kombination mehrerer Angriffsschwünge hintereinander, die so blitzschnell durchgeführt werden, dass selbst Kenner nicht mehr genau sagen können, mit welchem Schwung die Entscheidung herbeigeführt worden ist. Grundsätzlich gilt: Ein Angriffsschwung muss blitzschnell, hochkonzentriert und mit maximaler, explosiver Kraftentfaltung geführt werden - sonst besteht die Gefahr des Konters.

Die wichtigsten Schwünge im Überblick

Hier sind die wichtigsten Schwünge, die jeder Schwinger beherrschen sollte:

Der Kurz - der «Panzerangriff»

Die geradlinigste, wuchtigste Angriffsvariante («Panzerangriff»), die vor allem von grossen kräftigten Bösen eingesetzt und den Jungschwingern als erster Schwung beigebracht wird. Er wird aus dem Stand heraus mit festen Griffen ausgeführt. Der Kurz führt meistens zum platten Resultat mit Maximalnote. Der angreifende Schwinger reisst seinen Gegner auf die Knie und wirft ihn dann mit leicht gedrehtem Körper zum Resultat. Die Kraftentfaltung erfolgt explosiv und wird oft mit einem «Urschrei» begleitet.

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Allerdings muss der Angreifer aufpassen, dass er beim Kurz nicht in einen Konter läuft. Wird ein Kurzzug nicht explosiv geführt - wenn beispielsweise ein Schwinger zum zweiten oder dritten Mal in einem Gang diese Angriffsvariante wählt - pariert der Gegner und kontert.

Der Gammen - kein Entkommen aus dem Schraubstock

Der Gammen ist, wie der Kurz, ein Standschwung, der von grossen, kräftigen Schwingern bevorzugt wird und gegen den es kaum ein Gegenmittel gibt. Der Angreifer reisst den Gegner durch explosive Kraftentfaltung fest an sich, Front an Front, so dass er nicht mehr nach hinten ausweichen kann (in den Schraubstock nehmen). Dafür braucht es titanische Kräfte. Nun wird das rechte Bein hakenförmig um die äussere Seite des linken Unterschenkels des Gegners geschlagen. Mit Druck der rechten Schulter auf die linke des Gegners wird dieser rückwärts auf den Rücken geworfen.

Der Nachteil des Gammen: Die Knie werden sehr stark belastet.

Der Langzug - «vom Himmel obenache»

Die spektakulärste Angriffsvariante, die früher Kreisschwingen hiess. Der Gegner wird nicht, wie beim Kurz, auf die Knie geladen oder wie beim Gammen «zur Brust» genommen. Sondern mit einem gewaltigen Ruck gleich hochgehoben (dem Publikum gezeigt) und anschliessend durch die Luft gewirbelt, indem sich der Angreifer mehrmals um die eigene Achse dreht bis er im passenden Augenblick den Gegner in einem Bogenwurf wie «vom Himmel obenache» auf den Rücken schmettert.

Der Langzug ist der schönste und rassigste, aber zugleich anspruchsvollste Angriffschwung, den es im Schwingen gibt. Es braucht die perfekte Kombination aus Kraft, Beweglichkeit, Explosivität und Mut.

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Der Lätz - auf dem falschen Fuss erwischt

Der perfekte Angriffsschwung, aber sehr anspruchsvoll. Der Angreifer täuscht einen Kurzzug an, dreht blitzschnell seinen Oberkörper und wirft in die entgegengesetzte Richtung - auf die «lätze» (Berndeutsch für falsch) Seite - zum Resultat. Der Gegner, der einen Kurzzug erwartet, wird damit im volkstümlichen Sinne «auf dem falschen Fuss» erwischt.

Der Brienzer - aufgepasst auf Konter

Wird so genannt, weil angeblich Ende des 19. Jahrhunderts ein Schwinger aus der Gemeinde Brienz erstmals diesen Schwung gezeigt hat. Der Angreifer packt mit der rechten Hand den Gurt hinter dem Rücken des Gegners, macht eine Drehung nach rechts und greift mit dem linken Arm über die Schulter oder den Nacken ebenfalls nach dem Gurt im Rücken. Gleichzeitig blockiert er mit dem linken Bein das rechte Bein des Gegners und wirft ihn auf den Rücken.

Eine technisch anspruchsvolle Angriffsart, die in verschiedensten Varianten vorgetragen wird.

Der Hüfter - die Geheimwaffe der Underdogs

Durch die Hebelwirkung des Körpers wird der Hüfter ausgeführt und ist deshalb ein bevorzugter Schwung von kleineren Schwingern gegen grössere und kräftigere Böse. Aber auch technisch starke, flinke Titanen beherrschen ihn. Der Angreifer packt mit der rechten Hand den linken Oberarm des Gegners, springt mit der linken Hüfte blitzschnell unter den Gegner und hebt ihn mit der Hüfte vom Boden ab. Durch Vorbeugen des eigenen Körpers wird der Gegner kopfüber ins Sägemehl geworfen.

Der Übersprung - die Allzweckwaffe

Der einfachste Wurf, sozusagen die Allzweckwaffe für alle Situationen, auch geeignet zum Kontern. Der Angreifer springt mit dem rechten oder dem linken Bein möglichst tief hinter das Bein des Gegners und wirft diesen unter Mithilfe des Oberkörpers direkt auf den Rücken. Eine Spezialität des Königsanwärters Matthias Sempach.

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Der Buur - die Notlösung

Was tun, wenn es einfach nicht gelingt, den Gegner aus dem Stand heraus zu werfen und es zum kräfteraubenden Gerangel am Boden kommt? Da hilft nur noch der Buur. Der Gegner wird mit dem Oberkörper blockiert. Mit der einen Hand wird das Knie erfasst, mit der anderen der Gurt und der Gegner wird überdrückt.

Vorteil: So kann auch ein Gegner bezwungen werden, der extrem defensiv schwingt und «aus den Griffen» geht. Nachteil: Es gibt nur selten die Maximalnote.

Der Wyberhaken

Der Schwinger klemmt beim Wyberhaken das gegnerische Bein mit den eigenen Beinen ein und hakt nachher mit einem Bein ein. Dadurch ist der Kontrahent in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt und kann sich kaum mehr befreien. Dann wird der Gegner nach vorne gedrückt und direkt auf den Rücken gelegt, was meist zur Maximalnote führt.

Warum der anspruchsvolle Schwung als Wyberhaken bezeichnet wird, ist umstritten. Seine Effizienz aber nicht.

Weitere wichtige Aspekte des Schwingens

Neben den verschiedenen Schwüngen gibt es noch weitere wichtige Aspekte im Schwingen:

  • Einteilung: Vor jedem «Gang» (Kampf) teilt das Kampfgericht die Schwinger ein. Es wird nach jedem Gang neu bestimmt, wer gegen wen zu schwingen hat.
  • Gang: Nach der Einteilung folgt der eigentliche Wettkampf: Der Gang.
  • Gstellt: Gstellt ist die Bezeichnung für ein Unentschieden im Schwingsport, wenn also in der vom Kampfgericht bestimmten Zeit keine Entscheidung fällt.
  • Kranz: An einem Kranzfest gewinnen 15 bis 18 Prozent der Teilnehmer den begehrten Eichenlaub.

Bewertung im Schwingen

Pro Gang werden dem Sieger und dem Verlierer Noten verteilt. Dabei wird die Notenskala 8.25 - 10.00 verwendet. Schlussendlich gewinnt der Schwinger mit der höchsten Gesamtpunktezahl das Schwingfest. Ein Gang gilt als entschieden, wenn ein Schwinger mit dem Rücken ganz oder bis Mitte beider Schulterblätter gleichzeitig den Boden berührt.

Die Schwinger werden aufgrund des Resultates in einem Gang bewertet. Für einen siegreichen Gang gibt es die Noten 10,00 (Plattwurf) und 9,75 beim Nachdrücken, für einen «Gestellten» die Noten 9,00 (bei offensiver Schwingweise) oder 8,75 (Normalbewertung) und ein verlorener Gang wird mit den Noten 8,75 (bei offensiver Schwingweise) oder 8,50 honoriert. Deshalb ist ein Sieg nicht gleich Sieg und kann am Ende über eine Teilnahme am Schlussgang entscheiden. Aber wer entscheidet eigentlich über die Wertung? Genau, die Schiedsrichter - beim Schwingen «Kampfrichter» genannt.

Pro Sägemehlring gibt es jeweils drei Kampfrichter (beim ESAF alle aus verschiedenen Teilverbänden). Ein Kampfrichter (Platzkampfrichter) beobachtet das Geschehen auf dem Sägemehlring - immer mit Blickrichtung zum Kampfrichtertisch bzw. seinen Kampfrichterkollegen. Die anderen beiden Kampfrichter sitzen am Tisch und beobachten vom Platzrand aus den Kampf. Der Platzkampfrichter wird dabei nach jedem der sechs resp.

Bekleidung der Schwinger

Die Schwinger treten in zwei verschiedenen Bekleidungen an. Die Sennenschwinger tragen eine dunkle Hose und ein Edelweisshemd. Als Turnerschwinger werden die Schwinger mit weisser Hose und einem weissen T-Shirt bezeichnet.

Das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest (ESAF)

Das «ESAF» (Eidgenössische Schwing- und Älplerfest) steht vor der Tür. Das Eidgenössische Schwingfest wird nur alle drei Jahre ausgetragen. Zudem erhalten nur rund 15% der Schwinger einen Kranz.

Der Sieger aus dem ESAF-Schlussgang gewinnt schliesslich den gesamten Wettkampf und darf sich fortan «Schwingerkönig» nennen. Seit dem ersten Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest (1895) wurde in der Regel dem Sieger dieser Titel zugesprochen. Ausnahmen bildeten die Jahre 1945 und 1950, wo er keinem Schwinger zugesprochen wurde. Der Grund war beides Mal ein resultatloser Schlussgang, verbunden mit passivem Verhalten der jeweiligen Finalisten.

Nebst dem Schwingerkönig werden noch weitere Schwinger als «Eidgenosse» ausgezeichnet. Dies sind jene Schwinger, die einen «Kranz» gewinnen. Dieses begehrte Eichenlaub erhalten nur die besten 15 bis 18 Prozent der Teilnehmer.

Neben dem Eichenlaub für den Sieger und die «Kranzer» gibt es natürlich noch viele weitere Preise. Traditionell erhält der Schwingerkönig einen «Muni» (oder den entsprechenden Gegenwert). Nebst solchen «Lebendpreisen» für die besten Schwinger können die Wettkampfteilnehmer aus einem «Gabentempel» ihren Gewinn auswählen.

Wichtige Schwünge im Schwingen
Schwung Beschreibung
Kurz Geradliniger, wuchtiger Angriff aus dem Stand.
Gammen Standwurf, bei dem der Gegner im Schraubstock genommen wird.
Langzug Spektakulärer Wurf, bei dem der Gegner durch die Luft gewirbelt wird.
Lätz Angriff, bei dem ein Kurzzug angetäuscht wird.
Brienzer Technisch anspruchsvoller Wurf mit verschiedenen Varianten.
Hüfter Wird durch die Hebelwirkung des Körpers ausgeführt.
Übersprung Einfacher Wurf, geeignet zum Kontern.
Buur Notlösung, wenn der Gegner am Boden ist.
Wyberhaken Anspruchsvoller Schwung, der meist zum Plattwurf führt.