Verbale Anfeindungen und physische Gewalt sind im Krankenhausbetrieb leider immer häufiger an der Tagesordnung: Pflege- und Rettungskräfte, Ärztinnen und Ärzte und andere Beschäftigte mit Publikumsverkehr werden immer häufiger mit Gewalt konfrontiert.
Die zunehmende Gewaltbereitschaft in deutschen Kliniken zwingt das Gesundheitssystem zum Handeln. Immer häufiger sind Ärzte und Pflegekräfte verbalen und körperlichen Übergriffen durch Patienten und deren Angehörige ausgesetzt.
Als Hauptursachen für die Gewalt werden alkohol- oder schmerzbedingte Übergriffe, ein allgemeiner Respektverlust und krankheitsbedingtes Verhalten genannt.
In vielen Häusern ist es auch totgeschwiegen worden. Jetzt reden alle offen darüber, aber es belastet die Mitarbeiter natürlich weiter.
Das gibt es bei uns im Haus schon länger, dass solche Vorfälle fast an der Tagesordnung sind, gerade in Bereichen wie der Notaufnahme. Das reicht von Beschimpfungen, Bedrohungen, Beleidigungen, Anspucken bis hin zu Festhalten, Schlagen und Treten.
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Für die Betroffenen kann eine solche Attacke schwerwiegende Folgen haben, die auch langfristig zu spürbaren Beeinträchtigungen und Einschränkungen bei der Berufsausübung führen. Angst und Unsicherheit sind keine Basis für ein gesundes Arbeitsklima.
Das Klinikum Leverkusen als Vorreiter
Ein Vorreiter in diesem Bereich ist das Klinikum Leverkusen, wo Chefarzt Marc Busche persönlich das Klinikpersonal schult.
Das Klinikum Leverkusen ist als erstes Krankenhaus dem Präventionsnetzwerk #sicherimDienst beigetreten. Die Initiative der Landesregierung NRW bietet wichtige Hilfestellungen für Sicherheit und Schutz von Beschäftigten im öffentlichen Dienst.
„Die Beschäftigten im Gesundheitswesen sind Gesichter des öffentlichen Handelns. Wir müssen gemeinsam für ihren Schutz und ihre Sicherheit sorgen“, sagt die medizinische Geschäftsführerin Dr. Anja Mitrenga-Theusinger. „Handlungsempfehlungen, best practice und der Austausch von Erfahrungen können hilfreich sein zur Entwicklung von Maßnahmen zum Schutz unserer Beschäftigten.“
Das Gewaltschutztraining
Deshalb bietet das Klinikum Leverkusen seit etwa zwei Jahren das Gewaltschutztraining an.
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Zum Wohle der Mitarbeitenden hat sich das Klinikum bereits vor Monaten dem Thema „Berufsspezifisches Interventions- und Sicherheitstraining“ strukturiert angenommen.
Gemeinsam mit den Mitarbeitenden unserer Zentralen Notfallambulanz wollen Jessica Odenthal, Stab für Betriebliches Gesundheitsmanagement, und Prof. Dr. Marc N. Busche, Leiter der Plastischen und Ästhetischen Chirurgie, das Thema Sicherheit auch im Gesundheitswesen in den Fokus zu rücken und effektive präventive Maßnahmen für unsere Beschäftigten entwickeln.
Am Dienstagnachmittag haben die Netzwerk-Vertreter Anne Herr und Andre Niewöhner dem Klinikum Leverkusen - vertreten durch Jessica Odenthal und Prof. Dr. Marc N. Busche - die Mitgliedsurkunde überreicht und das Klinikum als neuen Partner im Netzwerk begrüßt.
Busche, der seit über 30 Jahren im Kampfsport aktiv ist, demonstriert in realistischen Szenarien, wie man sich effektiv gegen Angriffe verteidigt.
„Sicherheitsdienste sind zwar sinnvoll, aber sie können nicht immer sofort eingreifen“, erklärt Busche.
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Sicherheitsdienste an Kliniken seien zwar durchaus sinnvoll, so der Chefarzt, wenn ein Patient aber plötzlich ausraste, dauere es zu lange, bis sie vor Ort seien.
Busche spielt einen aufgebrachten Patienten, seine Kollegin eine Pflegekraft. Die Situation wird in zwei Szenarien vorgespielt. In der ersten Variante ist die Kollegin ungeschützt und gerät durch den Schlag ins Taumeln. In der zweiten Variante schützt sie sich, indem sie ihren Arm eng an ihr Gesicht presst.
Um die beiden herum stehen mehrere Klinik-Mitarbeiter. Busche erklärt ihnen, worauf es ankommt: Abstand vom Angreifer, Arme vor den Körper und sicherer Stand.
Einen Messerangreifer zu entwaffnen sei gefährlich und nahezu aussichtslos, sagt Schulungsleiter Busche. Zu Vorführungszwecken nimmt er seinen Arztkittel und schlägt damit auf seine Kollegin ein, die mit einem Spielzeugmesser bewaffnet vor ihm steht.
"Ich treffe den Kopf und die Augen und kann dann die angreifende Person damit so ablenken, dass ich weglaufen kann", ruft Busche, während er seinen Kittel schwingt.
Inhalte und Ziele der Schulungen
Wir haben seit 2022 angefangen, unsere Mitarbeiter zu schulen: in Gewaltprävention und Selbstverteidigung.
Unter anderem schulen wir unsere Mitarbeiter, so selbstsicher aufzutreten, dass sie auf potenzielle Gewalttäter nicht wie ein "Opfer" wirken. Außerdem sollen die Leute Warnzeichen erkennen, dass es bald gefährlich werden könnte.
Dann sollen sie möglichst den potenziellen Gewalttätern nicht allein gegenübertreten oder sich anderweitig Hilfe holen.
Im Gewaltschutztraining lernt sie unter anderem, wie sie sich bei Schlägen schützen und aus Würgegriffen befreien kann. Auch der Umgang mit Messern wird thematisiert.
Zunehmende Gewalt als gesamtgesellschaftliches Problem
Es ist völlig unberechenbar, man kann es den Leuten nicht ansehen. Ich bin selbst schon einmal angegriffen worden.
Das Klima im Krankenhaus sei in den vergangenen Jahren definitiv rauer geworden, sagt er.
Aber das ist ja nicht ein Phänomen, das von heute auf morgen gekommen ist. Es hat sich in den letzten Jahren immer weiter gesteigert.
Nicht alle Gewaltvorfälle an Kliniken werden gemeldet und statistisch erfasst, allerdings ist aus der Polizeilichen Kriminalstatistik NRW ein deutlicher Anstieg abzulesen.
Im Jahr 2019 gab es in nordrhein-westfälischen Krankenhäusern demnach 1218 Gewalttaten, im vergangenen Jahr waren es 1705 Fälle.
Für besonderes Aufsehen hatte vor etwa zwei Wochen eine Prügel-Attacke in Essen gesorgt, bei der sechs Klinik-Mitarbeiter verletzt worden sind.
Solche Nachrichten verfolgen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Leverkusen sehr aufmerksam, erzählt Alissa Gallo. "Wir reden oft im Team darüber und haben Angst, dass es uns bald auch mal trifft."
Verbale Gewalt in Form von Beleidigungen und Drohungen begegnen ihr in ihrem Arbeitsalltag häufiger, sagt die junge Frau.
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter finden die Schulung an ihrer Klinik sinnvoll. Es sei aber auch traurig, dass sie überhaupt notwendig ist, sagen einige von ihnen.
Jessica Odenthal freut sich, „als erstes Mitgliedsunternehmen aus dem Gesundheitswesen in Zusammenarbeit mit den Netzwerkpartnern #sicherimDienst ein Pilotprojekt planen zu können“.
Das Netzwerk „#sicherimDienst“ umfasst als Netzwerkpartner Beschäftigte aus 300 Behörden, Institutionen, Verbänden oder Organisationen und bietet die Möglichkeit zum gemeinsamen Austausch rund um das Thema Gewalt am Arbeitsplatz, stellt Praxisbeispiele und allgemeine, sowie tätigkeitsbezogene Handlungsempfehlungen zur Verfügung.
Und es wächst stetig weiter und macht durch Aktionen und Öffentlichkeitsarbeit auf die Thematik aufmerksam.
Weitere Maßnahmen zur Gewaltprävention
Neben den Deeskalationstrainings setzen viele Krankenhäuser auch auf Zutrittskontrollen, Videoüberwachung und spezielle Leitlinien im Umgang mit aggressiven Patienten.
In Nordrhein-Westfalen hat das Präventionsnetzwerk #sicherimDienst in Zusammenarbeit mit der lokalen Krankenhausgesellschaft einen Leitfaden zur Gewaltprävention veröffentlicht.
Die Maßnahmen zur Gewaltprävention sind ein wichtiger Schritt, um die Sicherheit und das Wohlbefinden des Klinikpersonals zu gewährleisten.
