König der Welt: Die Bedeutung des Karat-Textes

Deutsche Geschichte in einer Band - kaum eine andere Band steht dafür wie Karat. Berühmt wurden sie durch deutsche Songs wie „Über sieben Brücken mußt du geh‘n“.

Die Geschichte von Karat

Die Ost-Berliner Rockband Karat, die auch schon vor der Wende in der BRD bekannt war, wurde spätestens nach ihrem Nummer 1-Hit „Über sieben Brücken mußt du geh‘n“ eine im Westen fest etablierte Rockband.

"Über sieben Brücken musst du gehn"

Ursprünglich hat die Gruppe den Song für den gleichnamigen Fernsehfilm geschrieben, doch schnell wurde das Lied zum eigenständigen Hit. Im Verlauf der Dreharbeiten schlug Dramaturg Peter Jakubeit (*1939) vor, den Film mit einem Titelsong zu versehen, der die erzählte deutsch-polnische Liebesgeschichte auf eine sinnbildhafte Ebene projizieren und zugleich als dramaturgischer Anker im Film fungieren sollte. Helmut Richter schrieb dafür einen Text, der die Titelzeile seiner Erzählung zum Kern einer ins Allgemeinmenschliche zielenden melancholischen Betrachtung über die Mühen des Lebens machte, und Ed Swillms komponierte dazu eine ebenso suggestive wie kongeniale Musik.

Den Songtext können viele mitsingen, die wenigsten wissen aber, wie Karat auf den Text gekommen sind. Die Lyrics des deutschen Songs stammen aus einer polnischen Fabel. Das Lied dreht sich um die Liebesbeziehung eines polnischen Mannes und einer deutschen Frau. Die Sehnsucht und das Gefühl von Freiheit spielen auch eine wichtige Rolle.

"Wir haben uns in einem verräucherten Club kennengelernt. Und das war ja keine alltägliche Geschichte - eine ostdeutsche Band und ein westdeutscher Sänger", erinnert sich der deutsche Sänger Peter Maffay im MDR-Gespräch. Er coverte das Lied und machte es im Westen erst richtig berühmt.

Lesen Sie auch: "Der König des Karate" im Detail

Das Kulturministerium der DDR verbot Karat, ihren Song im Westen zu spielen.

ÜBER SIEBEN BRÜCKEN MUSST DU GEHN entstand 1977 im Zusammenhang mit der Musik zu einem Film des DDR-Fernsehens nach einer gleichnamigen Novelle des Leipziger Schriftstellers Helmut Richter aus dem Jahr 1975. Regisseur Hans Werner (*1950) war es gelungen, Ulrich “Ed“ Swillms (*1947) für die Filmmusik zu gewinnen, Keyboarder der 1975 in Ostberlin gegründeten DDR-Rockgruppe Karat, der sich als Komponist mehrerer Hits bereits einen Namen gemacht hatte.

Die Gruppe Karat übernahm den Song sofort in ihr Repertoire und erhielt damit 1978 beim Internationalen Schlagerfestival in Dresden den Grand Prix. Im gleichen Jahr erschien die Aufnahme des DDR-Fernsehens auf Amiga, dem Popmusik-Label der staatlichen Plattenfirma VEB Deutsche Schallplatten, als A-Seite einer Single.

ÜBER SIEBEN BRÜCKEN MUSST DU GEHN wurde in der DDR zu einem Hit als die Fassade des “real existierenden Sozialismus“ unübersehbare Risse bekam, die ein Jahrzehnt später dann mit dem Fall der Berliner Mauer zum Ende des SED-Staates führten.

War es Anfang der 1970er Jahre mit Erich Honecker als Nachfolger von Walter Ulbricht in den höchsten Ämtern von Partei und Staat zunächst zu einer Phase der Liberalisierung gekommen, die u.a. mit der Förderung der einst bekämpften Rockmusik in der DDR vor allem bei der Jugend ein Gefühl des Aufschwungs auslöste, so brach dieser Prozess mit der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann (*1936) im November 1976 jäh ab.

Lesen Sie auch: Die Bedeutung von König der Welt

Mit einer damals schon nicht mehr für möglich gehaltenen Zuspitzung der Konflikte begann die DDR-Führung Andersdenkende systematisch auszugrenzen, was vor allem den Künstlern aller Genres und Sparten das Arbeiten zunehmend unmöglich machte. In der Konsequenz wurde auch die Rockmusik ab 1977 von einer Ausreisewelle getroffen, die das künstlerische Potenzial empfindlich dezimierte.

Zugleich begann eine Generation junger Musiker, inspiriert nicht zuletzt durch die Verweigerungshaltung des britischen Punk Rock, die Kompromisse aufzukündigen, die ihre Vorgänger um einer möglichst unbehelligten Entwicklung ihrer Musik willen noch eingegangen waren. Immer häufiger wurden die stillschweigend vereinbarten Tabus nun sowohl in den Texten wie auch in der Musik verletzt. Das wiederum nahm die SED zum Anlass für ein noch konsequenteres Vorgehen, was den Druck weiter erhöhte.

Vor diesem Hintergrund gab es für Musiker und Bands eigentlich nur die Alternative, wenn sie sich nicht mit Auftrittsverboten aus dem Land treiben lassen wollten, entweder auf die zermürbenden Auseinandersetzungen einzugehen und entsprechende Kompromisse zu machen oder aber zu versuchen, den Repressalien durch eine schwer greifbare und damit auch schwer angreifbare Metaphorik in den Texten zu entgehen.

Karat hat letzteren Weg gewählt und schon auf dem ersten Album mit Songs wie “König der Welt“ (1978), “Märchenzeit“ (1978), später dann mit “Albatros“ (1979), “Schwanenkönig“ (1980) oder eben auch mit “Über sieben Brücken musst Du gehn” Musterbeispiele für eine solche diffuse Metaphorik geschaffen. Die nicht selten kryptischen Texte bildeten die Stimmungslage aber so genau ab, dass diese Songs in der DDR durchweg zu Massenerfolgen wurden.

ÜBER SIEBEN BRÜCKEN MUSST DU GEHN ist eine klassische Rockballade in Strophenliedform. Der zweistrophige Song ist durchweg aus zweitaktigen melodischen Phrasen aufgebaut, die sich nur wenig voneinander unterscheiden und in auf- und absteigender Bewegung nicht mehr als den Tonraum einer Quinte durchschreiten. Das macht den Song nicht nur sehr einprägsam, sondern erzeugt eine eigenartig kreisende melodische Bewegung. Die Melodie scheint immer wieder neu anzusetzen.

Lesen Sie auch: Rocklegende Karat

Die sechzehntaktigen Strophen sind aus zwei Achttaktern aufgebaut, die ihrerseits aus zwei Viertaktern zusammengesetzt sind. Die zweite Viertaktgruppe weicht harmonisch in die Moll-Parallele der Grundtonart aus, was den Zweitaktgruppen hier einen hinreichend kontrastierenden Charakter gibt, ohne dass der melodische Duktus um der Kontrastwirkung willen verändert werden musste.

Einen besonderen Charakter erhält der Song aber dadurch, dass die zweitaktigen melodischen Phrasen immer erst verzögert, auf dem zweiten Viertel des ersten Taktes beginnen. Die immer wieder neu ansetzende kleinteilige Melodik scheint auf den achttaktigen Refrain, der den beiden Strophen jeweils nachgestellt ist, förmlich zuzulaufen ( nach der ersten Strophe durch die Textzeile “und dann such ich Trost in einem Lied“ effektvoll unterstützt). Mit seinem hymnischen Charakter ist der Refrain der Kulminationspunkt des Songs.

Es sind nur kleine Veränderungen an den melodischen Zweitaktgruppen, die die Verschiebung ins Hymnische bewerkstelligen. So ist die Melodiestimme im Refrain nicht mehr solo, sondern im chorischen Unisono gesungen. Sie setzt hier nicht um ein Viertel verzögert, sondern jeweils ein Viertel vor Taktbeginn ein. Die melodischen Phrasen werden damit auftaktig. Die Achtelfolge des melodischen Verlaufs ist durch zwischengeschobene Viertel unterbrochen, so dass Ruhepunkte in der Bewegung entstehen. Durch Überbindungen von Achteln sind Synkopen gesetzt, was den Melodieverlauf hier deutlich spannungsreicher als in den Strophen macht. Obwohl der Gesamteindruck ein ganz anderer ist, sind die Zweittaktgruppen, aus denen sich der Refrain zusammensetzt, dennoch nichts anderes als eine modifizierte Variante der Zweitaktgruppen aus der Strophe.

Nach der zweiten Strophe wird er wiederholt und dient so zugleich als Outro. Es ist dieser ebenso einfache wie kunstvolle Aufbau, dem die ungebrochene Popularität dieses Songs geschuldet ist. Zudem bilden Text und Musik hier nicht nur formal eine nachgerade perfekte Einheit. Den diffusen Erinnerungsbildern mit ihrer ungerichteten Sehnsucht, die die Strophen heraufbeschwören und die mit der Zeile “manchmal scheint man immer nur im Kreis zu gehn“ den melodischen Duktus der Zweitaktphrasen geprägt haben, entspricht der zerfließende Klangcharakter, in denen nur die Singstimme Kontur besitzt.

ÜBER SIEBEN BRÜCKEN MUSST DU GEHN wurde in der DDR immens populär. Sowohl die 1978 erschienene Single wie auch das 1979 erschienene Album waren Verkaufserfolge, auch wenn das damals nicht viel hieß, da die Auflagen in der DDR im vorhinein limitiert waren und die festgesetzte Auflagehöhe nur sehr bedingt etwas mit der realen Nachfrage zu tun hatte. Mit der Single platzierte sich die Band auf Platz 2 der DDR-Jahreshitparade hinter ihrem Titel “König der Welt“.

Das Album erschien noch im gleichen Jahr in der Bundesrepublik auf dem von dem Westberliner Rock-Promoter Peter Schimmelpfennig (*1944) eigens für den Import von DDR-Rockmusik gegründeten Label Pool unter dem Titel “Albatros“ mit leicht geänderter Songfolge. ÜBER SIEBEN BRÜCKEN MUSST DU GEHN wurde als Single-Auskopplung dem Album vorausgeschickt.

Durch das Radio wurde auch der westdeutsche Rocksänger Peter Maffay (*1949) auf den Song aufmerksam und produzierte 1980 eine Cover-Version mit einem eigenem, von einem ausgedehnten Saxophonsolo geprägten Arrangement. Seine Version trug erheblich dazu bei, dass ÜBER SIEBEN BRÜCKEN MUSST DU GEHN zu einem der populärsten deutschsprachigen Songs überhaupt werden konnte.

Mit erfolgreichen Cover-Versionen sind später sowohl Xavier Naidoo (*1971) im Duett mit dem türkischstämmigen Schweizer Popsänger Erkan Aki (*1969) als auch der irische Pop-Sänger Chris De Burgh (*1948) hervorgetreten, der unter dem Titel “Seven Bridges“ eine englischsprachige Version des Songs veröffentlicht hat. Eine recht eigenwillige Version hat auch das von fünf jungen Opernsängern gegründete deutsche Klassik-/Pop-Crossover-Projekt Adoro eingespielt.

Die Bedeutung von "König der Welt"

Das Lied König der Welt von Karat thematisiert die herausragende Stellung der Liebe im menschlichen Leben. Der Sänger beschreibt, dass das Herz, das liebt, eine Art König ist. Indem er sagt: König der Welt ist das Herz, das liebt", vermittelt er, dass echte Liebe immense Macht und Bedeutung hat. Der liebevolle Herzschlag wird metaphorisch als ein 'Ritterschlag' bezeichnet, der dem anderen gilt. Dies verdeutlicht, wie wichtig die Verbundenheit zu einem geliebten Menschen ist.

Der Text ermutigt die Zuhörer, sich vor der 'herrlichen Majestät' der Liebe zu verneigen, was die Achtung und Wertschätzung der Liebe symbolisieren kann. Diese Verneigung steht für die Bereitschaft, die Liebe zu ehren und anzuerkennen, was im Leben wirklich zählt. Zudem wird das Publikum aufgefordert, selbst wie ein König zu sein, indem man liebt. Diese Botschaft macht deutlich, dass jeder, der liebt, die Welt in gewisser Weise für sich erobert.

Weitere Erfolge und das Erbe von Karat

Die 1980er-Jahre werden das Jahrzehnt für die Band. Gleich zu Beginn tüftelt die Gruppe an einem neuen Album. 1982 kommt mit „Der Blaue Planet“ der größte Erfolg der Bandgeschichte in die Läden. In den Folgejahren kamen weitere Hits dazu - die großen Erfolge blieben allerdings aus. Trotzdem gehören sie nach wie vor zu den Top-Bands des Ostens.

2004 dann die Hiobsbotschaft: Sänger Herbert Dreilich erkrankt schwer und stirbt im Dezember im Alter von 62 Jahren an seiner Krebserkrankung, und sein Sohn Claudius steht vor der wichtigsten Entscheidung seines Lebens: Manager in Shanghai werden oder Sänger von KARAT.

"Das ist ein Zufallsprodukt gewesen", erinnert sich Claudius: „Das war zum 25-jährigen Jubiläum von KARAT in der Berliner Wuhlheide. Da wurden die Kinder der Kollegen gefragt, ob wir die Band nicht überraschen wollen und einen Song von KARAT spielen. Ich sollte dann die Abendstimmung singen. Und ich fing an zu singen, doch da war Ruhe im Publikum. Ich dachte, da habe ich irgendwas falsch gemacht. Zum Glück merkte das ein Redakteur hinter der Bühne und sagte zu meinem Vater: Du musst da jetzt rausgehen und die zweite Stimme singen, denn die denken sonst alle, der tut nur so.

Schon als Kind wohnte Claudius Konzerten der Rockband bei. Claudius Dreilich, der seit mittlerweile 20 Jahren Teil von KARAT ist, erklärt: „Es hat sich letztlich für die Band immer nur in eine Richtung entwickelt, und das ist die, die wir wollen: Nämlich nach vorne. Die politischen Entwicklungen auf der Welt, aber auch in Deutschland gehen nicht spurlos an den Rockern vorbei, gibt Bernd Römer zu: „Wir sollten uns immer daran erinnern, dass wir Menschen sind.

Die Songs der Gruppe KARAT sind auch in Rügen bei den Störtebeker-Festspielen 2025 präsent. „Albatros“ beispielsweise ist für mich eine der schönsten Balladen gegen Unterdrückung und der Sehnsucht nach Freiheit. Der Song "Der blaue Planet" der Gruppe KARAT entstand im Jahr 1981 und wurde 1982 auf dem gleichnamigen Album veröffentlicht.

„Tanzt unsere Welt mit sich selbst schon im Fieber?Liegt unser Glück nur im Spiel der Neutronen?Wird dieser Kuss und das Wort, das ich dir gestern gabSchon das Letzte sein? Solche Lieder und Texte begeistern - auch für die Gruppe KARAT: Keyboarder Ulrich „Ed“ Swillms war der kreative Kopf der Band von Beginn an und hat alle die Songs, die bis in die heutige Zeit alle Live-Konzerte der Band bestimmenden Titel komponiert. Angefangen beim „König der Welt“, selbstverständlich „Über sieben Brücken“, der immer noch hoch aktuelle „Blaue Planet“ und „Jede Stunde“.

Ihre Musik ist publikumsnah und inhaltlich anspruchsvoll. Ein Spagat, der bei KARAT nicht peinlich berührt. Teilweise Pop und Schlager, hauptsächlich aber Deutsch-Rock mit klassischen Elementen. Ed Swillms komponierte die meisten Songs basierend auf seiner Prägung durch sein Studium in Cello und Klavier, in dem er mit klassischer Musik in Berührung kam.

Wie vielen Künstler*innen in der DDR, hatte auch die Gruppe KARAT mit der Bürokratie zu kämpfen. Es wurde darauf geachtet, dass sie auch im Sinne des Sozialismus unterwegs waren. Vieles, was gesagt werden musste, konnte nur verschlüsselt gesungen werden. So geht es bei dem Lied „Albatros“ sicher nicht nur um diesen Seevogel. Das Lied trifft einen Nerv der DDR-Jugend und ihrer Sehnsucht nach Freiheit.

KARAT verstand sich nicht als politische Band im Auftrag der Partei, war aber auch nie Opposition. Sie waren und sind auf Themen konzentriert, die alle angehen. Lieder allein werden die Welt nicht veränderen, aber sie tragen zum Nachdenken bei und das ist bei der Gruppe KARAT garantiert.

Wie schon des Öfteren, blicken die Mitglieder der Band auch im 50. Jahr nach vorne. Anstatt eines großen Best-of-Albums gibt es zum Jubiläum ein weiteres, das 16. Studioalbum. Dennoch, auf „Hohe Himmel“, so der Titel, klingen auch die Wurzeln der Band durch. „Wir haben hier stark mit alten Soundelementen gearbeitet. Aber trotzdem, glaube ich, dass wir es auch geschafft haben, im Jetzt zu sein“, sagt der Sänger Claudius Dreilich.

„Wir wollten nicht zurückgucken, weil wir immer nach vorne gucken - da muss man sich ein bisschen orientieren. Deswegen ist es ein Album, was vielleicht die Leute in dieser Art und Weise erst mal überrascht. KARAT hat im Laufe der Jahre mehrere Besetzungswechsel erlebt.

Die Musik und die Texte von KARAT treffen auf ein Lebensgefühl und erreichen die Leute: Ihre Songs begleiten viele Menschen schon ihr Leben lang und wecken Erinnerungen. Aber auch junge Leute entdecken die Musik von KARAT für sich und füllen die Konzertsäle. Musik als Kraftspender in schwierigen Zeiten. Dinge, die nicht gesagt werden durften und Befindlichkeiten mit und gegen den Staat in lyrischen Worten ausdrücken. So entstehen ganze Welten mit ihren Liedern, und die Gruppe muss kreativ sein und bleiben, um Dinge auf Umwegen und verklausuliert zu sagen.

Die Bandmitglieder sind ein streitbares Völkchen und ringen gemeinsam um den richten Sound, die passende Liedzeile. „KARAT ist man nicht nur auf der Bühne. KARAT muss man leben.“ (Adele Walter, Managerin) Die Bandmitglieder bleiben aktiv und neugierig und stehen mitten im Leben. „Die Konstante bei KARAT ist die ständige Veränderung!“ so ein Mitglied der Band beim Blick zurück auf 50 Jahre und behaupten selbstbewusst von sich und ihrer Musik: „Wir waren gestern da. Wir sind heute da.

Der Sturmvogel Albatros mit seinen mächtigen Schwingen hat schon viele Künstler inspiriert. Im Pop entstanden zwei ganz besondere Songs: 1968 schrieb Gitarrist Peter Green für Fleetwood Mac sein unsterbliches, schwebendes Instrumental. Elf Jahre später ließ die Berliner Band Karat auf dem Album „Über sieben Brücken“ ihren Albatross steigen. Keyboarder Ulrich Swillms, der „Ed“ genannt wurde, fand eine eigenartige Tonfolge auf dem Synthesizer, spielte Streicher dazu, sang beim Komponieren eine Melodie, bevor er noch ein mächtiges zweistimmiges Gitarrenthema im Mittelteil einwob. Dazu ließ der Text aufhorchen.

Denn Herbert Dreilich besang hier einen Vogel, der mit seinem Freiheitswillen alle Schlösser und Riegel, alle Fesseln und Ketten sprengt - „Gefangenschaft heißt für ihn Tod“. Laut Karat-Gitarrist Bernd Römer ging der Text von Norbert Kaiser bei den DDR-Kulturbehörden nur durch, weil er als Anklang an Pablo Nerudas Ode vom „Gemordeten Albatros“ gehört werden konnte; Solidarität mit den Sozialisten in Chile war damals ein großes Thema im DDR-Rock. Der Song hat bis heute nichts von seiner Kraft verloren, passte mit seinen mehr als acht Minuten Spieldauer aber nicht ins Radio, anders als Titel wie „König der Welt“, „Über sieben Brücken“, „Gewitterregen“, „Schwanenkönig“, „Der Blaue Planet“ oder „Jede Stunde“ - allesamt Karat-Hits jener Jahre, alle komponiert von Ed Swillms.

Der Musiker, 1947 in Berlin geboren, hatte schon ab 1962 die Spezialklasse der Hochschule für Musik besucht, studierte Cello und Klavier. Doch kurz vor dem Abschluss packte ihn der Pop. Swillms spielte in den Semesterferien am Klavier Soulmusik in Bars. Er stieg bei der Band Die Alexanders ein. Eine frühe, nur im Fernseharchiv erhaltene Aufnahme zeigt schon 1970, wohin seine musikalische Reise gehen würde: Im Instrumentalstück „Kloster Chorin“ spielte er Cembalo und Orgel; Herbert Dreilich steuerte ein jazziges Gitarrensolo bei. Beide Musiker spielten bei der Jazzrock-Gruppe Panta Rhei weiter zusammen. Von Swillms stammt das programmatische „Alles fließt“ - eine soulige Progrock-Nummer, die auch von Colosseum oder King Crimson hätte stammen können.

Als der Zuspruch zu vertrackten Klängen nachließ, fanden sich Dreilich und Swillms ab 1975 bei Karat wieder zusammen. Die elegisch-schwärmerischen Keyboard-Klänge von Swillms, die weiche Stimme von Herbert Dreilich und die metaphernreichen Texte von Norbert Kaiser ergaben einen Dreiklang, der Karat zur erfolgreichsten DDR-Band jener Jahre machte. Ihre erfolgreichste Nummer, „Über sieben Brücken musst du geh'n“, war als Begleitung eines gleichnamigen Fernsehfilms entstanden und von Helmut Richter getextet worden. Karat hatten das Stück frühmorgens in einem Übertragungswagen des DDR-Rundfunks aufgenommen. Das Cover von Peter Maffay baute ihnen die Brücken gen Westen - Karat verkauften Millionen Alben, spielten in der Waldbühne und gastierten bei „Wetten, dass ..?“. Ihre Alben spielten der DDR so viele Devisen ein, dass sich der Druck auf die Band erhöhte. Karat sollten möglichst alle zwei Jahre ein neues Album abliefern.

Nach 1986 gab es keine Komposition mehr von Ed Swillms zu hörenDer klassisch geschulte Ed Swillms, der sehr penibel arbeitete und ausgefeilte Partituren seiner Stücke schrieb, konnte und wollte keine Einfälle erzwingen. Er zeigte sich zudem genervt vom Tourstress mit den gefühlt endlosen Autofahrten und den billigen Hotelzimmern. Damit er in Ruhe komponieren konnte, stieg er live immer öfter aus. Karat engagierte zusätzliche Keyboarder - und zwar Hochkaräter wie Thomas Natschinski und Thomas Kurzhals, die auch Eigenes beisteuerten. Bis zum fünften Studioalbum „Die sieben Wunder der Welt“ 1984 aber stammten fast alle Kompositionen von Swillms - darunter alle wesentlichen Stücke, von denen die Band bis heute zehrt. Seit 1987 galt er aber nicht mehr als Mitglied von Karat - ohnehin hatte die Band damals stark an Bedeutung verloren. Denn schwelgerische Lieder über sterbende Schwäne passten kaum noch in die Zeit - Pankow, Silly oder City hatten da Schärferes zu bieten.

Warum es nach 1986 keine Komposition dieses hochbegabten Mannes mehr zu hören gab, gehört zu den Rätseln des ostdeutschen Pop. Swillms selbst erklärte in den raren Interviews, er wolle lieber zu englischen Texten komponieren und interessiere sich mehr für Blues und Soul. Doch angedachte Kooperationen, etwa mit der Soulsängerin Coco Fletcher, kamen nie zustande. Live war er gelegentlich zu erleben, etwa mit der Jonathan Blues Band, ab 2005 auch als Gast bei Karat - stets umjubelt, denn die Fans wussten genau, wem sie all die Hits zu verdanken hatten.

Aus den Konflikten der Band hielt er sich heraus. Dass sich Karat Anfang des Jahres von zwei altgedienten Mitstreitern trennte, nämlich von Schlagzeuger Michael Schwandt und Bassist Christian Liebig, mit denen Ed Swillms noch gemeinsam gespielt hatte, nannte er leichtsinnig und verantwortungslos. Die letzten drei Studioalben von Karat, die in Richtung Schlager tendierten, hatte er sich nicht mal angehört. Der zurückhaltende, introvertiert wirkende Musiker ging so unauffällig, wie er auf der Bühne agiert hatte. Erst nach der Beerdigung am Montag, den 7. August, im engsten Kreise, wurde nun öffentlich, dass Ed Swillms schon am 27.