Die Deutschen mögen dem Klischee nach ernst und diszipliniert sein, aber einmal im Jahr ist zumindest ein Teil der Republik außer Rand und Band. So wichtig ist für viele der Karneval - je nach Region auch Fastnacht oder Fasching genannt -, dass sie auch von der „fünften Jahreszeit“ sprechen. Sie beginnt am 11.11. um 11:11 Uhr.
Als Clowns, Geister oder Einhörner verkleidete Narren singen und tanzen auf den Straßen, kilometerlange Umzüge schlängeln sich durch die Innenstädte und die Lokale sind zum Bersten voll. Wer sich zu Karneval nichts ahnend in eine der deutschen Narren-Hochburgen verirrt, dem mag es vorkommen, als stünde hier alle Welt Kopf - und liegt damit nicht ganz falsch.
Die fünfte Jahreszeit hat viele Namen: In Bayern, Österreich und Sachsen ist der Begriff "Fasching" gebräuchlich. In Teilen Bayerns, Südwestdeutschlands und der Schweiz wird dagegen "Fastnacht/Fasnacht" gefeiert. "Karneval" bezieht sich auf das Rheinland. Ob die Bräuche nun Fastnacht, Fasching oder Karneval genannt werden, hängt davon ab, wo man heimisch ist.
Hier eine Übersicht der regionalen Unterschiede:
| Region | Bezeichnung |
|---|---|
| Bayern, Österreich, Sachsen | Fasching |
| Teile Bayerns, Südwestdeutschland, Schweiz | Fastnacht/Fasnacht |
| Rheinland | Karneval |
Die Wurzeln des Karnevals
Die Wurzeln des Karnevals in Deutschland sind vielfältig: Die Germanen vertrieben die Wintergeister, bei den Römern ließen es sich während der Saturnalien Herren und Sklaven an einem Tisch gut gehen. Seit dem Einzug des Christentums wollte man vor allem in den katholischen Regionen Deutschlands vor Beginn der Fastenzeit nochmal richtig feiern. Aus dieser Zeit rühren wohl auch die Begriffe „Fastnacht“ und „Karneval“ (vom lateinischen „Carne“=Fleisch und „vale“=lebe wohl).
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Karnevalszüge soll es bereits in der vorchristlichen, germanischen Zeit gegeben haben. Ursprünglich sollten damit die Geister und Dämonen des Winters vertrieben werden. Da es der katholischen Kirche nicht gelungen sein soll, das heidnische Treiben zu verhindern, soll sie den Brauch einfach aufgegriffen haben.
Ohne das höchste christliche Fest, Ostern, gäbe es keine Fastnacht. Vor der Fastenzeit galt es einst, Fleisch und verderbliche Lebensmittel - auch Bier - in einem großen, gemeinsamen Fest zu vernichten. Die Fastenzeit als Vorbereitung auf das Osterfest beginnt am Aschermittwoch (in diesem Jahr: 6. März) und dauert vierzig Tage (ohne die Sonntage).
Die fünfte Jahreszeit: Mehr als nur ein Fest
Als fünfte Jahreszeit wird Fasching bezeichnet, weil es für viele Menschen einen ebenso großen Umschwung wie sonst nur der Wechsel von Frühling, Sommer, Herbst und Winter bedeutet. Vor allem in den rheinischen Karnevalshochburgen Köln, Mainz und Düsseldorf wird die fünfte Jahreszeit pünktlich am 11.11. um 11:11 Uhr eröffnet.
Die Karnevalssession wird am 11.11. um 11.11 Uhr eröffnet. Die Vorliebe der Narren für die Zahl Elf ist nicht eindeutig geklärt, lässt sich jedoch schon im 14. Jahrhundert belegen. Sie wird teils als Zahl interpretiert, die die Gleichheit aller Menschen unter der Narrenkappe symbolisiert. Ab dem "Elften im Elften" finden Sitzungen mit Tanzgruppen, Reden und Musikbands statt. Diese Veranstaltungen und Vereine werden oft von einem sogenannten Elferrat geführt.
Als „Narren“ oder „Jecken“ bezeichnen sich alle, für die Karneval zur Lebenseinstellung gehört. Wer gerne feiert, sich selbst nicht zu ernst nimmt und ein bisschen verrückt ist, der ist „jeck“. An Karneval rufen sich die Narren lokale Feiergrüße zu: „Alaaf“ in Köln, „Helau“ in Düsseldorf, Mainz und Hessen, „Hei Jo“ in Berlin und „Ahoi“ in Bremen sind nur einige Beispiele.
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Bräuche und Traditionen
Weiberfastnacht
Zu „Weiberfastnacht“ am Donnerstag feiern, der Name verrät es bereits, vor allem die Frauen. An diesem Tag übernehmen die Frauen die Herrschaft: Auf der Straße, auf der Arbeit, oder in der Straßenbahn sollten Männer sich in Acht nehmen. Wer eine Krawatte trägt, muss damit rechnen, dass sie ihm von feierfreudigen Frauengruppen kurzerhand abgeschnitten wird.
Die moderne Version des Weiberfaschings hat ihren Ursprung im 19. Jahrhundert im Bonner Stadtteil Beuel. Wäscherinnen, die jeden Tag 16 Stunden lang arbeiteten, gingen auf die Barrikaden, da die Männer, die eigentlich die saubere Wäsche nach Köln bringen sollten, dort ausgelassen Karneval feierten.
Rosenmontag
Heute ist der Kölner Rosenmontagszug mit einer Gesamtlänge von fast sieben Kilometern einer der größten in Deutschland. Der Düsseldorfer Zug mit rund 5.500 Teilnehmern ist nur wenig kleiner. Auch in der Mainzer Fastnacht ist der große Rosenmontagszug das Highlight für die Narren.
Der Prinz ist in vielen Regionen das Oberhaupt der Narren. Er regiert allein, mit einer Prinzessin, einem Zeremonienmeister oder in einem Dreigestirn. Die Analogie zum Adelstitel, die sich auch in einer festlichen Uniform spiegelt, deutet auf die Umkehrung der Verhältnisse hin: An vielen Orten "übernehmen" die Tollitäten für die Dauer von Karneval das Rathaus.
Faschingsdienstag
Im Mittelalter trug der Faschingsdienstag den Namen "Beichtdienstag". Aus kulinarischer Sicht ist an diesem Tag noch einmal alles erlaubt: Fleisch, fette Speisen und alle anderen leckeren Sünden stehen auf dem Speiseplan. Zu den traditionellen Mahlzeiten gehören zum Beispiel Pfannkuchen und Schmalzgebäck.
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Am Faschingsdienstag wird in einigen Städten eine Strohpuppe verbrannt. Alle Sünden, die in der närrischen Zeit begangen wurden, werden symbolisch diesem „Nubbel“ (Köln), „Hoppeditz“ (Düsseldorf) oder „Bacchus“ (Ruhrgebiet) zur Last gelegt.
Aschermittwoch
Die Fastenzeit als Vorbereitung auf das Osterfest beginnt am Aschermittwoch und dauert vierzig Tage (ohne die Sonntage). Aschermittwoch markiert den Start der 40-tägigen Fastenzeit bis Ostern. Nach dem Karneval wird Buße getan. Es beginnt die Zeit der Besinnung und des Verzichts.
Regionale Besonderheiten
Rheinischer Karneval
Im rheinischen Karneval spielt der Straßenkarneval mit vielfältigen, gern von Jahr zu Jahr neuen Kostümen eine zentrale Rolle.
Der klassische Sitzungskarneval ist eine bürgerliche Tradition. Nach Einschätzung mancher Experten wird er sich künftig stark verändern und eher einen Party-Charakter bekommen - oder ganz verschwinden. Unzählig sind unterdessen die kleineren, oft sehr individuellen Sitzungen.
Ein gerodeter Wald aus Stiften, in der Mitte steht ein Clown: Er gießt den einzigen nachwachsenden Stift mit der Aufschrift "Narrenfreiheit". Der Motivwagen mit dieser Szene führte vor drei Jahren den Kölner Rosenmontagszug an, wenige Wochen nach dem Attentat auf die französische Satirezeitschrift "Charlie Hebdo". Sozialkritik hat im rheinischen Karneval Tradition.
Schwäbisch-alemannische Fastnacht
Ganz anders als etwa der rheinische Karneval mutet die schwäbisch-alemannische Fastnacht an. Hier wird der Winter noch mit Gruselgestalten ausgetrieben: Teufel, Sagengestalten, Hexen und „wilde Leute“ jagen durch die Straßen. Charakteristisch sind ihre aufwendig gestalteten Masken, die meist aus Holz geschnitzt sind.
In der schwäbisch-alemannischen Fastnacht behalten die Träger ihre Masken dagegen stets bei; teils ist es üblich, sie von Generation zu Generation zu vererben.
Weitere regionale Bräuche
- Dietfurter Chinesenfasching: Im Bayerischen Dietfurt ziehen seit den 1950er-Jahren Chinesen durch die Innenstadt.
- Samba in Bremen: Im protestantischen Norddeutschland gibt es echtes Brasilien-Feeling mitten im Februar.
- Geisterzug in Köln: Am Karnevalssamstag findet ein Geisterzug mit einem aktuellen politischen Motto statt.
Karneval: Mehr als nur Party
Sozialkritik hat im rheinischen Karneval Tradition. Ursprünglich spielte die Idee, in eine andere Rolle zu schlüpfen - und damit die Machtverhältnisse auf den Kopf zu stellen -, eine entscheidende Rolle. Im 19. Jahrhundert ließen sich auf diese Weise Kontakte über Klassen- und Standesgegensätze hinweg knüpfen. Noch heute spiegeln sich manche Debatten in den Kostümen: 2014 etwa waren Verkleidungen als Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst beliebt.
Das Narrenschiff ist seit dem Mittelalter ein gebräuchliches Bild für eine Gesellschaft, die nur dem eigenen Wohlergehen frönt, frisst und säuft und geistigen Anstrengungen heftige Abneigung entgegenbringt. So gesehen ist der Karneval ein Ausnahmezustand, der Freude bringt und Verrücktes zulässt. Er ist jedoch befristet und mahnt an die bevorstehende Fastenzeit.
