Längst hat es die Runde gemacht: Die Berliner Kultband KARAT feiert 2025 ihr 50jähriges Jubiläum. 50 Jahre - das sind zwei Generationen und fast ein Leben. Es gibt nur wenige Bands von Rang, die auf eine solche lange Geschichte zurückblicken.
Die Anfänge: Von Panta Rhei zu Karat
Hervorgegangen ist Karat aus der Formation Panta Rhei (altgriechisch für "alles fließt"), die Band wird 1971 in Berlin von Herbert Dreilich (Gitarre, Gesang), Henning Protzmann (Bass) und Ulrich "Ed" Swillms (Cello) gegründet. Neben Songschreiber Dreilich gehören Panta Rhei noch Texter Jens Gerlach und die Sängerin Veronika Fischer an.
Nach und nach gesellen sich mehr Musiker hinzu, so dass Panta Rhei teilweise bis zu zehn Mitglieder zählen. 1974 ist jedoch Schluss mit fließen. Veronika und Schlagzeuger Frank Hille ziehen davon und auch Protzmann, Dreilich und Swillms wandern ab, um eine eigene Band an den Start zu bringen. So kommt es, dass aus den Überbleibseln von Panta Rhei Karat entsteht.
1975 beschließen Bassist Henning Protzmann (aus der Soul-Jazz-Rockband Panta Rhei) und der Gitarrist und Sänger Ulrich Pexa (aktiv bei Frank Schöbel), eine eigene Gruppe aus der Taufe zu heben. Mit an Bord: Schlagzeuger der Gruppe Lift, Konrad Burkert sowie Keyborder Ulrich (Ed) Swillms und der Gitarrist und Sänger Herbert Dreilich - beide ebenfalls von Panta Rhei.
Zu Beginn der Karat-Ära steht noch Hans-Joachim Neumann am Mikrofon. Zusammen mit Konrad Burkert und Ulrich Pexa steht das erste Line Up, mit dem musikalisch neues Terrain erschlossen wird. Am 22. Februar 1975 spielten Karat ihr erstes Konzert in Heidenau bei Pirna in der Nähe von Dresden. 50 Jahre später ist die Band aus der deutschen Pop-Geschichte nicht wegzudenken.
Lesen Sie auch: Wissenswertes über Goldkarat
Der Bandname sollte eine gewissen Wertigkeit haben und gleichzeitig auch international verständlich sein. "Da wurden zehn bis zwölf Vorschläge gemacht", erzählt Gitarrist Bernd Römer. "Und jeder im Bekanntenkreis hat dann sein Kreuzchen hinter seinen Favoriten gemacht.
1976 gehen Burkert und Pexa, Michael Schwand und Bernd Römer kommen als neue Mitglieder hinzu. Dass man den Ruf des Heimatlandes zu den Waffen in der DDR nicht einfach übergehen kann, erfährt Neumann, der daraufhin sein Engagement ad acta legen muss. Nachdem dann Dreilich dessen Part übernimmt, steht die Besetzung, die das erste Album, schlicht "Karat" betitelt, einspielt.
Da qualitativ gut gemachte Mucke in beiden Teilen Deutschlands nicht gerade an der Tagesordnung ist, hebt sich der Karat-Sound wohltuend von der restlichen Grütze, die damals produziert wird, ab. Karat startet als Tanzband, wie so viele zu dieser Zeit. "Alle Bands mussten Samstagabends in einen Tanzschuppen und haben dann vier, fünf Stunden zum Tanz gespielt", erinnert sich der Gitarrist.
Die 1980er: Der Durchbruch
Die 1980er-Jahre werden das Jahrzehnt für die Band. Gleich zu Beginn tüftelt die Gruppe an einem neuen Album. 1977 dürfen Karat zum ersten Mal im Westen spielen, bei einem Pressefest der West-Berliner SED in der "Neuen Welt" (heute Huxleys) in der Neuköllner Hasenheide. Im gleichen Jahr wird Herbert Dreilich fester Sänger der Band.
Der Zweitling "Über Sieben Brücken" ist ein Meilenstein der Karat-Geschichte. Das Songwriting präsentiert sich ausgereifter, und mit dem Titeltrack, der in der bekannten Coverversion die Charts in Westdeutschland stürmt, können sie auch in der Bundesrepublik für vermehrtes Aufsehen sorgen.
Lesen Sie auch: Schlaganfall: Was Sie wissen müssen
Als das DDR-Fernsehen 1977 eine Band für den Titelsong zum Film "Über sieben Brücken musst du gehen" sucht, setzt sich Karat-Keyboarder Ed Swillms an die Komposition: Er soll 14 Tage auf das Drehbuch gestarrt haben, ohne die entscheidende Idee zu bekommen.
Der Film ist eine Liebesgeschichte, die in der Nähe der deutsch-polnischen Grenze spielt. Es geht um die Beziehung zwischen der deutschen Chemielaborantin Gitta und dem polnischen Bauarbeiter Jerzy. Der Titelsong zu "Über sieben Brücken musst du gehen" aber entwickelt sich zum erfolgreichen Hit - nicht nur in der DDR, sondern auch in der BRD.
Herbert Dreilich erzählt bei Antenne Brandenburg vom rbb über die Entstehung: "Meine Kollegen wollten es erst auch gar nicht spielen und haben gesagt: Nein, so eine Pferdeleiche will keine Sau hören. Und auch die Aufnahme ist ziemlich schlecht gewesen und ist ja immer noch schlecht: Im Ü-Wagen [des DDR-Fernsehens in Berlin-Grünau, Anm. d.
Übertroffen allerdings wird der Song von einem Lied, das bis heute Ohrwurm-Garantie besitzt: Im gleichen Jahr vertont Songschreiber Ed Swillms das Gedicht "Über sieben Brücken mußt du gehn", das Helmut Richter für den gleichnamigen Fernsehfilm geschrieben hatte. Der Titelsong geht vielen Zuschauern nicht aus dem Kopf und sie fragen beim DDR-Fernsehen nach.
"Über sieben Brücken" ist wohl der bekannteste deutsch-deutsche Hit. Ursprünglich stammt er von der ostdeutschen Band Karat. Da die beiden ersten Alben in Westdeutschland nicht erhältlich sind, veröffentlicht Teldec den dritten Output "Albatros" in einer etwas abgeänderten Version.
Lesen Sie auch: Testbericht: Burg Wächter Karat MT 26 NE
Somit ist der Grundstein für den Erfolg im westlichen Teil Deutschlands gelegt. Mit dem nachfolgenden "Der Blaue Planet" steigen Karat sensationell auf dem siebten Platz in den (west)deutschen LP-Charts ein. Nimmt man beide Teile des damals gespaltenen Landes zusammen, verkauft sich "Der Blaue Planet" insgesamt über eine Millionen mal.
Als erste DDR-Band dürfen Karat ihre Platten in Ost und West herausbringen. Für die DDR bedeutet Karats Erfolg vor allem wertvolle Devisen, denn 80 Prozent der Einnahmen sollen in die Staatskasse geflossen sein.
1982 kommt mit "Der Blaue Planet" der größte Erfolg der Bandgeschichte in die Läden. Über 1,4 Millionen Mal verkauft sich das Album in der DDR und der Bundesrepublik. Die Single "Jede Stunde" schießt in die Top Ten der westdeutschen Charts.
Als wichtiger Kultur-Exportschlager darf die Band auch im Westen auftreten, unter anderem in der ZDF-Hitparade oder "Wetten, dass ...?". Sie wird damit auch die einzige DDR-Band in der Geschichte der Unterhaltungsshow sein, die dort einen Auftritt hat.
Diesen Knaller können Karat mit "Die Sieben Wunder Der Welt" nicht wiederholen, was angesichts dieser Dimensionen aber wenig verwunderlich ist. Zum zehnjährigen Bestehen erscheint das erste Live-Album "Auf Dem Weg Zu Euch", und diesen Titel kann man durchaus wörtlich nehmen, denn live zu spielen, ist für die Band um Dreilich ein essentieller Bestandteil der Philosophie.
Bei einem Konzert Anfang der 80er Jahre in Wiesbaden steht ein gewisser Peter Maffay an der Bühne und fragt Karat, ob er eine eigene Version von "Über sieben Brücken musst du geh'n" aufnehmen darf - auch sein Cover wird ein Hit. Für Karat und Sänger Herbert Dreilich ein Glücksfall, denn noch vor der Wende wird der Song zu einer deutsch-deutschen Hymne.
Nach der Tour, auf der die Live-Scheibe aufgenommen wird, verlässt Bassist und Gründungsmitglied Protzmann die Band, für ihn kommt Christian Liebig.
Die Zeit nach der Wende
Nach 15 Jahren Bandgeschichte zerbricht das politische System, in dem Karat aufgewachsen und vor allem erfolgreich geworden sind. Die entscheidende Schabowski-Pressekonferenz verfolgen sie auf einem kleinen russischen Fernseher in einem Studio in der Berliner Brunnenstraße.
1987 verlässt Swillms, der Komponist von "Über Sieben Brücken", die Band. In den Jahren vor dem Mauerfall verharren Karat in einer künstlerischen Lethargie, die sich durch die Umwälzungen des Novembers 1989 noch verstärkt. In der Euphorie des Freiseins schielen viele Leute neugierig in den Westen, statt ihren alten Helden treu zu sein.
Das bekommen auch die Mannen um Herbert Dreilich zu spüren. Hinzu kommt, dass sich Ed Swilms mittlerweile verabschiedet hat und auch die lyrische Stütze Norbert Kaiser von dannen zieht. Nach der friedlichen Revolution haben nicht nur sie, sondern auch viele andere erfolgreiche DDR-Bands in den folgenden Jahren Probleme, Konzerte zu füllen.
Aktuelles AlbumDas zweite Album, das als Titel lediglich den Bandnamen benutzt, erscheint 1991 und kann nicht an die Glanzleistungen der Vergangenheit anknüpfen. In die kreative Spur zurück finden sie erst wieder mit "Die Geschenkte Stunde", dies setzt sich bei dem 97er Album "Balance" fort, das sehr ruhig daher kommt.
Für das nötige Ambiente sorgt das Babelsberger Filmorchester. Zu der Zeit hat Sänger Dreilich bereits mit schweren gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Nachdem er 1997 in Magdeburg einen Schlaganfall erleidet, ist er zeitweise gelähmt.
Mit eisernem Willen arbeitet er auf eine vollständige Genesung hin, und so können Karat im Millenniums-Jahr 2000 ihr 25-jähriges Jubiläum feiern. Das daran anschließende Live-Album, das zeitgleich mit dem dazugehörigen Video erscheint, zeigt eine Band, die noch lange nicht ausgebrannt ist.
Der Tod von Herbert Dreilich und ein Neuanfang
2003 erscheint "Licht & Schatten", aber für Karat folgt wieder eine Zeit mit weniger Licht als Schatten. Im Frühjahr 2004 diagnostizieren die Ärzte Leberkrebs bei Herbert Dreilich, woraufhin Karat alle noch geplanten Auftritte absagen. 2004 müssen Karat bekanntgeben, dass ihr jahrzehntelange Sänger Herbert Dreilich Leberkrebs hat.
Die Diagnose ist "ein großer Schock". Noch im gleichen Jahr stirbt er, nur wenige Tage nach seinem 62. Geburtstag. Das 30. Bühnenjubiläum der Band erlebt er nicht mehr mit. Im Dezember erliegt Dreilich seinen Leiden, bei der Beisetzung in Berlin erweisen ihm zahlreiche langjährige Anhänger, aber auch viele Prominente die Ehre.
Kaum einer zweifelt zu diesem Zeitpunkt daran, dass die Band sich nun auflösen werde. Doch zumindest zu einem Abschiedskonzert im April 2005 kommen die Berliner noch einmal zusammen. An das Mikrofon tritt Claudius Dreilich, der 34-jährige Sohn des Verstorbenen, der seinerseits bereits einige Erfahrung als Sänger hat.
Die Band braucht einen neuen Sänger, bei Dreilichs Sohn Claudius klingelt das Handy. Er zögert zunächst, hat vorher jahrelang erfolgreich in Moskau als Manager eines schwedischen Möbelhauses gearbeitet.
Ende 2005 eskaliert ein Streit mit der Witwe von Herbert Dreilich um die Rechte am Namen Karat. Ohne dass die anderen Bandmitglieder davon wussten, hatte Dreilich bereits 1998 die Rechte am Bandnamen allein zu seinen Gunsten im Markenregister eingetragen.
"Mit Rücksicht auf den Gesundheitszustand von Herbert Dreilich haben wir zu seinen Lebzeiten davon abgesehen, hiergegen rechtlich vorzugehen", heißt es in einer Pressemitteilung der verbliebenen Bandmitglieder: "Nun aber fordert uns die Witwe auf, mit Wirkung ab dem 1. 1. 2006 den Namen Karat nicht mehr zu verwenden."
Eine gerichtliche Auseinandersetzung wird sich wohl nicht mehr vermeiden lassen, denn Susanne Dreilich sieht in Karat vor allem das Erbe ihres Mannes. Man habe von ihr den "kompletten Verzicht auf die Marke Karat und damit faktisch die Löschung des Namens Herbert Dreilich für alle Zeiten" gefordert.
"Dieses konnte und wollte ich im Angedenken meines Mannes, der seit 1986 die Band musikalisch geprägt hatte, nicht akzeptieren." Die Band bedauert den Streit, will sich davon aber nicht beirren lassen. Man werde wie gewohnt ab Anfang April 2006 auf Tour gehen - "gegebenenfalls vorübergehend unter einem anderen Namen."
Tatsächlich muss für eine Weile die kastrierte Kurzform K.... herhalten, bevor das Berliner Landgericht im Juni 2007 der Band ihren vollen Namen zurückgibt. Die Band Karat gehört zu den erfolgreichen deutschen Rockbands. Seit 50 Jahren steht sie auf der Bühne.
Nach dem Tod von Herbert Dreilich kommt es zu einem fast schon unwürdigen Namensstreit. Karat müssen sich ab 2006 "K…!" nennen. Ohne Wissen seiner Bandkollegen hat sich Herbert Dreilich den Bandnamen 1998 schützen lassen, nach seinem Tod untersagt seine Witwe Susanne der Band die Weiternutzung mit der Argumentation, dass die Rechte an der Marke Karat ihr allein zustehen.
Gitarrist Bernd Römer schildert später: „Wir waren echt fertig, wir saßen mit zitternden Knien im Gerichtssaal.“
Claudius Dreilich übernimmt das Mikrofon
Zurück ins Jahr 2004: Als sein Vater an Krebs erkrankt, bekommt Claudius Dreilich einen Anruf von der Band. Er wird gefragt, ob er als Sänger einspringen kann. Der Musiker-Sohn hatte eigentlich eine andere Karriere eingeschlagen, Ausbildungen als Hotelkaufmann und Einzelhandelskaufmann absolviert. Er arbeitete bei Ikea, eröffnete die Filiale in Moskau mit.
Sechs Monate lang habe er sich dann nicht entscheiden können, welcher Weg der Richtige ist. "Ich bin ja mit Karat aufgewachsen und hab diese Musik geliebt", schildert er. Andererseits habe er mit seinem damaligen Job wirtschaftlich auf festen Füßen gestanden.
Schließlich habe er beim damaligen Karat-Schlagzeuger Rat gesucht. "Er sagte mir: "Du wirst immer zu Karat gehören. Aber wenn Du es nicht machst, steht künftig ein anderer auf der Bühne"“.
Dann entschied Claudius Dreilich, dessen Stimme der seines Vaters verblüffend ähnelt: "Ich muss es wenigstens versuchen."
2010 erscheint mit "Weitergeh'n" das erste Studioalbum mit dem neuen Sänger Claudius Dreilich. Danach veröffentlichen Karat in größeren Abständen weitere Alben, darunter "Seelenschiffe" (2015), "Labyrinth" (2018) und "Hohe Himmel" (2025).
Die aktuelle Besetzung und das 50-jährige Jubiläum
Anfang Januar 2023 steigen Christian Liebig und Michael Schwandt aus, den Bass bedient fortan Daniel Bätge, das Schlagzeug übernimmt Heiko Jung. Über die Jahre gibt es bei Karat immer wieder Umbesetzungen und Austritte: Zuletzt sind 2023 Heiko Jung als Schlagzeuger und Daniel Bätge als Bassist dazugekommen.
Aus der Gründungsphase ist nur noch Gitarrist Bernd Römer Teil von Karat. Die Musiker sind 49 bis 72 Jahre alt. Am 22. Februar, dem Band-Geburtstag, erscheint das neue Album „Hohe Himmel“.
Bis Dezember sind bundesweit knapp 60 Konzerte terminiert - unter anderem in der Hamburger Elbphilharmonie und der Dortmunder Westfalenhalle. Dreilich beschreibt die Gemeinsamkeit der neuen Songs so: „Es geht einzig und alleine um den Menschen. Um die Schattenseiten und die Sonnenseiten.“ Und es gilt weiterhin: „Wir arbeiten viel mit Metaphern und zynischen Andeutungen.
Dreilich ist seit 20 Jahren die Stimme der Band. Schon als Kind wohnte er Konzerten der Rockband bei. Claudius Dreilich, der seit mittlerweile 20 Jahren Teil von KARAT ist, erklärt: „Es hat sich letztlich für die Band immer nur in eine Richtung entwickelt, und das ist die, die wir wollen: Nämlich nach vorne.
Die politischen Entwicklungen auf der Welt, aber auch in Deutschland gehen nicht spurlos an den Rockern vorbei, gibt Bernd Römer zu: „Wir sollten uns immer daran erinnern, dass wir Menschen sind.
Die Songs der Gruppe KARAT sind auch in Rügen bei den Störtebeker-Festspielen 2025 präsent. „Albatros“ beispielsweise ist für mich eine der schönsten Balladen gegen Unterdrückung und der Sehnsucht nach Freiheit.
Der Song "Der blaue Planet" der Gruppe KARAT entstand im Jahr 1981 und wurde 1982 auf dem gleichnamigen Album veröffentlicht. „Tanzt unsere Welt mit sich selbst schon im Fieber?Liegt unser Glück nur im Spiel der Neutronen?Wird dieser Kuss und das Wort, das ich dir gestern gabSchon das Letzte sein?
