Judo Trainer schlägt Vorfälle im japanischen Sport

Misshandlungen scheinen im japanischen Spitzensport Alltag zu sein. Immer wieder haben Übergriffe und auch Suizide für Aufsehen gesorgt. Geändert hat sich bisher wenig.

In Japan ist Sae Miyakawa nicht nur wegen ihrer sportlichen Leistungen bekannt. Die heute 21-Jährige hat es damals nach Brasilien geschafft und bereitet sich jetzt auf die Spiele in Tokio im nächsten Jahr vor. Vor zwei Jahren sorgte ein Video für Aufsehen.

Die Fernsehnachrichten zeigen einen Trainingsausschnitt. Darin ohrfeigt der Trainer seinen Schützling mehrmals. Später stellt sich heraus: Das Video stammt bereits aus dem Jahr 2015 und die Sportlerin hat ein jahrelanges Martyrium hinter sich.

Der japanische Turnverband entlässt den Trainer daraufhin. Der bereut damals sein Verhalten. Schon kurz darauf schaffen es Trainer und Sportlerin erneut in die Schlagzeilen, denn beide wollen weiter miteinander arbeiten.

Auf den Fall angesprochen, schüttelt Osamu Takamine den Kopf. Der Professor für Politik- und Wirtschaftswissenschaften an der Meiji-Universität in Tokio hat sich viel mit Gewalt im Sport beschäftigt. Von 2013 bis 2017 kümmert er sich im Japanischen Olympischen Komitee um den Frauensport.

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Für den Wissenschaftler ist Turnerin Miyakawa ein klassisches Beispiel für Japans Problem. "Dieser Fall steht exemplarisch für Japan. Nach dem Motto: Ja, ich habe Gewalt erlebt, aber das war gar keine Gewalt. Um da wieder rauszukommen, muss man so argumentieren: Das war aus Liebe, der Trainer hat nur an mich gedacht.

Er erinnert daran, dass die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch schon 2013 Gewalt im japanischen Sport angeprangert hatte. Passiert sei seitdem so gut wie nichts. Einzig: Man habe zur Kenntnis genommen, dass es Gewalt gibt. "Ich bin sehr unglücklich darüber, weil sich niemand ernsthaft damit befasst. Es wird nicht mal der Versuch unternommen, Kinder ohne Gewalt zu trainieren.

Japanische Sportlerinnen und Sportler fordern in einem eigens produzierten Video, mit Respekt behandelt zu werden. Das aber, so Human Rights Watch im Sommer, passiere noch zu selten. Die Organisation hatte nach eigenen Angaben ein Dutzend Interviews geführt und fast 760 Menschen online befragt. Die Hälfte davon war jüngere als 24 Jahre.

"Dokumentiert sind Schläge, Ohrfeigen, Tritte oder es wurde mit irgendwelchen Dingen nach den Sportlern geworfen. Von den 381 jungen Leuten in unserer Umfrage geben 19 Prozent an, so etwas erlebt zu haben. Auch gab es danach Fälle, wo den Opfern die Haare geschnitten oder der Kopf rasiert wurde, listet die weltweit tätige Organisation in ihrem fast 70-seitigen Bericht auf.

Tatsächlich ist nach Recherchen des ARD-Hörfunks bisher wenig passiert. Zwar existieren inzwischen Richtlinien und eine Art Selbst-Check-Blatt, das an die 120 Nationalen Verbände ausgegeben wird. Darin werden die Bemühungen zur Gewaltprävention in einem Satz abgefragt.

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Dabei gingen bei der Japanischen Sportvereinigung in den vergangenen sechs Jahren fast 700 Beschwerden ein, die meisten davon kamen von Schülerinnen und Schülern. Sie klagten über verschiedene Formen des Mobbings, aber jeder fünfte auch über körperliche Gewalt.

Einigen Tätern wurde daraufhin das Gehalt gekürzt oder sie wurden für einen gewissen Zeitraum suspendiert. Mehr nicht. Das Thema soll kleingehalten werden, vor allem auch an den Schulen, sagt Wissenschaftler Osamu Takamine: "Sport konzentriert sich in Japan auf die Schulen. Bildungseinrichtungen stehen mit ihrem Angebot in Konkurrenz zueinander, werben mit ihren Angeboten. Und damit verbunden sind häufig die Trainer.

Judotraining und Gewalt im Schulsport

Judotraining im japanischen Oiso: Auch im Breiten- und Schulsport gehört Härte zum Training. Den guten Ruf fast verloren hätte die Fuji Gakuen Oberschule. Sie ist beschaulich gelegen, in einer verschlafenen Stadt in unmittelbarer Nähe zum Fujiberg, westlich von Tokio. Mit dem Zug fährt man knapp drei Stunden.

In der Sporthalle wird im hinteren Teil japanischer Schwertkampf, Kendo, trainiert. Vorne in der Sporthalle werfen sich Mädchen auf die Matte: Judtotraining. Stark ist auch das Basketballteam, doch das sorgte zuletzt nicht nur sportlich für Aufsehen.

"Im Basketballteam wurde 2018 festgestellt, dass der Trainer die Schülerinnen beschimpft hat und gewalttätig geworden war." Tritte vor das Schienbein sind nur ein Beispiel. Weil alles gewohnheitsmäßig passierte, haben wir kurzen Prozess gemacht, sagt der stellvertretende Direktor Takayuki Yamaguchi.

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Doch gut ein halbes Jahr nach diesem Vorfall gibt es wieder ein Problem. Dieses Mal geht es um Judo. Der Trainer soll Gewalttätigkeiten von älteren gegenüber jüngeren Schülerinnen geduldet haben.

Tatsächlich sei die Grenze beim Judo manches Mal schwer zu ziehen, sagt der Vizedirektor. Für einen Laien sieht das Training tatsächlich ziemlich brutal aus, wenn sich die Mädchen hin- und herziehen, auf den Boden werfen.

Yuta Yazaki ist Trainer der Judomädchenmannschaft. Er stand im Verdacht, Gewalt geduldet zu haben. Der 40-Jährige sagt: "Judo ist ein Kontaktsport. Das macht es sehr schwer, die Grenze zwischen Gewalt und Training zu ziehen. Man hat eine Technik und der andere hat seine, und da kann es schon mal einen Schlag ins Gesicht oder ähnliches geben.

Die Vorwürfe hätten ihn schwer getroffen, ebenso wie die Schülerinnen. Die negativen Schlagzeilen, sagt Vizeschulleiter Yamaguchi, seien natürlich nicht förderlich für das Ansehen der Schule gewesen.

Doch dann kommt Corona und die buddhistische Schule muss auf Onlineunterricht umstellen. Diese Transparenz habe ihm selbst gutgetan. So entstand die Idee, auch das Judotraining zu den Schülern nach Hause übertragen zu lassen.

"Bei den Eltern kam die Idee sehr gut an. Chihiro ist 16 Jahre alt und trainiert täglich Judo. Sie stört sich nicht an der Dauerbeobachtung des Trainings. Ihre Eltern würden auch manches Mal von zu Hause zugucken. Das sei nicht nur positiv.

Uran, ein pausbäckiges, kräftiges Mädchen von 15 Jahren hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Sie sei deshalb angespannter. Die Idee, künftig auch anderen Unterricht nach Hause zu übertragen, findet sie gut: "Das ist für alle Seiten vorteilhaft, für die Schule, die Lehrkräfte und auch für uns.

Honami ist die Teamleiterin einer Judomädchengruppe an der Fuji Oberschule. Sie selbst habe noch nie Gewalt erlebt, sagt sie. Dabei ist jedoch fraglich, ob sie diese überhaupt als solche erkennen würde.

"Wenn ich hart trainiert werde, gibt mir das das Gefühl, dass sich der Trainer wirklich um mich kümmert. Dass die Turnerin Sae Miyakawa die Ohrfeigen ihres Trainers lange toleriert und gerechtfertigt hat, kann sie gut verstehen. "Ich kann ihre Argumente sehr gut nachvollziehen. Der Trainer liebt sie, und das versucht er auch mit Gewalt zu zeigen." Es sei nur gut gemeint, ist sie sicher. "Judo ist ein Kampfsport. Da geht es eben hart zu.

Verstörende Aussagen, auch für Vizedirektor Yamaguchi. Er ist ein kritischer Geist und hat sich seit den Vorfällen an seiner Schule viel mit dem Thema Gewalt auseinandergesetzt. Er erinnert daran, dass es Eltern erst seit diesem Jahr verboten ist, ihre Kinder zu schlagen. "In Japan gibt es den Ausdruck Peitschen der Liebe.

Der 56-Jährige ist selbst mit Gewalt aufgewachsen, zu Hause und in der Schule, erzählt er. Er sagt: Viele Japaner würden denken, Schläge würden sie abhärten. "Sie sehen in körperlicher Gewalt kein Verbrechen, sondern sie ist ein Ausdruck des Dankes." Und die Regierung tue viel zu wenig, um daran etwas zu ändern. Zwar gebe es Richtlinien, aber im Grunde sei es jedem selbst überlassen, ob er sich daran halte oder nicht.

Der Fall Sae Miyakawa und ihr Trainer

Turnerin Sae Miyakawa und ihr Trainer Yuto Hayami arbeiten derweil weiter an ihrem Traum für Olympia in Tokio. Beide haben trotz Gewalt aneinander festgehalten.

"Vor 2018 bewegte ich mich in einem Teufelskreis. Wenn ich irgendetwas nicht konnte, hat er mich angeschrieen. Und um das zu vermeiden, habe ich mich immer angestrengt. Jetzt bin ich erwachsen geworden und mache selbst den Trainingsplan und frage ihnen eher um Rat bei bestimmten Dingen.

Für Yuto ist Sae so etwas wie die kleine Schwester. Er arbeitet mit ihr seitdem sie zehn Jahre alt ist, das verbindet. "Ich bin als Turner selbst mit Gewalt groß geworden, aber ich empfand das Training damals gar nicht als schlecht. Sondern ganz im Gegenteil, dachte ich: Dieser Trainer meint es nur gut mit mir. Er schlägt mich sogar. Auch weil alle anderen um ihn herum es genauso machten.

Dass sein Fall damals öffentlich geworden ist, sieht Yuto Hayami im Rückblick positiv. So sei das Thema Gewalt im Sport aus der Tabuzone gekommen, gehe aber noch längst nicht weit genug: "Es müsste einfach von oben ein echtes Gewaltverbot geben. Die Politik müsste da sehr viel mehr machen und ein viel deutlicheres Zeichen setzen, dass Gewalt im Sport verboten ist. Auf uns hat man natürlich wegen des Vorfalls zu Recht herabgeschaut.

Heute setzt der Trainer auf Dialog statt Gewalt, gibt aber zu: Der Weg war lang und beschwerlich. "Die Trainer in Japan müssten viel enger betreut werden, wenn man wirklich von der Gewalt wegkommen will. Sie müssen in die Reform miteinbezogen, beraten und unterstützt werden.

Deutscher Judo-Bund: Konsequenzen nach Vorfall

Dunkle Wolken schoben sich am Freitagmittag über das Holländische Viertel in Potsdam. Das passte ganz gut zu den besorgten Mienen einiger Vertreter des Deutschen Judo-Bundes (DJB). Noch vor dem offiziellen Beginn der Mitgliederversammlung des Verbandes an diesem Wochenende tagte der DJB-Rechtsausschuss zu einem heiklen Thema. Es ging um eine Ikone des deutschen Judosports, Frank Möller.

Der 49-Jährige ist Vizeweltmeister 1995, Olympia-Dritter 1996 und inzwischen Träger des 6. Dan, ein höchst ehrenvoller Meistergrad im Judo. Doch die Ehre ist Frank Möller spätestens nach diesem Freitag vorerst los.

„Wir haben uns entschieden, dass Herr Möller für fünf Jahre nicht mehr für den DJB als Trainer oder Betreuer tätig sein wird. Er hat massiv gegen unsere Werte verstoßen“, sagte der Rechtsausschuss-Vorsitzende Joachim Bechtold dem Tagesspiegel. Möller habe die Strafe durch den Verband akzeptiert. „So wie er früher die Entscheidung des Kampfrichters hingenommen hat“, sagte der scheidende DJB-Präsident Peter Frese.

Die Vorwürfe gegen Frank Möller

Die Vorwürfe waren gravierend. Wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ („FAZ“) am vergangenen Freitag berichtete, soll Frank Möller in seiner Funktion als Trainer den deutschen Nachwuchs-Judoka Losseni Koné rassistisch beleidigt („Schnauze, Bimbo!“) und geschlagen haben. Zeugen bestätigten den Vorfall, der sich Anfang Oktober im Trainingslager im brandenburgischen Kienbaum zutrug.

Das Opfer Koné hatte in dem Artikel mit erstaunlicher Nachsicht auf die ungeheuerlichen Vorgänge reagiert. Er verzichtete auf eine Anzeige gegen Möller. „Ist passiert. Ich bin ja nicht verletzt", wurde er in dem Artikel zitiert.

Doch sein Arbeitgeber, der Landessportbund Berlin, war weniger nachsichtig. Am vergangenen Dienstag teilte der LSB mit, dass Möller von seinen Aufgaben entbunden worden sei. Am Freitag schließlich saßen sich Koné und Möller in Potsdam gegenüber.

Möller entschuldigte sich laut dem Rechtsausschuss-Vorsitzenden Bechtold „vielmals bei Koné“ und habe gesagt, dass er gerne das Rad zurückdrehen wollte, wenn er könnte. „Doch das geht nicht“, sagte Bechtold. „Einen Nachwuchs-Judoka als Trainer körperlich anzugehen ist ein absolutes No-Go.“

Möller hatte den körperlichen Übergriff auf den 18 Jahre alten Hamburger zugegeben. Das Wort „Bimbo“ allerdings, so habe Möller in der Vernehmung berichtet, komme in seinem Wortschatz nicht vor.

Doch lagen Bechtold Aussagen von mehreren Zeugen vor, wonach Möller genau diesen rassistischen Begriff verwendet habe. Auf der Grundlage vieler Gespräche mit Trainingsschülern von Frank Möller glauben sie beim DJB allerdings nicht, dass Möller aus der rechten Ecke komme oder gar ein Rassist sei, wie sowohl Bechtold als auch Frese betonten.

Der Deutsche Judo-Bund (DJB) hat nach einem Vorfall im Trainingslager der Junioren-Nationalmannschaft Untersuchungen aufgenommen. Bei dem betreffenden Trainer soll es sich um Frank Möller (49), den Olympiadritten von 1996, handeln. "Da widerspreche ich nicht", sagte Frese.

Der nicht beim DJB angestellte Möller war daraufhin aus dem Betreuerteam für die Junioren-WM in Marrakesch/Marokko (16. bis 19. Der junge Judoka war im Trainingslager in Kienbaum im Vorfeld der WM attackiert worden. Zum genauen Ablauf wollte sich Frese nicht äußern. "Ich habe verschiedene Versionen gehört, kann aber nicht sagen, was wirklich passiert ist.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Gewalt und Misshandlungen im japanischen Sport, insbesondere im Judo, ein ernstes Problem darstellen. Die Fälle von Sae Miyakawa und Frank Möller zeigen, dass sowohl in Japan als auch in Deutschland Handlungsbedarf besteht, um Sportler vor Gewalt zu schützen und Trainer für ihre Verantwortung zu sensibilisieren. Es braucht klare Richtlinien, Kontrollen und eine offene Kommunikation, um eine Kultur des Respekts und der Gewaltfreiheit im Sport zu fördern.