Die Auseinandersetzung mit Männlichkeit erfährt derzeit eine starke Kritik und Dekonstruktion. In diesem Kontext beschäftigt sich der Fotograf Marc mit der Darstellung von Männlichkeit, insbesondere im Hinblick auf trans Männer und die damit verbundenen gesellschaftlichen Normen.
Jona, ein trans Mann, betont, wie wichtig es ist, dass die Dekonstruktion von Männlichkeit nicht nur cis Männern vorbehalten bleibt. Er argumentiert, dass eine neue, freiere Männlichkeit für alle Menschen offen sein muss, ähnlich wie der Feminismus die Befreiung aller Geschlechter anstrebt.
Marc begleitet Jona seit zwei Jahren und fotografiert ihn in verschiedenen Lebensbereichen, darunter in der Boxhalle, in der er trainiert, und in seiner Privatsphäre. Die Umkleidekabine ist für Marc ein besonders interessanter Ort, um mit Klischees aufzuräumen. Dieses Buch ist keine Biografie von Jona, sondern vielmehr eine Sammlung von Lebensabschnitten, die wir gemeinsam inszeniert haben.
Jona entdeckte das Boxen für sich und schätzt am Kampfsport die körperlichen Fähigkeiten, das Selbstvertrauen und den rituellen Charakter. Trotz seiner Probleme mit Autoritäten gefällt ihm die Idee einer Rangordnung, die unabhängig von Gender, Race oder Alter ist und auf gegenseitigem Respekt basiert. Im Dojo wurde ich nie in Frage gestellt. Es ging nur darum, miteinander zu lernen. Das, was mir Kampfsport und speziell Boxen gibt, hat wenig mit Geschlecht zu tun.
Im Ring erlebe ich nicht meine Männlichkeit, sondern eher meinen Ehrgeiz, meine Sportaffinität, natürlich auch meine verschrobene Idee von einem perfekten Körper - aber eher, was Kraft, Geschwindigkeit, Muskeln, Durchhaltevermögen und Fähigkeiten angeht.
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Marc berichtet, dass er auf Instagram Follower verliert, jedes Mal, wenn er ein Foto von Jona postet. Ein Teil meiner Follower ist offensichtlich leider nicht bereit, eine pluralistische Männlichkeit zu akzeptieren. Einige Kommentare, die von Schwulen kommen, klingen wie die von den radikalsten Konservativen. Als ich anfing, Bilder von Jona zu posten, und negative Reaktionen bekam, empfand ich das als eine Art Verrat. Eine Ungerechtigkeit. So wurde das Thema von « SO WHAT?! » sowohl politisch als auch erotisch.
Jona ist stolz darauf, dass selbst die hartnäckigsten Männer einen hoch kriegen, wenn sie seine Bilder gucken.
Marc glaubt nicht, dass es zwangsläufig toxisch ist, männlich und muskulös zu sein, oder dass es ungesund ist, sich von männlichen Attributen angezogen zu fühlen. Für mich ist es problematisch, wenn das « Männlichsein » dir das Gefühl gibt, anderen überlegen zu sein. Selbst innerhalb der Community: Das ist das Problem.
Die Ausstellung « SO WHAT?! » stieß auf großes Interesse und brachte Menschen ins Gespräch. Die Rückmeldungen reichten von Dankbarkeit für die Offenheit und Einladung zur Auseinandersetzung bis zur Freude über die Repräsentation und die gezeigten Perspektiven für trans (maskuline) Leben. « SO WHAT?! » soll unbequem sein, sowohl durch seinen poetischen als auch seinen frontalen, sexuellen Aspekt. Ich möchte, dass diese Mischung aus Text und Fotografie zum Nachdenken, zur Selbstreflexion über die eigenen Ängste und Vorurteile anregt.
Marc hat viel mit Mathis Chevalier zusammengearbeitet, einem ehemaligen MMA-Champion. Wenn Mathis Jona im Ring trägt, ist es wie ein Sieg, den sie beide zur Schau stellen. Ihre sexuell aufgeladene Attitüde sprengt das Bild.
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Die Berliner Ausstellung „Homosexualität_en“ beginnt bereits vor dem Museum mit der Installation des dänisch-norwegischen Künstlerduos Elmgreen & Dragset. Die Künstler sind mit mehreren Exponaten in der Ausstellung vertreten und haben in Berlin bereits größere Aufmerksamkeit durch das von ihnen geschaffene „Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen“ erlangt.
Die Ausstellung „Homosexualität_en“ versteht sich als Auseinandersetzung mit Geschichte, Politik und Kultur der Homosexualität_en in den letzten 150 Jahren. In rechts-, wissens-, und sozialgeschichtlicher Perspektive werden „Homosexualität_en“ zugleich als Wissenskomplexe, als Identitäten und Lebensformen beleuchtet. Der Plural und der Ausdruck durch den Gender-Gap betonen die Multiperspektivität der Genealogien, Lebensweisen und den damit korrespondierenden Genderidentitäten und Subjektivierungen. Das Konstrukt „Homosexualität“ (im Singular) wird somit deutlich als Erfindung des 19. Jahrhunderts historisiert.
Die obere Ausstellungsebene fokussiert die Produktion von Homosexualität_en an den Schnittstellen Strafjustiz (bis hin zu Verfolgung und Vernichtung), Wissenschaft und Psychiatrie. In Form eines Tribunals wird die Kriminalisierung und Bestrafung von Sodomie und Homosexualität in verschiedenen historischen Epochen entlang des Strafgesetzparagraphen 175 erzählt.
Die Konstituierung der Homosexualität_en in Justiz und Wissenschaft erhält eine räumliche Rahmung durch zwei gegenüberliegende Bereiche der Ausstellung, die Materialisierungen von Gewalt thematisieren.
Heather Cassils Installation „The Resilience of the 20 %“ (2013) ist nach der Live Performance “Becoming an Image” produziert, die Cassils zuerst 2012 im ONE National Gay & Lesbian Archives LA aufführte. Ein 2000 Pfund schwerer Block aus Lehm wurde von Cassils mit Box- und MMA-Kampftechniken bearbeitet.
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Die Ausstellung erzielt neue Perspektiven, indem sie eine konsequente Pluralität der Lebensweisen abbildet und Schwule und Lesben, Subjekte verschiedenster Geschlechter gemeinsam darstellt. Damit wird auch das tradierte Verständnis von Homosexuellen als schwulen Männern aufgebrochen, eine klar formulierte Intention des Kuratoriums.
Die Verwobenheit von Geschichte und Kunst in der gesamten Ausstellung ist eine historiographisch spannende Perspektive. Der Umgang mit Kunstobjekten erfolgt konsequent nicht illustrativ, sondern in der Verflechtung von Objekten und Repräsentationen gelebten Lebens. Kunst ist als Ausstellungsobjekt selbst Teil homosexueller Geschichte, eine positivistische Trennung in „historische Quellen“ einerseits und Kunst andererseits gibt es nicht.
Gender stellt ein relevantes Querschnittsthema in allen Feldern der Sozialen Arbeit mit Musik dar, bei dem sowohl feministische bzw. gender-queer-theoretische Perspektiven als auch ihre intersektionalen Verknüpfungen mit anderen Diversitätskategorien relevant sind.
Die mütterlich-sorgenden Kräfte der zukünftigen Fürsorgerinnen oder Wohlfahrtspflegerinnen sollten im Kontext der Volksbildung und unter Rückgriff auf die ‚kulturellen Schätze des deutschen Volkes‘ die Haus- und Heimkultur der Familien durch die Vermittlung volksmusikalischer Praktiken in Form deutscher Wiegen-, Kinder-, Volks- und Kirchenlieder, Tanzreigen oder Singspielen erneuern und pflegen, wohingegen populärmusikalische Genres wie Schlager, Chansons oder Jazz eher abgelehnt wurden.
Seit der Jahrhundertwende geht es im Kontext von Frauenförderung und Gender Mainstreaming um Geschlechtergerechtigkeit, Chancengleichheit sowie um die Erweiterung musikbezogener Teilhabe- und Teilgabeoptionen für alle Geschlechter.
Es gilt mittlerweile als Gemeinplatz, dass das biologische Geschlecht (sex) vom sozialen Geschlecht (gender) eines Menschen zu unterscheiden ist: Auf die körperlich-physiologische Ausstattung eines Menschen wirken soziokulturell geprägte Vorstellungen von Männlichkeits- und Weiblichkeitsvorstellungen ein und üben performative Effekte auf die Entwicklung individueller Geschlechtsidentitäten aus.
Während der musikalischen Sozialisation wirken nun Effekte des gesellschaftlichen Geschlechterdiskurses auf den Erwerb musikbezogener Normen und Werte, Kenntnisse und Fähigkeiten ein, die wiederum die musikalische Praxis in Form von Musikproduktion, -interpretation und -rezeption bedingen.
Und umgekehrt sind Musik und musikbezogene Praxen in den Geschlechterdiskurs eingebunden und beeinflussen als Teil der symbolischen Ordnung einer Gesellschaft sowohl affirmativ als auch subversiv Re- und Dekonstruktionsprozesse von Geschlecht und von Geschlechterkonzepten.
Im Bereich der klassischen Musik lag 2011 der Anteil von Frauen in den deutschen Kultur- und Rundfunkorchestern bei 34,38 %, jedoch variiert der Frauenanteil je nach Instrumentengruppe.
In der populären Musik sind die Zahlen nicht besser: Die Analyse von 600 Popsongs der Jahre 2012-2017 ergab für 2017 einen Frauenanteil von knapp 17 % bei den Musiker*innen, von 11 % bei den Komponist*innen und von 2 % bei den Musikproduzent*innen.
Die Zahlen zeigen, dass in der Instrumenten- oder Studienfachwahl gesellschaftlich tradierte Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit wiederzufinden sind: Konservative Geschlechterkonzepte, die Männlichkeit eher mit Geist, Führung, Produktivität, Aggressivität, und Weiblichkeit eher mit Körper, Passivität, Schwäche, Reproduktivität gleichsetzen, prägen weiterhin die Teilhabe- und Teilgabechancen von Frauen, aber auch Männern bleiben bestimmte Felder wie Gesang, Tanz, Rhythmik oder musikalische Früherziehung verschlossen. Spielen Jungen also Schlagzeug und Mädchen Querflöte, dann wird hier ein „doing gender by doing music“ performiert, das gesellschaftliche Geschlechterkonzepte affirmativ widerspiegelt und zugleich herstellt.
Nicht nur in den musikbezogenen Praxen finden Konstruktionsprozesse von Geschlecht statt, sondern auch Musik selbst ist in die jeweiligen Geschlechterdiskurse eingebunden.
Körperliche Attraktivität und sexualisierte Performances werden von Künstler*innen als Vermarktungsstrategie bewusst eingesetzt.
Die Studie von Robert W. Connell (1995) gilt hier als impulsgebend, da aus soziologischer Sicht die unterschiedlichen Ausprägungen von Männlichkeiten herausgearbeitet wurden: Hegemoniale Männlichkeiten repräsentieren das soziokulturelle Ideal von Männlichkeit, das sich weitgehend auf Heterosexualität, einen privilegierten Zugang zu gesellschaftlicher Macht und Zugriff auf ökonomische Ressourcen stützt.
Auch in der musikwissenschaftlichen Geschlechterforschung standen Männlichkeitskonzepte lange Zeit im toten Winkel. Die zentrale Frage nach den Verbindungen von musikbezogenem Handeln mit Inszenierungen bzw. Konstruktionen und Konzepten von Männlichkeiten kann thesenartig als „Doing men by doing music“ formuliert werden.
Wenn Musiker sich in ihren Texten und Videos als hypermaskulin, sexuell potent, kriminell, gewalttätig, kriegerisch und wirtschaftlich erfolgreich inszenieren, muss nach der sozialisierenden Wirkung dieser Inszenierungen gefragt werden.
Anders als es die bisherigen Ausführungen erscheinen lassen, sind Musiken, Musikszenen oder Jugendkulturen aber nie nur affirmativ in Bezug auf heteronormative Konzepte von Weiblichkeiten und Männlichkeiten, sondern sie bieten darüber hinaus immer schon subversive und dekonstruktivistische Perspektiven.
Jeff Molina, ein UFC-Kämpfer, outete sich als Teil der LGBTQ-Community, nachdem ein angebliches Sexvideo im Internet ihn dazu zwang. Trotz der Umstände wurde sein Coming-out von der MMA-Welt mit Lob und Unterstützung bedacht.
Gleichzeitig hob er die homophobe Kultur rund um die MMA hervor und erklärte, er habe die meiste Zeit seines Lebens versucht, seine Anziehung zu Männern zu unterdrücken.Wie viele andere Sportler, die sich dazu nie geäußert haben, sagte Molina, habe er immer befürchtet, dass seine Sexualität ihn definieren würde.
Molina sagte, dass er nach seinem Zwangs-Outing viel mehr Unterstützung erhalten hat, als er zuvor erwartet hatte.
Bereits im Juni trug Molina zur Feier des LGBTQ-Stolzes ein Kampfdress mit Regenbogenfarben. Als er daraufhin von MMA-Fans beschimpft wurde, schoss er zurück.
| Bereich | Anteil | Jahr |
|---|---|---|
| Deutsche Kultur- und Rundfunkorchester | 34,38 % | 2011 |
| Musiker*innen in Popsongs | 17 % | 2017 |
| Komponist*innen in Popsongs | 11 % | 2017 |
| Musikproduzent*innen in Popsongs | 2 % | 2017 |
| Jazzmusikerinnen in Deutschland | 20 % | 2016 |
