Canton Karat GS Edition: Ein legendärer Lautsprecher im Test

Dem Chef zu Ehren legt Canton den seinerzeit beliebten Standlautsprecher Karat wieder auf. Die Canton Karat GS Edition Standbox scheint sich auf den ersten Blick kaum von ihrem Vorbild zu unterscheiden, spielt jedoch musikalisch ganz auf der Höhe der Zeit.

Ein Stück HiFi-Geschichte

Als vor einigen Wochen die Mitteldeutschen HiFi-Tage in den Räumen des Auerbach Verlags stattfanden, gab es freilich so einiges zu bestaunen. Eines unserer persönlichen Highlights war es jedoch, dass Günther Seitz persönlich den Weg nach Leipzig auf sich nahm, um der Messe einen Besuch abzustatten. Schließlich betrat mit dem Gründervater des deutschen Traditionsunternehmens Canton ein echtes Stück HiFi-Geschichte den Saal.

Denn genau ein halbes Jahrhundert ist es nun her, dass sich Günther Seitz mit drei Kompagnons in einer ehemaligen Dorfschule in Weilrod im Taunus zusammensetzte, um eines der nun bedeutendsten hiesigen HiFi-Unternehmen zu gründen. Gemeinsam mit 35 Mitarbeitern wurden 1972 die ersten Lautsprecher gefertigt. Bei den Debüt-Modellen handelte es sich übrigens um Regallautsprecher der LE-Serie, welche tatsächlich bis in die 2000er Jahre hinein aufgelegt wurde.

1983 verließen Cantons Kreationen schließlich das heimische Wohnzimmer, denn mit den Lautsprechern der Pullman-Kollektion erweiterten die Hessen ihr Programm um die ersten Car-HiFi-Produkte.

Canton - Key-Facts:

  • Gründungsjahr: 1972
  • Sitz: Weilrod, Deutschland
  • Legendäre Produkte: LE-Serie, Ergo, Karat
  • Webseite: www.canton.de

Canton, übrigens ein Neologismus, der sich aus dem Italienischen Wort Cantare (singen) und dem Wort Ton zusammensetzt, hat die goldene Zeit des HiFi in den 1970er Jahren proaktiv mitgestaltet. Die LE-Serie erfreute sich seinerzeit schnell großer Beliebtheit. Zu diesem Zeitpunkt war Canton bereits eine feste Größe der Branche und mit seinen Produkten in zahlreichen Haushalten vertreten. Somit war man bestens gewappnet für den Eintritt ins Digitalzeitalter.

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Ein eigener resonanzfreier Messraum inklusive eigener Computer-Software ging 1989 im Werk in Weilrod an den Start und in den Neunzigern kommen schließlich die ersten Digital-Lautsprecher auf den Markt. Diese wurden sogar mit dem European Audio Award als beste Audio-Innovation ausgezeichnet.

Wenige Jahre später folgte schließlich das erste Surround-System mit THX-Standard á la Canton und schlug damit die Brücke zwischen der von Lucas-Film entwickelten Mehrkanal-Technologie und den Weilroder Qualitätslautsprechern. Kurz nach dem Millennium präsentierten Günter Seitz & Co. im Jahr 2002 dann die Karat Reference-Kollektion, mit der Canton ein großer Innovationssprung gelang.

Und genau diesen Kult-Lautsprecher hat Canton nun anlässlich des fünfzigsten Jahrestages neu aufgelegt als Karat GS Edition. Die Initialen GS sind dabei Firmengründer Günther Seitz zu Ehren, der vor fünf Dekaden den Grundstein einer nicht abreißen wollenden Erfolgsgeschichte setzte. Heute ist Canton mit etwa 170 Mitarbeitenden der größte HiFi-Lautsprecherhersteller Deutschlands und der drittgrößte Europas. In der ehemaligen Weilroder Dorfschule, wo 1972 alles begann, ist das Unternehmen übrigens heute noch ansässig.

An dieser Stelle möchten wir natürlich auch ganz herzlich dem ganzen Team von Canton gratulieren und unseren Dank aussprechen, dass wir bereits über 30 Geräte aus dem Taunus auf den Prüfstand holen durften. Für alle Statistikfans da draußen sei noch erwähnt, dass Canton einen Testdurchschnitt von ausgezeichneten 90 Prozent aufweisen kann und das bei einem Durchschnittspreis von nicht mal 2000 Euro. Tatsächlich ist das stets hervorragende Preis-/Leistungsverhältnis von Geräten des Herstellers immer wieder verblüffend und hochgelobt.

Design und Technik der Karat GS Edition

Der Karat GS Standlautsprecher ist seinem Vorbild wirklich bis aufs Haar nachempfunden. Der Speaker ist von schlanker Statur und folgt einer in Bauhaus-Manier schnörkellosen Gestaltung. Die Erscheinung des Karat GS ist dabei ambivalent. Während die gerade mal 18 Zentimeter (cm) schmale Gehäusefront mit in D’Appolito-Anordnung montierten Treibern elegant und fast schon grazil daherkommt, verspricht die Korpustiefe von 40 cm einiges an Hubraum und kommuniziert Durchsetzungskraft. Zumal wir, ganz im Stile der Karat hier den Tieftöner verbaut sehen.

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Hinter der schützenden Stoffabdeckung verbirgt sich nämlich der beinahe 26 cm messende und damit äußerst umfangreiche Basstreiber mit einer Cellulose-Graphit-Membran, der von stolzen 20 Hertz (Hz) Tiefe bis 130 Hz aufzuspielen vermag. Frontseitig gehen zwei 15,4 cm weite Mitteltonchassis zu Werke, die auf eine leichte, aber steife Materialkomposition aus Aluminium, Keramik und Wolfram vertrauen. Die Membran ist in eine weiche Wave-Sicke eingehangen, welche eine große und impulsschnelle Auslenkung ermöglicht.

Außerdem sorgt das besondere Membranprofil des Mittelton-Chassis, welches Canton als Tripple Curved Cone bezeichnet, für zusätzliche Stabilität, also höhere Steifheit, was in geringeren Aufbrech- und Verzerrungswerten resultiert. Komplettiert wird das Ensemble schließlich von einem Aluminium Oxyd Keramik-Tweeter, der zwischen den beiden Mitteltönern sitzt. Bei 3100 Hz übernimmt dieser die Kontrolle über das Klanggeschehen und performt bis zu 40.000 Hz.

Die Membranmaterialien, welche im Karat GS bei Mittel- und Hochtöner Verwendung finden, werden übrigens auch in Cantons Reference K-Serie eingesetzt, zeugen somit also vom höchsten Standard des Herstellers. Zusätzlich ist an der Gehäuserückseite ein Bassreflexkanal eingelassen, was die bekannten Anforderungen an die spätere Positionierung des Lautsprechers stellt.

Direkt darunter finden wir das Anschlussterminal des Karat GS. Extrem hochwertig und stabil verarbeitet, wie wir es von den Hessen kennen, bietet es die Möglichkeit, den Lautsprecher in Bi-Wiring oder Bi-Amping zu verwenden.

Dafür konsultieren wir zur Verstärkung den SAM 20 SE der Berliner High End-Schmiede Audionet. Das Stereopaar der Karat GS haben wir in einem Abstand von etwa 120 cm zur Rückwand und etwa 250 cm Abstand zueinander aufgestellt, wobei anzumerken ist, dass die beiden Tieftöner der Lautsprecher zur Mitte hin ausgerichtet sind. Beide Lautsprecher haben wir dabei nur minimal eingedreht. Hier empfehlen wir wie immer, dass Sie selbst ausprobieren, in welcher Formation die Lautsprecher die beste Performance abliefern.

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Als Referenztrack zur Feinjustage des Stereo-Panoramas empfehlen wir übrigens den Titel „Marilyn Monroe“ der Wahlniederländerin Sevdaliza. In diesem Stück ist ein prägnanter Percussion-Sound direkt in der Stereomitte platziert, flankiert von Streichern und Rhodes. Gleichzeitig eignet sich der 2017 auf dem Album „Ison“ erschienene Titel ausgezeichnet, um den Lautsprecher auf seine Feinzeichnung hin zu überprüfen.

Und diese ist schlichtweg ausgezeichnet. Die immer wiederkehrenden feinen Transienten verschiedener Percussions und Streicher werden von dem Schallwandler in all ihrem Detailreichtum ausformuliert, das Timbre von Sevdalizas Alt klingt überaus natürlich und direkt. Gleichzeitig werden Hallfahnen so hochaufgelöst, dass sich die Räume im Mix hervorragend entfalten können, ohne einander zu kaschieren. Gestützt wird alles von einem warmen und klar umrissenen Bass-Sound, der ob des ausladenden Tieftöners zwar mit einer gesunden Vehemenz ausgestaltet wird, sich jedoch nicht übermäßig in den Vordergrund spielt. Besonders kommt dies auch bei orchestraler Musik zum Ausdruck.

Etwa bei „Modulations“ des französischen Komponisten Gerard Grisey, interpretiert vom Ensemble Intercontemporain unter der Leitung von Pierre Boulez. Hier überzeugt der Karat GS zum einen durch eine ausgezeichnete Tiefenstaffelung. Ganz klar lässt sich das Schlagwerk hinter den Bläsern verorten, während die Streicher deutlich in der ersten Reihe sitzen. Da kann der Jubilar auch sein gesamtes Können in Puncto Dynamik zum Besten geben. Mit sehr viel Gefühl werden etwa die gedämpften Bläser-Rubati artikuliert, deren mikrodynamische Akzente in ganz feinen Amplituden wunderbar und mit sehr viel Lebendigkeit vom Karat GS in den Hörraum übertragen werden.

Aber auch stark komprimierte Titel, wie etwa „Tears In The Club“ von FKA Twigs und The Weekend stehen dem Canton Karat GS Standlautsprecher ganz gut zu Gesicht. Dabei geht in jedem Frequenzband ganz schön die Post ab, was unseren Prüfling jedoch nicht aus der Ruhe bringt. Ganz im Gegenteil. Hier freut sich der Speaker, mal so richtig Gas geben zu dürfen.

Mit der Neuauflage des Kult-Speakers Karat scheint Canton mal wieder ein handfester Allrounder gelungen zu sein, der mit viel Selbstbewusstsein aufzuspielen weiß und locker auch mit höherpreisigen Konkurrenten mithalten kann. Denn - halten Sie sich fest - für den Karat GS ruft Canton gerade mal 3500 Euro auf. Und übrigens ist das Modell auf 1972 Paare limitiert. Das wird wohl kein Zufall sein. Die Canton Karat GS Edition Lautsprecher gibt es zum Preis von 3.500 Euro (Paarpreis, UVP) bei Canton zu kaufen.

Die erste Karat Serie aus 2002 wies für ihre Größe eine außerordentlich schlanke Bauweise auf. Dennoch war sie für ihre satte und kraftvolle Spielweise bekannt. Diese ungewöhnliche Kombination wurde möglich durch die seitliche Integration des großformatigen Tieftöners. Trotz der schmalen Schallwand und daher unaufdringlichen Optik war sie akustisch über jeden Zweifel erhaben und zählte damals zu den beliebtesten Lautsprechern im gesamten Canton-Portfolio.

Die Canton Karat GS ist in drei Gehäuseausführungen erhältlich. Neben mattem Schwarz und Weiß gibt es das Sondermodell auch in Dusty Green, ebenfalls eine matte Oberflächenbeschichtung. In typischer Canton-Manier weisen die Lautsprecher eine exzellente Verarbeitungsqualität auf. Das matte Finish wirkt äußerst hochwertig und sitzt tief. Fingerabdrücke finden sich zwar schnell am Gehäuse, gehören aber mit einem kurzen Wisch mit dem Mikrofasertuch aber ebenso flink der Vergangenheit an. Der Lautsprecher erhält seinen Bauhaus-Stil und präsentiert sich schlank und mit klarer Linienführung, aber leicht gerundeten Kanten. Im unteren Bereich ist ein schickes Canton-Logo untergebracht, darunter schließt ein attraktiver Sockel den optischen Auftritt ab.

Die Karat GS weist ein Unibody-Gehäuse mit nahtlos integrierter Schallwand auf. Die Karat GS sind 3,5-Wege-Bassreflexlautsprecher mit optimiertem Akustikgehäuse. Selektierte Frequenzweichenbauteile und eine hochwertige Innenverkabelung zählen ebenfalls zu den Ausstattungsmerkmalen.

Highlight sind aber zweifellos die Triple Curved Cone Keramik-Wolfram-Membranen, die im Jubiläumsmodell in einer exklusiven schwarzen Version zum Einsatz kommen. Auch die Zierringe sind hier in schwarz gehalten und so ist der gesamte optische Auftritt stimmig und elegant. Zwei Mitteltöner mit einem Durchmesser von 154 mm umgeben vorne den Hochtöner, der als 25 mm Aluminiumoxyd-Keramik-Tweeter ebenfalls auf bewährte Canton-Technologie setzt. Der seitlich abstrahlende Tieftöner ist mit einer Zellulose-Graphit-Membran versehen und zusammen realisieren die Komponenten einen Frequenzbereich von 20 Hz bis 40 kHz.

Besonders langzeitstabile und hochwertige WBT-Schraubklemmen befinden sich hier in Bi-Wiring/Bi-Amping-Ausführung.

Klangqualität und Performance

Aus akustischer Sicht kann uns die neue Karat GS Edition vollends überzeugen. Mit hohem Detailreichtum und Charakter werden sowohl weibliche als auch männliche Gesangsstimmen präsentiert, die mit viel Facettenreichtum und einer hohen Feinsinnigkeit zu begeistern wissen. In komplexeren Geschehen differenziert die Karat GS sauber durch und umhüllt den Zuschauer mit einem räumlichen Sound, der stets mit klarer Struktur und Transparenz überzeugt.

Die Klangfarbe eines Klaviers treffen die Lautsprecher exakt und zeigen mit leichter Wärme eine ausgesprochene Gefälligkeit und einen angenehmen Sound, den sie sich bis in höhere Lautstärkesphären souverän erhält. Richtig erwachsen und kultiviert wirkt der Sound, mit tadelloser Harmonie und einer hohen Glaubwürdigkeit. Die Tieftonperformance ist erstaunlich. Aufgrund des schlanken und unaufdringlichen Designs der Karat GS traut man der Box einen so mächtigen Auftritt gar nicht zu.

Auch in weiteren Klangbeispielen erkennen wir eine besonders ausgereifte Differenzierung und stets klare Trennung von Stimmen und Instrumenten. Das schlägt sich auch in einer sehr guten Staffelung der Klangkulisse nieder. Sämtliche Klangerzeuger können problemlos lokalisiert werden, gleichzeitig berücksichtigen die Karat GS auch viele feine Details und schaffen so die überdurchschnittlich authentische, glaubhafte Bühnenabbildung.

Mit hohen Geschwindigkeiten und flotten Impulsen haben die Jubiläumsmodelle keine Probleme. Souverän bleibt man auch bei schnellen Punkrock-Klängen oder komplexen Metal-Konzerten. Einzelne Instrumente bleiben stets differenzierbar und sind harmonisch in die Gesamtkulisse integriert. Das Geschehen löst sich auch hervorragend von den Lautsprechern und begeistert mit ausgeprägter Räumlichkeit. Dabei bleibt aber die Präzision an erster Stelle und alle akustischen Elemente wirken durchwegs greifbar und akkurat platziert.

Kommt bei ohnehin komplexem Geschehen ein nachdrücklicher Bassbereich hinzu, bleiben die Karat GS auf Spur. Mit viel Übersicht und Kontrolle gehen die Standlautsprecher zu Werke. Vereinzelt kann die Vokalstimme minimal an Ausdruck verlieren, insgesamt behalten die Canton-Lautsprecher aber den Überblick und realisieren ein stimmiges Gesamtbild.

Im elektronischen Genre prüfen wir nochmals genau die Pegelfestigkeit und stellen erneut fest, dass die Karat GS sich auch durch hohe Lautstärke nicht aus der Ruhe bringen lässt. Sie bleibt stets dynamisch und arbeitet auch bei hohem Pegel Feinheiten klar heraus, lässt aber keine allzu starke tonale Änderung zu, so dass der Sound auch hier durchweg angenehm und gefällig erklingt.

Technische Daten

Hier sind die technischen Daten der Canton Karat GS:

Konzept 3,5-Wege Standbox, Bassreflex
Bestückung HT: 1 x 25 mm, TMT: 2 x 15,4 cm, TT: 1 x 25,7 cm
Wirkungsgrad 88,0 dB (2,83 Volt / Meter)
Max.-Pegel (dauer / kurzfristig) 102 / 114 dB
Mindest-Leistung für Max.-Pegel (Dauer) > 100 Watt
Abmessungen (B x H x T) 23,0 x 104,0 x 45,0 cm
Gewicht 32,0 Kilogramm

Die Karat GS Edition ist eine doppelte Verneigung: Deutschlands bekannteste Lautsprechermarke ehrt damit einerseits die vielleicht markantesten Lautsprecherlinie ihrer Geschichte und andererseits den Firmen-(Mit-) Gründer Günther Seitz (GS). Und zwar mit einem klanglichen Auftritt, der weit über dem liegt, was die verlangten 3.500 Euro erwarten ließen…

Unter allen Canton-Modellen waren die Karats mir stets am liebsten. Doch genauso plötzlich wie sie auftauchten, verschwanden sie wieder. “Zu viele Modellreihen”, hieß es aus Weilrod und schon waren die stylischen Speaker einfach eingestellt. Mein Herz schmerzte.

Daraus entstanden zwei Jubelmodelle. Die Ergo in der GS-Edition ist ein ganz tiefer Griff in die Designgeschichte, es schmeckt förmlich nach den 70er-Jahren, nach Vanille-Tee, psychedelischer Muster-Tapete und Flokati-Teppich. Die Karat in der GS Edition hingegen ist zwar auch der Vergangenheit verpflichtet, sieht aber aus wie die Venus aus dem Bade - frisch entworfen und für jedes moderne Wohnzimmer tauglich. Genau sie wollten wir haben.

Die Plakette auf der Rückseite weist auf den Sonderstatus: zum 50. Jubiläum, auf 1972 Stück (1972 war das Gründungsjahr) limitiert.

Die schlanke Karat in der GS-Edition, Farbe Grün. Die Besonderheit ist der 10-zöllige Seitentreiberbass.

Bezüglich der eingebauten Treiber griff Göbl ganz tief in die Spielkiste der technischen Möglichkeiten. Da gibt es keine Gemeinsamkeiten bei den Membran-Materialien. Die Membran des stattlichen Seitenbasses schwingt mit einem Mix aus Cellulose und Grafit. Also Papier, angereichert mit Bleistiftminen. Die beiden Mitteltöner bringen gleich drei Baustoffe ein: Aluminium, Wolfram und Keramik. Das soll stabil sein, schnell und bei aller Härte auch gut bedämpft.

Wie üblich wurden die Treiber allesamt bei Canton mittels Klippel-Software entwickelt und optimiert. Der Hochtöner ist bereits eine feste Größe im Canton-Katalog - wie üblich mit einer Kalotte von 25 Millimetern Durchmesser. Auch er ist ein Mix, diesmal aus Aluminiumoxid und Keramik. Frank Göbl kennt natürlich die Vorzüge von Seidenkalotten oder Bändchen - er schwört den Canton-Klang dennoch auf stabilere Komposit-Mixe ein. Er liebt den druckvollen Klang dieser Kalotten, der auch bei hohen Pegeln nicht an Kraft verliert.

Gehäuse von Canton sind so gut wie immer von perfekter Qualität, das der Jubiläumsbox Karat GS erst recht. Alles fühlt sich gut an, die Lackierung ist perfekt, das Gewicht mit 32 Kilo stattlich. Und dann auch noch dies: Als besonderes Schmankerl gibt es für den Anschluss ein Bi-Wiring-Terminal mit den edlen (und klanglich überlegenen) NextGen-Lautsprecherbuchsen von WBT; die Innenverkabelung ist vom Badener Spezialisten in-akustik. Mit dieser Jubiläumsbox wurde das “Made in Germany” nochmal auf die Spitze getrieben.

Galten Canton-Modelle früher (und darunter fielen auch etliche aus den Karat-Serien) wegen der DC-Hochpass-Filterung in Bezug auf Impedanz und Phase als ziemlich zickig, geben sich moderne Canton-Konstruktionen als absolut moderat. Die LowBeats Messungen lassen für Verstärker keine Herausforderungen erkennen. So lieferte die Karat GS selbst an einem kleinen Röhren-Amp ein souverän-kultiviertes und farbstarkes Klangbild ab.

Zur Aufstellung: Die konstruktive Besonderheit der Canton Karat GS ist der Seitentreiberbass. Bei Canton neigt man zu der Empfehlung, den Bass auf der Innenseite zu platzieren.

Ich bin nicht unbedingt dieser Meinung. Im großen LowBeats Hörraum haben beide Varianten (also auch Bass nach außen) funktioniert. Vor allem, wenn die Anlage zwischen den Boxen steht, ist die Variante mit dem Bass außen fast immer vorzuziehen, weil man die Elektronik ja nicht unbedingt der Schallenergie der Tieftöner aussetzen möchte. Die Sache ist ganz einfach: Man muss es ausprobieren, die Unterschiede sind deutlich.

Die ersten Takte im Hörtest überraschen mich nicht. Weil ich Canton seit langem kenne und damit die Ideale des Chefingenieurs. Seit Jahren folgt er der Maxime, dass es schnell sein muss, anspringend, doch stets auf Basis einer linearen Abstimmung. Diese Kombination begegnet einem nicht oft, jedenfalls selten gut. Wenn ich zuspitzen darf: Das ist feinsinniges High-End, aber mit dem Extra-Push einer Live-PA-Kombination im Olympiastadion.

Genau diese Stimmung ist schwer zu vermitteln. Die Karat hatte es, eben weil sie stringent dem Frequenzgang folgt, aber noch die wichtigen Scheite an Live-PA hinzulegt. Toll die atmosphärische Dichte, noch besser der Groove in den Bässen. Wenn der letzte Track verklingt, fühlen wir uns beschenkt und zugleich traurig: Oh, wären wir doch dabei gewesen.

Kollege Holger Biermann und ich ziehen eine weitere Canton zum Vergleich hinzu. Und welches Modell würde hier besser passen als die A45? Sie war das Jubiläums-Modell zum 45. Geburtstag, ist online nahezu zum gleichen Preis zu haben und dennoch eine komplett andere Konstruktion.

Zunächst lasse ich “The Expert” von Yello laufen, ein Stück, das mit seinen satten Tiefbässen wie für die A45 geschrieben ist. Doch der Vorteil stellt sich nicht zwingend ein. Die A45 ist vergleichbar linear, mehr auf Kraft ausgelegt. Die Karat GS überzeugte uns in den wichtigen Punkten von Feindynamik und Spielfreude mehr. Sie zeigt sich schlichtweg feiner disponiert, stringenter und sensibler im Umgang mit musikalischen Inhalten. Alles in allem wirkte sie spielerischer mit den Kraftoptionen, die der Amp bereitstellt.

Was liegt zwischen der (hochgelobten) Jubiläumsbox von 2018 und ihrer Nachfolgerin? Viel. Die größere Transparenz und Detaildichte der Karat GS ist umwerfend. Ebenfalls der Umstand, mit wie viel mehr Plastizität und Darstellungstiefe sie die A45 auf den zweiten Platz schickt.

Die Bässe der beiden Cantons glühten in unserem Test, ebenso die Partitur. Es ist brutal, wie die Kontrabässe den Raum okkupieren. Geht es noch tiefer? Ja, mit Forte-Schlägen auf die Große Trommel. Würde Strawinsky noch leben, hätte er eine Alternativ-Version für eine Punk-Rock-Band orchestriert.

Deren Feindynamik und anspringende Lebendigkeit, diese Klarheit in den Mitten, ist für die Klasse bis 4.000 Euro allemal außergewöhnlich. Nach einem Spaziergang in frischer Luft kehrten wir zurück - und wunderten uns erneut. Wie kann eine so kompakte, noch immer klein-feine Standbox diesen Kraftakt leisten? Es ist das, was man Fortschritt nennt: Die nochmals höhere Harmonie der Treiber, die scheinbare Abwesenheit jeglicher Verzerrungen, ein in allen Belangen überzeugender Klang.