Bäume, die ein paar Jahrhunderte auf dem Buckel haben, sind keine Seltenheit. Eine Fichte im schwedischen Nationalpark Fulufjället bringt es sogar auf knapp 10.000 Jahre.
Allerdings bezieht sich dieses Alter nicht auf einen einzelnen Stamm, der heute aus dem Boden ragt, sondern auf das ganze Wurzelsystem, aus dem immer wieder neue Bäume sprießen. Old Tjikko, der älteste Baum der Welt.
Die ältesten bekannten Einzelbäume sind Exemplare der langlebigen Grannenkiefer, heimisch im Hochgebirge der kalifornischen White Mountains. Sie schaffen es sogar auf 5.000 Jahre und mehr. Davon können wir Menschen nur träumen.
Grannenkiefer (Pinus aristata), ca. 5.000 Jahre alt. Menschen, aber auch Wale und Riesenschildkröten sind viel komplexer und damit anfälliger als ein Baum. Wir besitzen viele Organe: Herz, Lunge, Blutgefäße, ein Gehirn - und die müssen alle funktionieren.
Eine halbe Minute kein Sauerstoff im Gehirn und es ist vorbei. Unsere Zellen altern. Sie erneuern sich zwar ständig, aber bei jeder Zellteilung verkürzt sich die DNA. Die Zellen alter Menschen teilen sich langsamer und sind insgesamt nicht mehr so leistungsfähig.
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Bei Bäumen ist es anders. Denn der größte Teil eines Baumstamms lebt gar nicht. Die Rinde ist totes Material und das Innere des Stamms besteht aus leblosem Holzgewebe. Die Zellen betreiben keinen Stoffwechsel mehr, sie lassen nur noch passiv Wasser durch.
Was an einem Baum lebt, sind die Blätter und vor allem die dünne Schicht unterhalb der Rinde, also zwischen Borke und Stamm. Hier bildet sich das neue Holz, hier wächst der Baum in die Breite. Dieses neue Gewebe, das sich da bildet, besteht aus jungen, embryonalen Zellen, denen man das Alter des Baums praktisch nicht ansieht.
Die alten Zellen eines Baums wiederum befinden sich in der Mitte des Stamms und sind dort vor Pilzen und anderen Schadorganismen gut geschützt.
Es fällt auch auf, dass Nadelbäume potenziell ein höheres Alter erreichen als Laubbäume. Die Mammutbäume der Gattung Sequoia oder die 5.000 Jahre alten Grannenkiefern in Kalifornien sind Koniferen, also Nadelbäume.
Der Grund fürs Älterwerden ist, dass Nadelbäume ein etwas anderes Wasserleitsystem haben als Laubbäume. Das Wasser bewegt sich langsam durch relativ enge Zellwände.
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Wälder - immer wieder wurden und werden sie zu Schauplätzen und Statisten in Gedichten bekannter Lyriker wie Goethe oder Friedrich, in gruseligen und erhellenden Geschichten oder Aphorismen. Nicht nur Wälder, auch Holz, Bäume und Waldtiere werden in Geschichten immer wieder erwähnt oder auch personifiziert.
Beliebte Beispiele sind „Schlau wie ein Fuchs“, „Eulen nach Athen tragen“, der berühmte Holzweg oder der Unglücksrabe. Man hört das Pfeifen oder Schweigen im Walde, schlägt Wurzeln, wird alt wie ein Baum, zittert wie Espenlaub, raspelt Süßholz, benimmt sich wie die Axt im Walde, klopft auf Holz oder hat Angst vor dem bösen Wolf.
So hat das Holzklopfen seine Wurzeln im Bergbau, splitterfasernackt zu sein, leitet sich vom Schälen von Bäumen ab und viele Redewendungen beschreiben zwischenmenschliche Situationen und appellieren an das gute Miteinander. Der Wald stets als Quelle der Inspiration und nicht selten als Ort gegensätzlicher Gefühle.
Manche Geschichten dienten dem Erkennen von Gefahren im Wald oder sollten - im Gegensatz dazu - einsamen Wanderern im Wald Mut machen. Romantische Szenen wie auch zynische Sprichwörter finden außerdem ihren Ursprung im Wald.
Neben den bekannten Redewendungen sind heute auch Zungenbrecher beliebt. Beispiele aus dem Wald sind dabei: „Ich geh´mal in den Birkenwald, denn meine Pillen wirken bald“ oder auch „Im dicksten Fichtendickicht, steh´n nickende Fichten dicht“.
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Wir wollen nicht hastig sein: Zora del Buono hat die Ents der Wirklichkeit besucht. Eine Reise zu greisen Eichen und in einen 80.000 Jahre alten Klon-Wald. Tief im „Herrn der Ringe“, Tolkiens fabelhaftem Buch, flüchten sich die Hobbits Merry und Pippin aus bedrängter Gegenwart in den dunklen Wald.
Soeben sind sie den fürchterlichen Orks entronnen; die Schlacht, die gleich darauf entbrennt, werden sie glücklich verpassen. Wie die Nacht, die, wie Tolkien schreibt, unter dem dunklen Saum des Waldes Zuflucht vor der Morgendämmerung sucht, betreten sie Fangorn, den mythischen Wald. Und wenn sie damit auch nicht aus der Zeit fallen, so betreten sie doch ein Reich, in dem die Zeit anders funktioniert. Minuten, Stunden, Tage, Wochen sind hier nichts; allenfalls Jahre, besser Jahrzehnte lohnen das Zählen.
„Wir wollen nicht hastig sein“, ist das erste, was Baumbart, Merrys und Pippins Führer durch diese Welt, den Hobbits erklärt. „Sei nicht hastig, das ist mein Wahlspruch.“ Baumbart ist, wie Tolkien bald erklären wird, ein „Ent“, ein Hüter der Bäume, der sich seinen Schutzbefohlenen anverwandelt hat. Und wie immer bei Tolkien, der bekanntlich Sprachhistoriker war, lohnt ein Blick auf die Herkunft dieses Wortes. Tolkien hat es in einem tausend Jahre alten Gedicht gefunden: „Eald enta geweorc“ heißt darin so viel wie „die alten Werke der Riesen“.
Größe und Alter - es steckt also beides darin, doch es scheint, dass die Menschheit, je weiter sie ihr Menschsein entwickelt, mehr noch das Alter als die Größe der Bäume bewundern lernt. In der Wertung „größer, schneller, weiter“ schneidet sie selber schließlich immer besser ab; in Disziplinen wie Dauer, Ruhe oder Geduld macht sie nach eigener Einschätzung hingegen wohl eher Rückschritte.
Der Erfolg des ein wenig esoterisch angehauchten Försters Peter Wohlleben liegt ja auch darin begründet, dass er die Bäume als Superhelden der Entschleunigung präsentiert. Wohllebens Buch „Das Geheimnis der Bäume“ war einer der prägenden Bestseller des vergangenen Jahres.
Die Faszination der Architektin und Autorin Zora del Buono ist ähnlicher Natur, ihr Baumbuch aber ganz anders geartet. „Das Leben der Mächtigen“ heißt es, wobei schon der Untertitel klarstellt, worin die Macht dieser Mächtigen besteht: „Reisen zu alten Bäumen“ lautet er, und Größe spielt in diesem Buch tatsächlich eine untergeordnete Rolle.
Zora del Buono hat sogar einen Bonsai besucht, der sich - wie Merry und Pippin zu Baumbart - gewissermaßen hinter eine Mauer gerettet und so den Atombombenabwurf auf Hiroshima überstanden hat, obwohl er nur drei Kilometer von dem Ort entfernt stand, an dem die vier Tonnen schwere Atombombe „Little Boy“ explodierte. Der „Hiroshima Survivor“, eine Japanische Weißkiefer, steht heute in Washington. Er misst 117 Zentimeter und wird seit 1625 „geschnitten, pinziert, gedrahtet, gebunden, gezupft und mit Nährstoffen versorgt“.
Anders als die übrigen Bäume, die Zora del Buono besucht hat, ist der Bonsai kein freier Baum. Del Buono, die zuletzt mit der Novelle „Gotthard“ von sich reden gemacht hat, ist ein Jahr lang zu insgesamt fünfzehn alten Bäumen gereist, nicht ganz um die Welt, aber doch in einige ihrer Ecken - nach England, Frankreich, Deutschland, in die Schweiz und einmal ganz durch die Vereinigten Staaten -, mit einer „zweiäugigen Rolleiflex“ im Gepäck, „der klassischen Mittelformatkamera für analoge Porträtfotografie“.
Beides ist von Bedeutung. Analog versteht sich - Stichwort: Entschleunigung - quasi von selbst. Porträt will sagen, dass del Buono echte Persönlichkeiten aufgesucht hat, wozu ein gelegentlicher Anthropozentrismus in der Beschreibung gehört. Lady Liberty etwa, eine Sumpfzypresse im Big Tree Park in Longwood, Florida, wird in del Buonos kleiner Reportage zu einem gewissermaßen feministischen Baum, weil sie zweitausend Jahre lang im Schatten ihres männlichen Nachbarn „Senator“ stehen musste. Mittlerweile ist „er“ nur noch ein verkohlter Stumpf, verschieden mit dreieinhalbtausend Jahren in einem Januarsturm anno 2012.
Wir Menschen, schreibt del Buono, sind „mit nicht sehr viel Zeit beschenkt, unsere Lebensspanne entspricht der einer durchschnittlichen Birke, einem der kurzlebigsten Bäume überhaupt.“ Aber natürlich misst sich das Alter von Bäumen für den Menschen auch an ihrer Zeugenschaft menschlichen Treibens.
Die Ankerwycke Yew, eine nur 14 Meter hohe, dafür neun Meter breite, sonderbar verwachsene Eibe, deren schwer zum Boden hängende Äste in zweitausend Jahren schon eigene Wurzeln ausgeprägt haben, hat womöglich (wenngleich vielleicht auch nicht) die Unterzeichnung der Magna Charta miterlebt. Die Angel Oak auf Johns Island in South Carolina hingegen ist ganz sicher ein heiliger Baum der Stono und Bohicket gewesen, als im 16. Jahrhundert die Spanier kamen.
Später - als, wie ein zeitgenössisches Dokument weiß, als „190 whites, 2666 negroes, 6 free negroes“ auf Johns Island lebten - sind in dem wild wuchernden Baum mit seinen sich in alle Richtungen windenden, „menschsdicken Ästen“ revoltierende Sklaven gelyncht worden. Für die „Dicke Marie“ war mal der „Reichsforst- und Reichsjägermeister“ Hermann Göring verantwortlich.
Benno Wolf, den eigentlichen Vater des 1935 in Kraft getretenen Reichsnaturschutzgesetztes, haben die Nazis in Theresienstadt ermordet, weil er Jude war. Doch die „Dicke Marie“ kennt auch ein anderes Deutschland: Der junge Goethe hat sie im Mai 1778 bewundert, und angeblich haben die Brüder Humboldt, die vis-à-vis wohnten, ihr den despektierlichen Namen verpasst. Vielleicht zur Wiedergutmachung hat Alexander auch den Begriff „Naturdenkmal“ geprägt.
„Treehunting“ übrigens nennt man das Bäumesuchen und -besuchen, das del Buono betreibt, ein definitiv nach-humboldtscher Begriff, aber der Wunsch nach ein bisschen Teilhabe an der Ewigkeit der Bäume ist vermutlich so alt wie die Menschheit.
In Allouville-Bellefosse, einem Dorf in der Normandie, haben ein närrischer Pfarrer und ein närrischer Abt eine mittlerweile zwölfhundert Jahre alte Eiche in eine Kapelle mit Eremitenklause verwandelt und den Baum mit Schindelverkleidung, phallischem Türmchen und Marienstatue im Innern selber zum Narren gemacht. Er wird ein paar Hundert Jahre brauchen, um den Eingang in sein Innerstes wieder zu verschließen - wenn man ihn denn überhaupt lässt.
Der Standort des höchsten Baums der Welt, des Küstenmammuts „Hyperion“, wird heute übrigens sicherheitshalber geheim gehalten. „Old Tjikko“ wiederum, eine Gemeine Fichte im Norden Schwedens, kann man nur mit Hilfe eines ortskundigen Führers erreichen, der die GPS-Daten nicht herausgibt. „Old Tjikko“ ist sagenhafte 9500 Jahre alt, allerdings gilt das nicht für seinen dürren, von der Witterung wie ausgezehrten, bloß fünfeinhalb Meter hohen Stamm. Denn diese Fichte ist ein sogenannter klonaler Baum, dessen Wurzelstock Radiokarbondatierungen zufolge seit dem Jahr 7550 vor Christus immer wieder austreibt.
Doch Zora del Buono reist noch weiter in der Zeit zurück. Im Mormonenstaat Utah, irgendwo am Highway 25, besucht sie den Pando, den vielleicht ältesten lebenden Organismus des Planeten, ein noch im Mai kahles Stammgewirr knochenfarbiger Zitterpappeln auf über 2000 Metern Höhe, die man auf den ersten Blick mit Birken verwechseln könnte. Wie „Old Tjikko“ vermehrt sich diese Pappel-Kolonie vegetativ-klonal - und das seit wenigstens 80.000 Jahren.
Im Anthropozän allerdings geht es dem „Trembling Giant“ nicht gut: Der Mensch hat die Wölfe verjagt, die den Pando vor Verbiss schützten, und er hat auch die Feuer gelöscht, die die Rivalen der Zitterpappeln immer wieder niederbrannten. „Old Tjikko“ dagegen wird vom menschengemachten Klimawandel profitieren. Auf seinem unwirtlichen Vorposten im Hochmoor werden bald wohl auch andere Kiefern wachsen und seiner Einsamkeit ein Ende machen.
Huorns nennt Tolkien jene Bäume, die selbst zu Baumhütern geworden sind.
