Alles über Wrestling: Geschichte, Regeln und Techniken

Wrestling begeistert die Massen und hat sich längst von einem Kräftemessen zwischen Sennen, Knechten und Bauern zu einem «Big Business» entwickelt. Der Boom und der Glanz der Neunziger ist inzwischen zweifellos verflogen, nichtsdestoweniger wächst das Interesse am Showkampf.

Erst vor wenigen Wochen kündigte Marktführer World Wrestling Entertainment (kurz WWE) einen milliardenschweren Medienrechte-Deal mit dem Streaming-Riesen Netflix an. Wrestling arbeitet sich zunehmend in den Mainstream vor. Die grösste Wrestlingorganisation der Welt erlebte ihre besten Zeiten in den achtziger Jahren, damals mit dem Namen World Wrestling Federation. Figuren wie Hulk Hogan, «Macho Man Randy Savage» oder der «Million Dollar Man» Ted DiBiase waren Teil der aufstrebenden globalen Popkultur.

Shows wie die Wrestlemania III im Jahre 1987 erreichten mehrere Millionen FernsehzuschauerInnen weltweit. Anfang April steigt dann auch noch bei World Wrestling Entertainment die Mega-Show Wrestlemania. Die Grossveranstaltung feiert ihr 40-jähriges Jubiläum und wird voraussichtlich vom Match zwischen Dwayne «The Rock» Johnson und Champion Roman Reigns angeführt.

Zum grossen Jubiläum stehen natürlich auch in «WWE 2K24» 40 Jahre Wrestlemania im Mittelpunkt. Fans können hier legendäre Momente und Kämpfe wie den «Bodyslam heard around the World» zwischen Hulk Hogan und André the Giant oder auch jüngere Konfrontationen zwischen Rhea Ripley und Charlotte Flair nachspielen. Wie schon in den vergangenen Jahren meistern Fans in dieser Spielart Aufgaben und treiben so die Matches voran.

An Schlüsselstellen geht das Spielgrafik in reale Filmsequenzen über. Neu dabei: Das Aussehen der Videospiel-Modelle passt sich verstärkt an das der echten Stars an. Verläuft etwa beim Ultimate Warrior oder Rhea Ripley in einer Zwischensequenz die Schminke, so ist das später auch in der Spielgrafik erkennbar.

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Die Geschichte des Wrestlings

«Das Ringen ist in den letzten Jahrzehnten stark in Misskredit geraten. Man sagt, der Grund sei der, dass nicht ‹reell› gekämpft wurde, sondern fast immer nach vorheriger Vereinbarung», schrieb der Journalist Adolf Stein bereits 1927. Die Klage, dass früher alles besser gewesen sei, scheint also auch im Ringkampf beliebt zu sein.

Die Zeiten, auf die sich Stein bezieht, waren von Wettbetrug bestimmt: Als die Ringer damals über die Jahrmärkte tingelten, konnte sich der Betrieb gar nicht durch Zuschauereinnahmen finanzieren. Die Hallen, wenn überhaupt vorhanden, waren klein, an Merchandising und Fernsehrechte war noch nicht zu denken. Also wurde vorher abgesprochen, wer gewinnt, und der Wettgewinn aufgeteilt.

Heute ist Wrestling ein Riesengeschäft. Die World Wrestling Entertainment (WWE) als weltweit dominierende Wrestlingorganisation, ist in den USA an der Börse notiert. Sie veranstaltet drei Shows pro Woche, in einer weiteren Sendung («Saturday Night’s Main Event») treten Akteure aus den drei Hauptshows gemeinsam auf.

Dazu kommen monatliche Grossveranstaltungen, die FernsehzuschauerInnen ausschliesslich per Pay-per-View angeboten werden. Abseits der grossen Fernsehproduktionen, wo neben der WWE nur noch ein paar wenige Ligen, insbesondere in Japan und Mexiko, mitmischen, bestimmen jedoch kleine Independent-Ligen den Wrestlingalltag.

Europäische Ligen finanzieren sich durch Zuschauereinnahmen, Merchandising und den DVD-Verkauf via Internet. «Wrestling mit einer ganz besonderen Facette» bekämen die Fans hier geboten, so die im nordrhein-westfälischen Essen angesiedelte Liga «Westside Xtreme Wrestling» (WXW).

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«Die grossspurige, aus dem Fernsehen bekannte Hollywoodproduktion» könne man bei diesen Shows nicht erleben, heisst es, «dafür aber die absolute Fan-Nähe». Das klingt weniger nach globaler Unterhaltungsindustrie und Millionengeschäft als nach Fans, die sich vom Millionengeschäft abgewandt haben und nun eine Intimität und Authentizität anpreisen, wie man sie auch beim Amateurfussball findet. Die meisten Wrestlingveranstaltungen in Deutschland und der Schweiz fallen in diese Kategorie.

Für einige besonders eingefleischte WrestlingenthusiastInnen waren das wahre Festtage, denn die japanische Variante des Showringens ist «sportlicher als das, was man aus dem Fernsehen kennt», sagt Alex Wright. Für die Japaner wiederum sind solche Events eine Chance, den DVD-Verkauf ausserhalb der eigenen Landesgrenzen anzukurbeln. Während in Oberhausen sogar japanische JournalistInnen vor Ort waren, interessierten sich die örtlichen Medien nicht sonderlich dafür.

Solche Zahlen machen es bereits deutlich: Wer im deutschsprachigen Raum als Wrestler aktiv ist, kann das nur nebenbei machen. Schulleiter Wright hat kürzlich eine eigene Liga gegründet, die New European Championship Wrestling (NEW). Darin sollen seine Schützlinge Kampfpraxis sammeln können.

Er mache seine Arbeit aus Liebe zum Sport, sagt Alex Wright. Trotzdem hofft Wright, dass sich der Sport für seine Kämpfer zu einem attraktiven Nebenjob entwickelt. Er spürt einen Aufschwung. «Die Präsenz im Fernsehen» sei wieder grösser geworden, nachdem es Phasen gegeben hatte, in denen die Sportart im frei empfangbaren TV gar nicht zu sehen war. So etwa zwischen 2001 und 2003.

Im Sportkanal DSF ist derzeit samstags «Smackdown» zu sehen, eine der drei grossen WWE-Sendungen. Seit Februar sendet Eurosport ausserdem montags einen Überblick über sämtliche aktuellen WWE-Shows («Die Woche in der WWE») sowie eine recht wirre Zusammenstellung mit Kämpfen aus den goldenen Zeiten des Wrestlings («Vintage Collection»).

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Regeln und Techniken im Wrestling

Wer sich einen Wrestlingkampf anschaut, muss sich von diesem Vorurteil schnell verabschieden: Vor allem die «Aerial Techniques» - mit Salti und Drehungen angereicherte Sprünge aus erhöhten Positionen, etwa von den Seilen in den Ring - stehen für anspruchsvolle Athletik und präzise Technik. Dass die Kämpfe abgesprochen sind, stimmt zwar im Kern, aber nicht im Detail: «Ich habe in den USA bis zu 350 Tage im Jahr gekämpft, teilweise siebenmal am Tag. Man kann die Kämpfe nicht alle einstudieren wie eine Tanzaufführung», erzählt der ehemalige Profiwrestler Alex Wright, der vor zwei Jahren im süddeutschen Nürnberg die Pro Wrestling School eröffnet hat.

Abgesprochen ist nur der Ausgang, nicht aber der Ablauf. Das gilt auch für Storylines bei den Fernsehinszenierungen, in denen nicht im Detail ausgearbeitet wird, wie sich die Rivalität zwischen den Kämpfern entwickelt. «Der Reiz besteht für mich gerade darin, dass klar ist, dass manipuliert wird», sagt ein deutscher Fan namens «Indikator», ein Mitarbeiter der Webseite genickbruch.com, der im «richtigen Leben» ein Jurastudium absolviert.

Die Matches selbst spielen sich im Vergleich zum Vorgänger ähnlich, wurden aber dennoch erweitert: Die in den echten Schaukämpfen populären Schlagduellen finden ebenfalls ihren Weg ins Spiel. In einem Mini-Spiel müssen WWE-Anhänger die richtige Taste gedrückt halten, um ihrem Gegenüber eine Schelle zu verpassen.

Dazu ergänzt man das Spiel um neue Payback-Spezialaktionen - so wird es etwa möglich sein, einen Feuerball in das Gesicht des Gegenübers zu werfen. Auch kann man nun vom obersten Ringseil auf ganze Gegnergruppen springen und diese allesamt umwerfen. Das garantiert mächtig Chaos. Für einen besonderen Abschluss sorgen die so genannten Super-Finisher. Mit diesen besonders inszenierten Spezialaktionen fertigt man Widersacher gekonnt ab: Cody Rhodes zeigt dann etwa drei «Crossroads»-Aktionen am Stück.

Objekte wie Stühle oder Tische kann man auch werfen und das Kommentatorenpult ausserhalb des Rings dient als Plattform für weitere Aktionen, auf der auch gekämpft werden darf. Das optional einstellbare Blut nach besonders heftigen Schlägen hinterlässt nun bleibende Flecken auf dem Boden. Es sind letztlich diese kleinen Details, die das Spiel auszeichnen und bei beinharten Fans für Aha-Momente sorgen werden.

Was Sie übers Ringen wissen müssen

Ringen ist hart, aber fair. Oftmals kommt es zu leichten Blessuren. Blutergüsse, Verstauchungen oder Verletzungen am Knie sowie an der Schulter. Bekannt sind die sogenannten Blumenkohlohren. Dieses Phänomen entsteht durch das häufige Abschleifen des Ohrs an der Kampfmatte.

Im Kampf hat man ein sogenanntes Trikot an. Der eine Ringer trägt ein rotes, der andere ein blaues. Es handelt sich dabei um einen eng anliegenden Einteiler, der oben nur mit Trägern ausgestattet ist, wie bei einem Gewichtheber. Sonst Ringerschuhe. Manche kämpfen noch mit Helm, um sich vor einem Ringerohr zu schützen. Das ist aber alles.

Das wäre wohl der Russe Alexander Karelin, der dreifacher Olympiasieger wurde und über zehn Jahre lang keinen offiziellen Kampf verlor.

Aus Russland und den ehemaligen Sowjetstaaten kommen starke Ringer, ebenso aus den USA. Diese stehen seit Jahren an der Spitze. Vor den dortigen Unruhen gab es auch in Afghanistan eine starke Ringerszene. Das zeigt sich auch aktuell in der Region.

An den Schweizer Meisterschaften gibt es ein Drei-Mann-Kampfgericht. Gewinnen kann ein Ringer entweder durch einen Schultersieg. Dafür muss er seinen Gegner auf die Schulter legen. Dann gibt es den Punktesieg: Für verschiedene Griffe existieren verschiedene Wertungen. Der dritte Weg ist durch technische Überlegenheit, das heisst, wenn man zehn Punkte mehr als der Gegner geholt hat.

Es gibt zwei Runden. Bei den Kadetten dauern sie zweimal zwei Minuten, mit 30 Sekunden Pause dazwischen, bei den Aktiven zweimal drei Minuten. Wenn diese Zeit vorbei ist und kein Sieger feststeht, werden die Punkte verglichen, um den Gewinner zu bestimmen.

Die SWE (Swiss Wrestling Entertainment)

Wenn man den Begriff Wrestling hört, assoziiert man ihn erst mal mit überproportionierten Muskelpaketen, die, mit Steroiden vollgepumpt, dem Zuschauer einen Kampf vorgaukeln. Barbarisch eigentlich - und doch erfreut sich der Sport in gewissen Kreisen grosser Beliebtheit.

Davon zeugt etwa die kürzlich gegründete, in Bern basierte Wrestling-Liga SWE (Swiss Wrestling Entertainment). Ihr Gründer, Markus Wymann, will von solchen Vorurteilen nichts wissen: «Wrestling ist eine unterschätzte Kunst, die nicht jeder kann.»

Der grosse Unterschied zu echten Kämpfen ist, dass sich im Wrestling die Kontrahenten nicht nur schlagen, sondern eine Geschichte erzählen. Diese ist in der Regel einfach: Der Protagonist trifft auf seinen Antagonisten - das Gute will das Böse stoppen. Das Ziel der Wrestler ist es, das Publikum auf ihre Seite zu ziehen. Die Interaktion zwischen Wrestler und Publikum ist Teil des Sports: Es wird gebrüllt, gebuht und gepfiffen, was das Zeug hält.

Nicht zuletzt für das zunehmende Interesse am Wrestlingsport verantwortlich sind erfolgreiche Kampf-Exporte aus der Schweiz. Cesaro aus Luzern etwa heisst mit bürgerlichem Namen Claudio Castagnoli und kämpft mittlerweile gar in den Hauptshows der World Wrestling Entertainment - der grössten Wrestling-Liga der Welt. Ein aufgehender Stern am Himmel der kleineren US-Ligen ist Ares alias Marco Jaggi aus Biel.

Wenn jedes Quartier einen Fussball-Junioren-Club hat, sind die Ausbildungsstätten für den Wrestling-Nachwuchs rarer. Doch es gibt sie: Die bekanntesten Schulen heissen WAR (Wrestling Academy Rorbas im Kanton Zürich) und KWZ. Letzteres, das Kallnacher Wrestling Zentrum, befindet sich gar im Kanton Bern. Hier lernen die Schüler, was es braucht: Technik, Kondition, Choreographie, Schauspiel. Die «vorgetäuschten» Aktionen erfordern nämlich viel Können und Kraft.

Was die Vorurteile angeht, so hat sich das Wrestling zumindest in den Staaten davon loseisen können. Die Kämpfer werden als Sportler wahrgenommen. Ehemalige Wrestler steigen gar in die Politk ein, führen Börsenberatungsfirmen oder führen Projekte für benachteiligte Kinder, um ihnen das Leben zu verschönern. Das Etikett des anabolikagesättigten Tunichtgutes fällt langsam ab.