Wie in den vorangegangenen Ausführungen bereits dargelegt, ist die Darstellung des eigenen kriminellen Verhaltens ein zentrales Element im Gangsta-Rap. Hierbei dominiert der Schmuggel und Verkauf von Drogen. Eine untergeordnete Rolle spielen Gewalt- und Eigentumsdelikte.
Die Aussage von Gangsta-Rappern, über Hafterfahrung zu verfügen, im Besitz scharfer Waffen und Mitglied einer kriminellen Gruppe zu sein, ist auch als Warnung an andere zu verstehen und bestärkt die eigene Reputation. Im Untersuchungssample sticht insbesondere der Rapper AK Ausserkontrolle hervor.
Aber auch andere Rapper berichten von kriminellen Handlungen. 18 Karat weiß zu berichten, er trage „Immer Revolver mit unter dem Pulli“ (18 Karat, 2021, Familie), Al-Gear droht „Ey, ich komm‘ mit Dreckskanaken nachts zu dir / Die schwerbewaffnet und maskiert / Auf leeren Taschen und Hartz IV perverse Sachen praktizier’n“ (2018, Meine-Welt) und Schwesta Ewa rappt „Q6, stürmen die Zentralbank“ (2018, Schnelles Geld).
Drogen und Drogenhandel im Deutschrap
Das Thema „Drogen/ Drogenhandel“ im deutschsprachigen Rap erweist sich als äußerst vielschichtig und komplex. Aussagen über das Dealen aber auch den Konsum von Drogen finden sich bei zahlreichen Rappern. Thematisiert werden sowohl legale Drogen wie Alkohol, Tabak und Glücksspiel/ Sportwetten, aber v.a. auch illegalisierte Drogen (Cannabis, Kokain, Crack, Amphetamine, Ecstasy, Opiate usw.) und der Konsum verschreibungspflichtiger Medikamente (z.B. Codein, Benzodiazepin). Dabei finden zahlreiche Slangbegriffe für die unterschiedlichen Substanzen Verwendung.
Eine detaillierte quantitative Auswertung, welche Droge am häufigsten benannt wurde, hätte den Rahmen des Projekts gesprengt. Jedoch lässt sich sagen, dass Cannabis mit ca. 4.500 Wortnennungen am häufigsten thematisiert wird - gefolgt von Kokain mit ca. 1.700 Wortnennungen. Darüber hinaus ist die Vielzahl der Nennung von verschreibungspflichtigen Medikamenten aufschlussreich.
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Jugend- und Partykultur ist üblicherweise mit aufputschenden und enthemmenden Drogen assoziiert (wie z.B. Alkohol, Kokain, Speed, Ecstasy), die ein ausdauerndes und ausgelassenes Feiern erlauben. Bei vielen der benannten Substanzen handelt es sich hingegen um Drogen mit einer stark sedierenden Wirkung (z.B. aus der Gruppe der Benzodiazepine oder auch opiathaltige Arzneimittel). Dies lässt die Vermutung zu, dass hier die betäubende und abstumpfende Wirkung erwünscht wird. Ein Zusammenhang zu den Auswertungskategorien „soziale Lage“ und „psychische Probleme“ liegt hier nahe.
Im Kontext der Darstellung der Polizei spielen Drogen vor allem im Kontext des vorgeblichen illegalen Handels mit Cannabis und Kokain eine Rolle. Andere illegale wie legale Drogen und verschreibungspflichtige Medikamente finden häufig Erwähnung jedoch seltener im Kontext des illegalen Drogenhandels. Der angebliche Drogenschmuggel und -handel findet länderübergreifend und im großen Umfang statt.
Vielleicht interessanter als der Umstand, dass Drogenhandel im Kontext des deutschsprachigen Gangsta-Raps vielfach Erwähnung findet, ist die Frage, weshalb es gerade der Drogenhandel ist, der als illegales Beschäftigungsfeld gewählt wird. Der illegale Drogenhandel verspricht einerseits große Gewinnspannen und setzt keine besonderen Qualifikationen voraus. Eine Bezugsquelle und ein potentieller Käuferkreis vorausgesetzt, eröffnet sich jedem die Gelegenheit, mit Drogen zu handeln.
Kubrin (2005a) erklärt die Dominanz des illegalen Drogenhandels im Gangsta-Rap zum einen mit der Gelegenheitsstruktur. Die Gelegenheit zum Drogendealen läge „literally just around the corner“ (S. 362). Im Einklang mit kriminologischen Drucktheorien erklärt die Autorin weiter, dass in Ermangelung legitimer Möglichkeiten einer ökonomisch und sozial erfolgreichen Lebensführung sich der Drogenhandel als „one of the most viable ‚job‘ options in the face of limited employment opportunities“ darstelle (ebd.).
Der Ort als Spiegel sozialer Desorganisation
Die Kategorie „Ort“ betrifft über siebenhundert Textstellen, die auf konkrete Orte wie z.B. Deutschland, Hamburg, Schöneberg usw. oder unspezifischen Ortsangaben wie z.B. Ghetto, Block, Viertel usw. verweisen. Der Ort spielt sowohl im Kontext der Authentizität, psychischer Probleme als auch in Bezug zur Polizei eine wichtige Rolle.
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Viele der benannten Örtlichkeiten - unabhängig davon, ob es sich hier um konkrete oder unspezifische Orte handelt - verweisen auf eine soziale Desorganisation. Die benannten Orte werden oftmals charakterisiert als strukturschwache, segregierte Wohnorte und Kriminalitätsbrennpunkte.
Durch die zweimalige Verwendung des Possessivpronomens „mein“ („meine Gegend“, „vor meiner Haustür“) bringt der Sprecher gleichsam zum Ausdruck, dass er sich diese - einem Horrorfilm gleichende, kriminalitätsbelastete - Umwelt zu eigen macht und sich in ihr zu behaupten weiß. Dieser Zusammenhang zwischen den in der Untersuchung als Kategorien „Ort“, „Authentizität“ und „Polizei“ identifizierten Aussagen, lassen sich in vielen Liedern finden.
Der Ort wird durch die Anwesenheit der Polizei als gefährlich charakterisiert. Die Polizei fungiert demnach hier nicht als Garant für Sicherheit, sondern als Indikator für eine soziale Desorganisation. Zugleich verweist diese Charakterisierung des Ortes auf Herkunft des lyrischen Ichs, das seinen sozialen Nahraum als ‚gefährlichen Ort‘ kennzeichnet. Dies bestärkt wiederum die Authentizität der Rap-Persona zumal, wenn ein konkreter Ort benannt wird.
Auffällig ist auch ein Zusammenhang zwischen der Darstellung des Ortes und einer geschilderten psychischen Belastung. Der Ort steht hier stellvertretend für eine empfundene Perspektivlosigkeit. In Übereinstimmung mit kriminologischen Drucktheorien wird in zahlreichen Liedtexten im Untersuchungssample unterstellt, dass legale Möglichkeiten des sozialen und wirtschaftlichen Aufstiegs den Akteuren verstellt sind. Ein sozialer Aufstieg und gesellschaftliche Teilhabe sollen durch illegale Aktivitäten (und hier insbesondere der Drogenhandel) erreicht werden.
Die Polizei steht diesem möglichen Ausweg aus dem „Ghetto“ entgegen. Die soziale Lage an sich und der polizeiliche Verfolgungsdruck verursachen eine psychische Belastung.
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Psychische Belastung und soziale Lage
Die Kategorie „psychische Belastung“ lässt Parallelen zu einer qualitativen Untersuchung von über sechshundert US-amerikanischen Rap-Liedern hinsichtlich einer Perspektivlosigkeit/ Nihilismus erkennen (Kubrin, 2005b). Die Autorin sieht eine nihilistische Haltung in Rap-Liedern im Zusammenhang mit (1.) einer trostlosen Lebensumwelt und Hoffnungslosigkeit verbunden (bleak surroundings with little hope), (2.) in einem Zusammenhang mit der allgegenwärtigen Gewalt im Ghetto (pervasive violence in the ghetto) sowie (3.) einer Beschäftigung mit Tod und Sterben (preoccupation with death and dying) (vgl. ebd., S. 444 ff.).
Aussagen zur sozialen Lage im Untersuchungssample finden wie oben ausgeführt insbesondere im Kontext von Ort und psychischer Belastung statt. Auffällig ist, dass klassische Bildungsbiographien keinen Raum in der Selbstdarstellung der Straßenrapper finden. Stattdessen werden wie von Dollinger und Rieger (2023) treffend beschreiben Schilderungen verbreitet, nach denen sich der Rapper aus eigener Kraft und gegen zahlreiche Widerstände (gegen Polizei, Gesellschaft, andere Rapper usw.) aus seiner als prekär empfundenen Lage befreit hat.
Dabei verweisen diese Selbstermächtigungsphantasien auch auf den Ursprung der Hip-Hop-Kultur in den 1970er Jahren in der New Yorker Bronx. Von Beginn an schwang „im Rap immer auch die Idee mit, es von der Straße ganz nach oben schaffen zu wollen. Die Sozialkritik im Rap trug immer den Moment sozialer Selbstermächtigung in sich.“ (Gontek, 2024).
Als Beleg für den erfolgreichen Ausbruch aus der sozialen Randständigkeit dienen Luxusgüter und materielle Statussymbole. Im Untersuchungssample konnten über vierhundert Textstellen codiert werden, in denen Luxusautos, -uhren, -hotels usw. erwähnt werden.
Eng verbunden mit dem Code Luxus ist das Frauenbild, das sich in den analysierten Liedtexten abzeichnet. Frauen spielen in der Hip-Hop-Kultur im Allgemeinen und auch im hier vorliegenden Untersuchungssample eine untergeordnete Rolle. Wie bereits dargestellt, machen Künstlerinnen nur einen kleinen Anteil am Gesamtsample aus. Aber auch in den Liedtexten spielen Frauen eine marginale Rolle. Das Frauenbild in der Rap-Musik lässt Parallelen zum Konzept der hegemonialen Männlichkeit (Connell, 2015) erkennen (vgl. Süß, 2021).
Wenn Frauen im vorliegenden Liedtextsample thematisiert werden, bleiben sie zumeist namenlos und werden - analog zu den materiellen Statussymbolen - objektiviert. Die Darstellung ist stereotyp und Frauen werden zumeist auf ihr Aussehen und ihre Sexualität reduziert. Frauen werden regelmäßig als willige, häufig untreue und berechnende Sexualpartnerinnen dargestellt. Im Kontext der hier zu bearbeitenden Fragestellung ist das Frauenbild v.a. im Zusammenhang mit der Selbstdarstellung der männlichen Rapper aufschlussreich. Die Darstellung der Frau als allzeit verfügbares Sexualobjekt unterstreicht die ...
