Karat Konzert Greifswald Geschichte: 50 Jahre Deutsche Rockmusik

Die Kultband „Karat“ gehört zu den wenigen Bands der ehemaligen DDR, die ein halbes Jahrhundert Musikgeschichte geschrieben haben, ohne zur reinen Nostalgie-Show zu werden.

Statt nur ihre Vergangenheit zu verwalten, hat die Band sich immer wieder neu erfunden - auch nach personellen Umbrüchen. Eine permanente Frischzellenkur, ein ständiger Verjüngungsprozess.

Die heute den 50. Bandgeburtstag feiern, kommen zum Teil aus anderen Generationen, bieten von ihrer Lebenserfahrung her ein breit gefächertes Spektrum.

Ihre Hits - von „Über sieben Brücken musst du geh’n“ bis zu „Der blaue Planet“ - sind längst Klassiker, die dennoch zeitlos klingen.

Es gibt Bands, die muss man eigentlich gar nicht großartig vorstellen, denn ihre Hits kennt man einfach, sie sind gelebte Geschichte und auch ein Teil unseres Lebens.

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Und nicht von ungefähr verkauften sie bisher über zwölf Millionen Tonträger und sind die einzige ostdeutsche Band, die schon vor dem Mauerfall im Westteil des Landes Gold einheimste und sogar bei „Wetten dass..?“ oder der „ZDF Hitparade“ auftrat.

Helene Fischer, Chris de Burgh, Max Raabe, Peter Maffay und Matthias Reim, aber auch Scooter, Jan Josef Liefers und sogar die Fantastischen Vier haben KARAT-Songs gecovert, was für die überragende Qualität dieser Songs spricht.

Dabei hat die Band so manchen Schicksalsschlag in 50 Jahren Bandgeschichte wie den Tod ihres langjährigen Sängers Herbert Dreilich oder den langwierigen Streit um den Bandnamen verkraften müssen.

Besonders prägend war Herbert Dreilich, der die Band drei Jahrzehnte lang als Frontmann führte. 2004 erliegt er einem Krebsleiden. Seit nunmehr 20 Jahren steht sein Sohn Claudius an dieser Stelle, der mit eigener Stimme, Bühnenpräsenz und kreativer Energie das Erbe fortsetzt, ohne es zu kopieren.

Claudius Dreilich, übernahm nach dem Tod seines Vaters 2005, die Stelle des Sängers in der Band. Er sorgte nicht nur dafür, dass KARAT am Leben blieb, sondern auch mit neuen Ideen und neuen Songs für frischen Wind.

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Vom ersten Ton des Albums „Immer noch da“ ist die Richtung klar, hier wird nicht mit Härte oder Lautstärke experimentiert, hier gibt es keine aufwendigen Loops oder unschöne und störende technische Spielereien, um sich mit Macht einer Frischzellenkur zu unterziehen. Nein, eher das Gegenteil ist der Fall.

Lyrisch, poppig, mal rockig, aber auch ruhig und balladenhaft, sowohl musikalisch und besonders textlich durchdacht, kommen die neuen Stücke daher und sind frisch, doch unverkennbar KARAT.

Denn die Band mit Gitarrist Bernd Römer, Sänger Claudius Dreilich, Keyboarder Martin Becker, Bassgitarrist Daniel Bätge und Schlagzeuger Heiko Jung blickt nicht nur zurück, sondern vor allem nach vorn. Dennoch haben KARAT die alten Bandtraditionen nicht verloren, so wurden alle Songs im Studio live eingespielt, das Ergebnis welches es als Vinyl und CD gibt kann sich dabei durchaus hören lassen.

Dabei sind sie musikalisch und textlich am Puls der Zeit, („Der Mensch“), um hier genau ihre ganz besondere und eigene Vorstellung von deutschsprachiger Pop/ Rockmusik zu unterstreichen.

So zeigen KARAT auch das sie nach 50 Bandjahren nicht zur Altherrenriege der Musiker gehören, die sich nur auf alten Erfolgen ausruhen, sondern auch mit neuen und inhaltlich tollen Songs (u.a. geschrieben vom Texterlegende Werner Kama, Martin Becker, Hansi Biebl oder auch Claudius Dreilich) überzeugen, um im Popgeschäft weiter mit mischen zu können.

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50 Jahre Karat sind auch 50 Jahre deutsche Rockmusik.

Wie sehen Sie dabei den Stellenwert von Karat?

Da muss man etwas differenzieren. Wie viele andere Bands in der DDR waren Karat eingeschränkt, sich musikalisch ausleben zu können. Bands im Westen hatten es da einfacher. Karat hat aber insofern etwas Neues in die deutsche Rockmusik eingebracht, als die Band eigene Sounds entwickelte.

Ich denke an die außergewöhnlichen Kompositionen von Ed Swillms und an die orchestralen Einsätze bei Songs wie „Albatros“. Da wurde Klassik mit Rock verschmolzen, heute würde man es Crossover nennen.

Die Geschichte von Karat ist auch eine Bandgeschichte in zwei Gesellschaftssystemen. Wie sehr spielt das heute noch eine Rolle?

Für uns ist das nicht mehr sehr wichtig. Wir verleugnen nicht unsere Vergangenheit, aber Karat existiert inzwischen länger im vereinigten Deutschland als in der DDR. Trotzdem stehen wir natürlich zu unseren Wurzeln und sind stolz auf die Songs, die früher entstanden sind. Sicherlich sind die in ihrer beeindruckenden Art auch durch die besondere Situation in der DDR zustande gekommen. So eine lyrische Rockmusik wurde ja im Westen nicht gemacht. Auch Rockmusik von Stern Meißen, City oder Silly hatte ja diesen eigenständigen Charakter. Ein Kollege sagte mal: Eigentlich ist Ostrock zu einem Markenzeichen im positiven Sinne geworden. Das sehe ich genauso.

Sie sind 2005 zur Band gestoßen, haben als Sänger den Platz Ihres verstorbenen Vaters eingenommen. Insofern waren Sie nie „Ostrocker“. Jetzt sind Sie es qua Karat-Mitgliedschaft doch ein bisschen geworden?

Das ist völlig in Ordnung, zumal ich als Kind tatsächlich viel mit Karat unterwegs war. Ich mochte ihre Musik von klein auf. Meine allererste Schallplatte war die erste Karat-LP, nicht eine Märchenplatte. Ich bin mit der Musik groß geworden. Von daher fühle ich mich der Band und ihrer Geschichte sehr eng verbunden.

Bei der Karat-Gründung 1975 waren Sie fünf. Wie viel haben Sie vom frühen Bandgeschehen mitgekriegt?

Bevor sich meine Mutter und mein Vater getrennt hatten und er nach Berlin zog, hat die ersten zwei Jahre von Karat fast alles bei uns zu Hause in Halle stattgefunden. Wir hatten ein Haus mit viel Platz, in dem auch Ed Swillms ein paar Monate wohnte und arbeitete. Das weiß ich noch, ich kann aber nicht sagen, welche Songs dort entstanden sind. Er war jedenfalls sehr präsent und diese Zeit hat mich als Kind durchaus geprägt.

Was heute kaum vorstellbar ist, Karat begannen damals als Tanzband?

Ja, das erste Konzert fand in Heidenau bei Dresden statt, am 22. Februar 1975. Da hatten sie noch kaum eigene Songs, sie spielten Stones-Cover und Tanzmusik.

Erzählt Gitarrist Bernd Römer, der seit 1976 dabei ist, öfter Anekdoten aus den alten Zeiten?

Wir unterhalten uns relativ wenig über früher, bei uns gehen die Gespräche meist nach vorn.

Zehren Sie noch heute davon, dass Karat auch in der alten BRD sehr erfolgreich waren? Zum Beispiel dürfen Sie 2025 sogar in der Hamburger Elbphilharmonie auftreten.

Und die war ausverkauft, bevor wir dafür Werbung machen konnten. Ich glaube schon, dass wir davon profitieren, nicht erklären zu müssen, wer wir sind. Karat hat in der Bundesrepublik vor 1989 zwei Goldene Alben bekommen. Darauf können wir uns jedoch heute nicht ausruhen. Wir müssen vor allem eine gute Show abliefern.

Es fällt auf, dass der Begriff Ostrock heute nicht mehr so abschätzig verwendet wird wie kurz nach der Wende. Musiker wie Holger Biege, Hansi Biebl und andere wurden von westgeborenen Künstlern zuletzt entdeckt. Karat waren dafür Vorreiter, die Covergeschichte des Songs „Über sieben Brücken“ hat ja früh begonnen.

Als Peter Maffay den Song entdeckte und neu aufnahm, war er in der DDR längst ein Hit. Dass er auch im Westen einschlug, war für beide Seiten ein großes Glück. In den letzten Jahren beobachte ich ebenfalls, dass junge Bands Ostmusik entdecken. Das ist natürlich toll, wenn mit dem Material gut umgegangen wird.

Wie würden Sie die Seele der Band beschreiben?

Ich glaube, ich habe sie schon als Kind gespürt. Die Seele von Karat begründet sich nicht auf einzelnen Bandmitgliedern, sondern auf der Musik. Es gibt ein festes Fundament, bestehend aus bekannten Songs, zumeist aus der Feder von Ed Swillms: „Albatros“, „Der blaue Planet“ oder „Schwanenkönig“. Aber getragen wir unsere Musik generell von einer Ernsthaftigkeit, die man fühlen kann. Und man muss als Band eine gute Gemeinschaft sein, auch wenn man sich mal streitet. Manchmal gab es den Zusammenhalt nicht mehr, dann kam es zu Veränderungen.

So harmonisch wie Karat-Songs lief es bandintern nicht immer. Es gab sogar juristische Auseinandersetzungen. Familienkrach gehört zu jeder guten Band?

Es gab auch Scheidungen, da sind wir keine Ausnahme. Wir sind ja kein Wirtschaftsunternehmen mit Betriebsrat, sondern eine Rockgruppe. Man kann aus solchen Sachen aber auch lernen.

Das ist die eine Herausforderung. Die andere ist, wiedererkennbar und trotzdem nicht altbacken zu klingen. Fällt das leicht?

In gewisser Weise ist es eine Herausforderung, nicht in Routine zu verfallen, sodass die Musik irgendwann klingt wie vor 30 Jahren. „Albatros“ spielen wir heute auch anders als früher. Eine musikalische Entwicklung muss einfach stattfinden. Das kommt aber, wenn man sich mit anderer Musik beschäftigt, was wir aber alle tun. Ich gehe selbst oft zu Konzerten, gucke mir auch Punkbands an, querbeet. Dann staubt die eigene Musik nicht ein.

Der vor allem aus seiner früheren Zusammenarbeit mit Silly bekannte Textdichter Werner Karma hat drei Texte zum neuen Album „Hohe Himmel“ beigesteuert. Wie kam es dazu?

Über unseren Keyboarder Martin Becker, der mit Werner Karma befreundet ist. Für mich sind die Texte ein unheimlicher Schatz, weil Karma ein Meister seiner Kunst ist. Martin ist ja auch mit Hansi Biebl lange befreundet, weshalb sie diese drei Songs gemeinsam komponiert haben.

Von Ihnen stammt das Stück „Der Mensch“, der wie eine Referenz an Ihren Vater Herbert wirkt, weil die Songzeile „Diese Welt braucht keinen neuen Gott zum Beten / Denn diese Erde, sie ist krank“ wie eine Anknüpfung an „Der blaue Planet“ erscheint. Ist der Eindruck richtig?

Ich habe beim Schreiben überhaupt nicht an meinen Vater oder an „Der blaue Planet“ gedacht. Als ich den Song vor über zwei Jahren schrieb, wollte ich ausdrücken, dass sich nicht wirklich etwas verändert hat auf unserem Planeten. Das macht mir Sorgen. Ich fühle mich richtig ohnmächtig. Also habe ich versucht, ich diese Ohnmacht von der Seele zu kriegen. Ich kann aber auch keine Lösung anbieten, der Song soll polarisieren. Wenn er an die Message von „Blauer Planet“ anknüpft, ist das Zufall und doch auch wieder nicht.

Spüren Sie in den Konzerten, dass es im Publikum eine Brücke zwischen früher und heute gibt?

Auf alle Fälle. Die Leute kommen wegen der Hits, sind aber auch offen für Neues. Und es kommen auch jüngere Fans, die „König der Welt“ zum ersten Mal live hören. Wir haben ein Publikum von jung bis alt. Ich freue mich über die Vermischung der Generationen. Mehr können wir uns nicht wünschen.

Bei Karat gibt es seit kurzem zwei neue Bandmitglieder. Sie sind seit 2005 dabei und jetzt selbst ein halbes Urgestein. Ein komisches Gefühl?

Ich fühle mich sehr wohl in meiner Rolle. Ich darf tun, was ich am liebsten mache und davon leben. Das ist nicht selbstverständlich. Ich hätte ja vor 20 Jahren nicht in die Band einsteigen müssen, denn ich hatte eine glänzende Zukunft im Europa-Management von IKEA. Ich bin jedoch zu Karat gegangen, weil ich mich eng verbunden fühlte und wichtig fand, dass das Bandvermächtnis richtig weitergetragen wird. Ich habe meine Entscheidung nie bereut.

Das Jubiläumsjahr wird intensiv. Welche Highlights sehen Sie?

Da gibt es sicher einige. Auf die Hamburger Elbphilharmonie bin ich gespannt. Die lassen schließlich nicht jeden rein. Und dann sind wir im Mai eine Woche Richtung Norwegen unterwegs auf einem Kreuzfahrtschiff, das wir selbst gechartert haben für über 2000 Fans. Dort spielen wir sieben Tage durch, mal ein Konzert nur mit unserem neuen Album. Dann wieder einen Rückblick auf die legendären Amiga-Gitarreros mit einigen Gästen von damals, Jürgen Ehle von Pankow oder Reinhard Petereit von Rockhaus. Sieben Tage haben wir das Programm komplett in unserer Hand. Die Schiffsreise ist längst ausverkauft.

Ostseewelle holt euch für gleich vier Termine die Kultband KARAT zu uns nach Mecklenburg-Vorpommern.

Anlässlich ihres 50-jährigen Jubiläums erlebt ihr sie am 16.08.2025 im Strandbad Eldena - Greifswald-Wieck