Im Jahr 34 nach dem Mauerfall ist es kein Geheimnis mehr: Die Rockmusik aus dem Osten Deutschlands hat eine sehr große Anzahl Künstler und Lieder zu bieten, die fester Bestandteil des gesamtdeutschen Kulturerbes waren, sind und bleiben werden. Unter diesen ragt, bei aller Wertschätzung für die anderen, eine Band noch einmal ein ganz besonderes Stück heraus: KARAT.
Karat macht seit 50 Jahren Musik. Manch ein Fan der Ostrock-Band ist von Beginn an dabei - so wie Steven Reinfeld.
Die Anfänge und der Durchbruch
KARAT waren bei ihrer Gründung im Jahr 1975 keine Teenager mehr, die ihre ersten wackeligen Schritte auf der Bühne unternahmen. Sie hatten ihre Meriten in bekannten Rockbands, vor allem „Panta Rhei“ und „Horst-Krüger-Band“, bereits gesammelt. Karat starteten im Gründungsjahr gar mit zwei Sängern, Musiker wie Henning Protzmann, Thomas Kurzhals oder Michael Schwandt - um nur einige zu nennen - prägten die Band.
Die Band um Sänger Herbert Dreilich und Keyboarder Ed Swillms, aus dessen Feder die großen KARAT-Hits stammen, kam zusammen, die Nummer eins zu werden und schnell war klar, dass sie dazu in der Lage sind. Es hat dann ja auch nicht lange gedauert. Schon 1979 wurde das zweite KARAT-Album (im Osten: „Über sieben Brücken“) in der BRD unter dem Titel „Albatros“ herausgebracht - die schlauen Vermarkter hatten den „König der Welt“ zusätzlich draufgepackt. Es verkaufte knapp unter Goldstatus.
Den knackten KARAT dann im Gefolge von „Der blaue Planet“, eins der erfolgreichsten Alben der Ostrock-Geschichte, das auch im Westen fast ein ganzes Jahr lang ununterbrochen in den Charts lag. KARAT waren nicht nur wegen ihrer Musik allein ungeheuer wichtig, sondern weil diese Musik eine gesamtdeutsche Sache war, die aus dem Osten kam. Zweifelsohne Balsam für die ostdeutschen Musikfans: Denen war immer schmerzlich bewusst, dass das meiste, was sie auf dem heimischen Markt live oder von legal erworbener Konserve konsumierten, eine Art Ersatz für die Großen der Rock- und Pop-Welt hinter der Mauer war.
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KARAT gaben das erste Mal das Gefühl, auch zu Hause oder in der eigenen Stadthalle etwas zu hören, das mehr war als popmusikalischer Mocca-Fix, also Ersatzprodukt. Sondern etwas, was auch die „drüben“ mit Westgeld kauften, obwohl es im Regal zwischen „Kansas“ und „King Crimson“ stand und nicht vor „Karussell“ und „Kati Kovaćs“.
Die Bedeutung der Musik von Karat
Es scheint müßig, weil hinreichend bekannt, auf die großen Klassiker wie „Über sieben Brücken“, „König der Welt“, „Der blaue Planet“, „Schwanenkönig“, „Albatros“, „Jede Stunde“ oder „Mich zwingt keiner auf die Knie“ zu verweisen. Auf die vielen KARAT-Coverversionen von Gregor Meyle, Heinz Rudolf Kunze, Peter Maffay, Helene Fischer, Chris de Burgh und Max Raabe, um nur einige zu nennen. Auf die ausverkaufte Waldbühne ganz ohne DDR-Publikum, auf den Umstand, als erste und einzige Band des Ostens bei „Wetten dass...“ gewesen zu sein.
KARAT, sagt der Fan der ersten Stunde, sei eben nicht 08/15. „Das hat alles Sinn. Alles!“, betont er. Die Musik der Band vermittelte vom ersten Ton an eine Sachlichkeit, „die man gebrauchen konnte“, wie Reinfeld es ausdrückt. Leichtigkeit und Schwere zugleich. „Die haben es geschafft, das alles in ihre Melodien zu packen. Das findest du ganz, ganz selten.“
Der Name KARAT steht nach wie vor für die seltene Symbiose aus mehrheitstauglichem Pop und emotionalen Tiefgang. Noch immer meidet die Band kreativen Stillstand. Längst wird zwischen den vielen Konzertterminen an neuen Songs gearbeitet, die im Jubiläumsjahr auf einem neuen Album erscheinen sollen.
Herausforderungen und Neuanfänge
Der tragische Krebstod von Herbert Dreilich, der viel mehr als nur der Sänger dieser Band war, sondern ihr Gesicht und ihre Seele verkörperte, schien im Jahr 2004 das Ende von KARAT zu markieren. Aber am Ende ermöglichte er der Band - mit seinem Sohn Claudius als neuem Frontmann - wie der berühmte Phönix aus der Asche zu steigen. Seit bald 20 Jahren steht der Sänger Claudius Dreilich am Frontmikro.
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An seiner Seite die Urgesteine Bernd Römer (Gitarre, seit 1976 dabei) und Martin Becker (Keyboards, seit 1992) sowie erst seit diesem Jahr der Bassist Daniel Bätge und der Schlagzeuger Heiko Jung. Beide sind in der Szene keine Unbekannten - schon Udo Lindenberg, Wolfgang Niedecken, Jan Josef Liefers und Clueso profitierten von ihrem musikalischen Können.
Bernd Römer (git), Michael Schwandt (dr), Christian Liebig (b), Martin Becker (keyb) und Claudius Dreilich (voc) haben nie aufgehört, kreativ zu sein. Es war nie ihr Ding, sich auf den erreichten Lorbeeren auszuruhen. Stets überzeugen sie live - rockig, sinfonisch, balladesk, in Kollaborationen mit Orchestern oder befreundeten Musikern sowie unplugged.
Dass KARAT nach wie vor ausverkaufte Tourneen spielen, hat auch und vor allem mit der Personalie des Frontmannes zu tun. Damit, dass Tragik und Triumph oft nicht nur eng beieinander liegen, sondern sich zum Teil auch regelrecht bedingen können.
Karat heute
Mit vielen Konzertterminen machen KARAT deutlich, dass mit ihnen weiterhin zu rechnen ist, dass sie sich nie als Altherrenriege verstanden, die sich auf den großen Erfolgen vergangener Zeiten ausruht. Fünf Dekaden, in denen KARAT zu einem veritablen Stück deutscher Rockkultur avancierten, den Lebenssoundtrack gleich mehrerer Generationen lieferten.
Trotzdem ist Steven Reinfeld froh, dass es KARAT überhaupt noch gibt. Als Frontmann Herbert Dreilich 2004 verstarb, hatte er die Band bereits am Ende gewähnt. Dreilichs Sohn Claudius hatte Reinfeld indes nicht auf dem Schirm. Der damalige Ikea-Manager übernahm bereits 2005 die Rolle als Nachfolger seines verstorbenen Vaters. Und als Steven Reinfeld ihn zum ersten Mal singen hörte, traute er seinen Ohren kaum. „Das war fast dasselbe. Da hatte ich Tränen in die Augen. Ich hab gesagt: Jetzt geht es weiter.“
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Und das tut es bis heute. In wenigen Tagen veröffentlicht KARAT ein neues Album und startet auf die Jubiläums-Tour „KARAT 50“. Sogar eine Kreuzfahrt zusammen mit Fans ist geplant. Ein Ende ist vorerst also nicht in Sicht. Doch wie soll es für KARAT weitergehen? „Einen vorderen Chartplatz könnte es schon mal wieder geben“, findet Steven Reinfeld. Udo Lindenberg habe das schließlich auch geschafft - einer Zusammenarbeit mit Apache 207 sei Dank. „Aber ich will denen ja nicht reinreden“, meint er. Nur eines weiß der Fan der ersten Stunde: „Ich bleibe KARAT treu.“
Die Kultband feierte 2025 ihr 50-jähriges Jubiläum - für KARAT kein Grund zur Verschnaufpause: Auch 2026 geben sie weiter Vollgas und gehen zur Freude ihrer Fans auf Tour - am 28.
Die Jubiläumstour 2025
Zum 50-jährigen Jubiläum gibt es eine umfangreiche Tournee mit 75 Konzerten, ein neues Album, eine TV-Doku und eine große Jubiläumskreuzfahrt mit der Aida-Diva nach Norwegen. KARAT lässt fünf Jahrzehnte Revue passieren und erinnert damit auch an die verstorbenen Musiker Herbert Dreilich, Thomas Kurzhals sowie Ed Swillms.
Die Musiker werden aber auch mit jedem Ton deutlich machen, dass mit ihnen nach wie vor zu rechnen ist und sie weiterhin nicht zur Oldiekapelle mutieren.
