Die israelische Kampfkunst Krav Maga („Nahkampf“) wird immer beliebter. Neben Sicherheitsdiensten, der Armee oder dem FBI beginnen auch immer mehr „Zivilisten“, die Technik zu erlernen, die Teile von Judo, Ringen, Jujitsu und Boxen vereint. In den vergangenen zwei Jahren ist das Interesse gegenüber Krav Maga vor allem in Nordeuropa und den USA erheblich angestiegen. Die Kampfkunst war in den USA bis vor einigen Jahren noch relativ unbekannt.
Ursprünge und Entwicklung
Krav Maga wurde vor 50 Jahren von dem jüdischen Athleten Imi Lichtenfeld entwickelt. Als Gewinner vieler Ringkampf- und Boxwettbewerbe wollte dieser eine Technik entwickeln, die vor allem zur Selbstverteidigung in besonders gefährlichen Situationen geeignet sei. Dies gelang ihm auch, indem er Teile einer Vielzahl von Kampfsportarten zusammenfügte. In den 1930er Jahren bildete er in Bratislava eine Art Schutztruppe, um jüdische Mitbürger gegen antisemitische Schläger zu schützen. Diese Erfahrungen ließ er später in Israel in die Weiterentwicklung des Selbstverteidigungssystems einfließen.
Was ist Krav Maga?
KRAV MAGA ist hebräisch und bedeutet „Kontaktkampf“. Um es gleich auf den Punkt zu bringen: KRAV MAGA ist Selbstverteidigung für den Ernstfall - für Situationen, in denen du dich oder andere verteidigen musst. Und darin liegt auch schon der wesentliche Unterschied zu Kampfkünsten und Kampfsportarten. KRAV MAGA folgt keinen traditionellen Bewegungsabläufen oder sportlichen Wettkampfregeln, sondern trainiert den reinen Selbstschutz. Das System ist auf die Verteidigung und den Ernstfall ausgerichtet und daher eine der besten Kampfsportarten zur Selbstverteidigung. Es integriert „Dirty Fight Techniken“, die in regulären Wettkämpfen verboten sind, wie Tritte zwischen die Beine oder gegen die Kniescheibe.
Laut Eyal Yanilov, dem Hauptausbilder der Internationalen Krav Maga Schul, ist Krav Maga aggressiver als Judo oder Karate. Der Schwerpunkt bestehe darin, in der Lage zu sein sich selbst von Gefahren zu befreien, indem man die Schwachstellen des Gegners, etwa mit Tritten in die Hüften oder ähnlichem, angreife. Im Gegensatz zu anderen Kampfkünsten sei es außerdem viel praktischer. Der Schüler lerne schon am ersten Trainingstag sich vor einem bewaffneten Angriff zu schützen.
„Das eigentliche Ziel ist es, sich selbst so schnell wie möglich zu befreien“, sagte Yanilov. Er war einer der besten Schüler Lichtenfelds. Yanilovs hat, nach eigenen Angaben, zusammen mit seinem Team schon Dutzende Gruppen weltweit trainiert. Sogar die schwedische Armee sowie Spezialleinheiten in Finnland, Polen und Australien befinden sich auf der Liste der von Yanilovs Team Ausgebildeten. Da jeder Trainer diese Technik allerdings durch eigene Erfahrungen ergänzt, gibt es viele verschiedene Unterabteilungen.
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Training und Techniken
Neben den oben genannten Dirty Fight Techniken macht zudem die eindrucksvolle Didaktik das System einzigartig. So wirst du im Training, natürlich immer unter Berücksichtigung des Sicherheitsaspekts, möglichst nah an reale Gewaltsituationen herangeführt. Du lernst beispielsweise einen Schlag abzuwehren, wenn du dem Angreifer direkt gegenüber stehst, du deine Hände schon zum Schutz oben hast und bereit für die Situation bist. Ebenso lernst du durch ausgefeilte Trainingsmethoden auch Angriffe abzuwehren, wenn diese völlig unvorbereitet kommen und deine Hände etwa unten sind. Auch völlig andere Settings werden trainiert, z.B. im Sitzen, im Liegen, im Dunkeln oder die Verteidigung gegen mehrere Angreifer. Ein guter KRAV MAGA Unterricht führt dich durch sogenannte Szenario-Drills an eine realitätsnahe Grenze, damit du in verschiedenen Konflikten möglichst gut bestehen kannst. Und der Aspekt Spaß kommt dabei auch nicht zu kurz.
All das verändert die mentale Haltung und wirkt sich auf viele Menschen sehr positiv aus. Frauen, Männer, Teenager und Kinder lernen, dass in ihnen mehr steckt, als sie erwarten würden. Das oben genannte Vorgehen macht das Training spannend, intensiv und abwechslungsreich. Zudem werden die Fitness und der Körper enorm trainiert. Am Ende einer Trainingsstunde stehen oft Abschlussdrills mit vielen Punches und Kicks im Vordergrund. Die gesamte Muskulatur ist im Einsatz. All das fördert intensiv deine Kondition und Leistungsfähigkeit.
Jeder Soldat und jede Soldatin lernt in der Armee die israelische Selbstverteidigung. Je nach ihrer Stellung in der IDF beherrschen sie unterschiedliche Niveaus und Techniken des Kampfsports. Krav Maga richtet sich an Polizisten, Soldaten, Personenschützer und Zivilisten. »Ein Soldat lernt natürlich andere Techniken als ein Zivilist«, sagt Nakash. »Auf der Straße geht es eher darum, einen Messerangriff oder eine Vergewaltigung abzuwenden. Dazu sollen die Leute in der Lage sein, Kämpfen aus dem Weg zu gehen oder ihre Angreifer schnell und effektiv zu verletzen.« Ziel der Verteidigung sei es, die gefährliche Situation so schnell wie möglich zu verlassen. »Am besten, man rennt einfach weg, nachdem man den Angreifer verletzt hat.« Anders verhält es sich bei Polizisten oder Soldaten, die sollten Angreifer überwältigen können. »Man kann ja nicht immer gleich schießen«, räumt er schmunzelnd ein. Daher sei es wichtig, auch Entwaffung und Ähnliches zu üben.
Kämpfen im Ring ist nicht das gleiche wie ein Überfall. Ziel ist dabei nicht, einen Kampf zu gewinnen, sondern bei einer Attacke zu überleben. Wer Krav Maga trainiert, lernt Gefahren früh zu erkennen, Konflikten auszuweichen und sich im Notfall zur Wehr zu setzen. Den Fans geht es also in der Regel nicht um Muskelspiele oder Polizei-Ersatz.
Straßenkämpfe mit Revolvern und Messern werden simuliert. Die Mitglieder in Melluls Gruppe simulieren gefährliche Situationen im Alltag. Sie spielen auch Straßenkämpfe durch und üben in einem Fitnessclub im Zentrum Tel Avivs mit Revolvern und Messern, allerdings mit Attrappen.
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Krav Maga weltweit
Heute üben Männer und Frauen weltweit die Abwehrtechniken: sowohl in Israel, wo politische Gewalt und Terror sehr präsent sind, als auch in Japan, das als eines der sichersten Länder gilt. Auch in Deutschland gibt es viele Fans. Was bewegt Menschen, Krav Maga zu lernen?
Einige Gründe für die wachsende Popularität:
- Effektive Selbstverteidigung: Krav Maga ist ein praxisorientiertes System, das auf realitätsnahe Bedrohungsszenarien ausgerichtet ist.
- Schnelle Lernkurve: „Man erwirbt schnell Fähigkeiten zur Selbstverteidigung, schon nach einer Unterrichtsstunde.“
- Mentale Stärkung: Das Training kann Angst verringern und das Selbstbewusstsein stärken.
Auch Stars wie Kristanna Loken („Terminator 3“), Cameron Diaz oder Angelina Jolie haben sich mit Krav Maga auf so manche Rollen vorbereitet.
Tel Aviv: Shana will gar nicht erst Opfer werden
Shana Cohen sagt, das Training stärke ihr Selbstbewusstsein: „Ich kann in Tel Aviv nachts durch die Straßen gehen und ich weiß, was ich tun muss, wenn mich jemand angreift.“
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Potsdam: Dominik verbindet Spaß und Ernst
Für den 18-Jährigen ist die Selbstverteidigungstechnik ein Weg, mit Gleichgesinnten Spaß zu haben - und selbstbewusst durchs Leben zu gehen.
Tokio: Die Kunst, den Kampf zu vermeiden
Krav Maga lehre, auch mit solcher Aggression umzugehen. Selbst nicht aggressiv zu sein, bedeute jedoch nicht, darauf zu warten, bis ein Angreifer zuschlägt.
Krav Maga als Sportart?
Krav Maga verorten die meisten Menschen beim israelischen Geheimdienst. Doch auch darüber hinaus verbreitet sich das Selbstverteidigungssystem als Sportart. Dabei ist es das streng genommen gar nicht. FITBOOK erklärt, was die Besonderheiten dieses „Kontaktkampfes“ wirklich sind. Krav Maga versteht sich als reine Selbstverteidigung. Trainiert wird nur für den Ernstfall, also wenn man schnell und effizient auf eine Gefahrensituation reagieren muss, und nicht für etwaige Wettkämpfe.
Beim Krav Maga werden Reflexe und instinktive Reaktionen auf Aggression geschärft, um möglichst schnell und unbeschadet aus Gefahrensituationen zu gelangen. Das kann von der verbalen Deeskalation über die Flucht bis hin zur körperlichen Auseinandersetzung reichen. Lässt sich ein Kampf nicht umgehen, dann befähigt Krav Maga zu einem großen Spektrum an Kampftechniken, außerdem zum Entwaffnen eines Gegners und zum Umgang mit einer Gruppe von Angreifern.
Krav-Maga-Kurse gibt es inzwischen in den meisten Städten. In großen Kampfsport-Studios, Volkshochschulen und Universitäten zählen sie zunehmend zum Standardkursangebot, zudem haben sich auf Krav Maga spezialisierte Kampfsportschulen etabliert. Welche Techniken unterrichtet werden, hängt vom jeweiligen Kurs ab. Das Kampfsystem basiert mehr auf Prinzipien als auf einer Sammlung bestimmter Techniken. Je nach Schwerpunktsetzung - etwa zur Konfliktvermeidung oder auf Selbstverteidigungstechniken speziell für Frauen - werden die passenden Mittel zum Zweck gelernt.
