Es gibt ein altes Sprichwort: Das Leben schreibt die besten Geschichten. Der Entertainer und Musiker Helge Schneider würde dem wohl ohne zu zögern beipflichten.
Die Anfänge und der Durchbruch
Schon früh hat er das Klavierspielen erlernt, mit fünf Jahren spielte er bereits Stücke von Beethoven. Später, als Jugendlicher, entdeckte er den Jazz für sich, der bis heute sein musikalisches Elixier darstellt. Als junger Erwachsener studierte er für zwei Semester Musik, doch brach dann ab. Der anarchische Freigeist Helge und die piefig-akademische Welt der frühen Siebziger, das passte nicht so recht zusammen.
Nachdem er über viele Jahre zu einem für den westdeutschen Underground durchaus prägenden, dem Mainstream aber weitgehend unbekannten Hybridkünstler wurde, folgte Anfang der Neunziger mit dem berühmten Hit »Katzeklo« aus dem Album »Es gibt Reis, Baby« eher unfreiwillig der kommerzielle Durchbruch. Doch Schneider misstraute dem Erfolg - während er Jazz spielen wollte, erwartete sein Publikum Klamauk. Zunehmend fühlte er sich eingeengt und zog sich schließlich für einige Jahre von der Bühne zurück. Öffentliche Erwartungshaltungen waren ihm stets ein Graus.
Doch ein Leben ohne Bühne schien Schneider zwar möglich, aber sinnlos. So kehrte er schon bald wieder ins Licht der Öffentlichkeit zurück. Und es scheint, dass er mit seinem mutmaßlich unvermeidlichen Erfolg mittlerweile seinen Frieden gefunden hat. Seine Konzerte sind regelmäßig ausverkauft, ein Jahr mit 100 Live-Terminen ist eher die Regel denn die Ausnahme. Ein Grund dafür ist seine offensichtliche Ruhelosigkeit.
"The Klimperclown": Eine autobiografische Filmdokumentation
Womöglich kam ihm daher auch das Angebot der ARD, anlässlich seines 70. Geburtstages eine autobiografische Filmdokumentation zu drehen, nicht ganz ungelegen. »The Klimperclown« heißt der Film, den er mit seinem langjährigen musikalischen Partner - dem Gitarristen Sandro Giampietro - gedreht hat und der seit Kurzem in der ARD-Mediathek sowie in ausgewählten Kinos läuft.
Lesen Sie auch: Mehr über Domenic Schneider erfahren
So vermischen sich im Film Realität und Fiktion, Sinn und Unsinn, Wahres und Falsches. Gerade diese unvermittelte, rasante Gegenüberstellung von Realität und Fiktion macht den Unterhaltungswert des Filmes aus. Eine Form der Sinnhaftigkeit stellt sich dabei natürlich nicht ein, aber das wäre auch eine geradezu irreführende Erwartungshaltung.
Ebenfalls zu sehen sind rare Livemitschnitte aus jener Zeit, in der Schneider als nahezu unbekannter, anarchischer Kleinkunstkünstler durch die Lande streifte. Andere Szenen zeigen ihn in privater Interaktion mit Freunden, etwa dem Schlagersänger Peter Kraus oder dem Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge.
Die Liebe zum Jazz
Schneider war schon immer ein mitreißender Performer, aber in den letzten Jahren hat er sich neu erfunden: Seit er mit einer kompletten Band auftritt, hat er selber wieder mehr Spaß am Musik machen und improvisiert jeden Abend ausführlich und auf höchstem Niveau auf Klavier, Trompete, Saxophon, Vibraphon, Gitarre und anderen Instrumenten. Dabei entsteht eine einzigartige Form von Unterhaltungsjazz, in der Parodie und Humor kein Widerspruch zu Seele und Tiefgang sind. Schneider gilt in der Öffentlichkeit aber weiterhin als Komiker, so dass dieser subtile Wandel seiner künstlerischen Ausrichtung vielen verborgen geblieben sein dürfte.
Die Musik steht wieder mehr im Vordergrund. Auch deshalb, weil ich jetzt gelegentlich mit meinem Gitarristen übe, was ich früher nie gemacht habe.
Anders als in den Neunzigern treten Sie seit einigen Jahren mit einer kompletten Band auf. Ja, damals gab es meist nur eine Minimalbesetzung mit Buddy Casino an der Farfisa-Orgel und Peter Thoms am Schlagzeug. Peter ist ein ganz toller Schlagzeuger, aber mit einer so kleinen Besetzung hat man naturgemäß nicht so viele Möglichkeiten. Dadurch wirkte es manchmal so, als könnten wir eigentlich gar nicht Musik machen - wie eine Farce.
Lesen Sie auch: Biographie der Judo-Kämpferin Hannah Schneider
Auf der aktuellen Tour, die seit Februar läuft, klingen wir sogar noch etwas ruppiger als auf der DVD, wahrscheinlich liegt es nur an einem anderen Schlagzeuger. Jeder neue Mann bringt einen ganz anderen Sound mit in die gesamte Kapelle.
Dessen Musik ist für mich einfach weltbewegend. Vor allem seine frühen Stücke aus den Zwanzigern. Kurz vor seinem Tod, Anfang der Siebziger, war er dann nochmal in Berlin beim Jazz-Festival. Da habe ich ihn im Fernsehen gesehen. Er war auch vom Typus sehr beeindruckend, wie er sich präsentiert hat, auf so eine mysteriöse Art, mit seinen öligen, nach hinten gekämmten Haaren. Eine tolle Figur. Er hat das Kunststück geschafft, sehr avancierte und zugleich sehr populäre Musik zu machen.
Louis Armstrong, immerhin der wichtigste Jazzmusiker aller Zeiten, hat höchst anspruchsvolle Musik mit viel Humor auf die Bühne gebracht. Da ist es doch verwunderlich, dass viele Leute immer noch einen Widerspruch zwischen Jazz und Unterhaltung sehen. Solche Widersprüche werden auch künstlich hergestellt, um irgendwas zu vernebeln. Oder um Geld zu verdienen.
Bei Lionel Hampton war das selbst im hohen Alter noch so. Auch Miles Davis hatte Humor. Selbst bei jemandem wie Alfred Brendel höre ich in der Musik ein humoristisches Element, ohne deshalb weniger ergriffen von seinem Mozart zu sein. Die Figur, die diesen Riesenflügel bedient - das ist schon ein Unikum. Sieht lustig aus, gerade auch durch diese gewollte Ernsthaftigkeit. Aber es ist ja ein Mensch der da sitzt. Oder Glenn Gould am Klavier. Irre komisch! Wie der Bach gespielt hat - völlig affenartig.
Auf der DVD fand ich die Passagen am eindrücklichsten, bei denen Sie lange Soli spielen und völlig in der Musik, im Klang aufzugehen scheinen. Ja, das sind für mich die schönsten Momente. Ich improvisiere dann irgendwohin. Aber ich achte darauf, dass es nicht zu lange dauert. Oder ich mache es so lange, bis es nervt.
Lesen Sie auch: Kung Fu und Krafttraining
Ist Jazz eine Lebenseinstellung? Ja, kann man so sagen. Für mich ist Jazz eine Lebensweise: improvisieren, aber auf ein Schema. Also kein Free Jazz. Ich finde es allerdings schwierig, so eine Lebenseinstellung mit Worten zu beschreiben. Dazu ist das Thema eigentlich zu komplex.
In meinen jahrzehntelangen Erfahrungen mit dem Saxophon habe ich herausgefunden: Der Ton kommt, wann er will. Er kommt von innen, aus dem Menschen heraus. Und nicht, weil du ein bestimmtes Mundstück bläst oder ein bestimmtes Blatt.
Der Sound, den ich am Klavier habe, ist ein Krüllschnitt aus Thelonius Monk, Earl Hines, Count Basie und Richard Claydermann. Leider. Thelonius Monk finde ich einfach unheimlich gut. Wenn mir mal was gelingt, was nach ihm klingt, freue ich mich unheimlich. Aber dann klingt es doch wieder schnell nach mir.
Ich bin inzwischen selbst einer der wenigen, der noch als unverwechselbare Figur durchgeht. Ein Außenseiter. Aber Außenseiter werden in unserer Gesellschaft immer unbeliebter. Die werden höchstens durch die Hintertür eingelassen.
Die Live-DVD "Komm hier haste ne Mark"
Helge Schneider, nach Jahrzehnten im Showgeschäft kommt nun Ihre erste Live-DVD Komm hier haste ne Mark heraus. Bedeutet das, dass Sie auf der Bühne gerade so gut sind wie noch nie? Nö. Ein bisschen habe ich mich breitschlagen lassen. Die Leute haben immer wieder nach so etwas gefragt.
Und Sie sagten irgendwann, also gut, dann bekommt ihr jetzt so ein Ding? Hinzu kam, dass ich eine DVD von Sammy Davis Jr. angesehen habe. Der ist schon lange tot, und ich habe gemerkt, dass es eigentlich doch ganz schön ist, der Nachwelt so ein Dokument zu hinterlassen.
