Miyagi Do Karate: Ursprünge und Entwicklung

Karate ist eine waffenlose Selbstverteidigungskunst, deren Ursprünge auf der Ryukyu Inselgruppe, insbesondere auf Okinawa, liegen. Diese Inseln befinden sich etwa zwischen Japan und China und waren somit ein strategisch wichtiger Punkt.

Die Entstehung auf Okinawa

Unter König Sho Hashi entstand 1420 ein vereintes und eigenständiges Königreich der Ryukyu Inseln, als Vereinigung dreier oftmals zerstrittener Königreiche. Um den Frieden zu erhalten, erliess der König ein Waffenverbot. Um sich gegen Piraten oder die Willkür der Machthaber verteidigen zu können, entwickelten die Inselbewohner waffenlose, sehr effektive Kampftechniken („Okinawa-Te“, Te = Hand). Die Ryukyu Inseln standen in regem kulturellen und wirtschaftlichen Austausch mit China.

Dadurch beeinflussten die chinesische Faustkampf-(Kempo) und Schwert-Techniken die Entwicklung des Okinawa-te wesentlich (oder Ryukyu Kempo die Urform des Karate). Eine wesentliche Rolle spielte Bubishi, ein lange geheim gehaltenes, äusserst umfassendes chinesisches Manual zu Kriegs- und Kampfkünsten. Es gelangte, gemäss verschiedener Theorien, auch zu den ersten Meistern des Karate nach Okinawa und dürfte ihnen als Basis für die Entwicklung ihrer Kampfkünste gedient haben.

Die Wirksamkeit dieser Verteidigungstechniken in Kämpfen auf Leben und Tod wurde von der Obrigkeit erkannt. In der Folge verbot sie zeitweise das Üben von Karatetechniken gänzlich. Es war nur noch möglich, in kleinen Gruppen im Geheimen zu trainieren.

Auf das Ende der Satsuma Dynastie im Jahr 1872 erfolgte der offizielle Anschluss der Ryukyu Inseln an Japan. Im Zuge der Liberalisierung der japanischen Gesellschaft durch die Meiji Regierung ab 1868 konnte das Karate auf Okinawa wieder praktiziert werden. Der Begriff Karate wurde in den Jahren 1911/1912 eingeführt. Das Okinawa Boxen bzw.

Lesen Sie auch: Wissenswertes über Goldkarat

Entwicklung verschiedener Stile

Bedingt durch Repressionen, die das Üben von Karate nur im Geheimen ermöglichte, entwickelten sich auf Okinawa eine ganze Reihe von verschiedenen Stilen. Diese wurden den besonderen lokalen Begebenheiten angepasst und optimiert. Die drei bedeutendsten waren das Shuri-Te, Naha-Te und Tomari-Te, benannt nach den Orten ihrer Entstehung.

  • Für das Shuri-Te ist der Kampf auf Distanz (gegen Schwertkämpfer) charakteristisch.
  • Die Naha-Te Techniken sind auf den Nahkampf in engen Verhältnissen ausgerichtet.

Bedeutende Meister und ihre Beiträge

Von Itosu wird berichtet, dass er jeden Tag mehrere hundert Mal gegen mit Stroh gepolsterte Holzpflöcke einschlug. Damit härtete er seine Fäuste ab. Ein dickes Bambusrohr konnte er ohne Mühe mit einer Hand zerquetschen. Itosu unterichtete an seiner Schule nur einen ausgewählten Kreis von Schülern. Daraus stammen einige der bekannten Karate-Meister, die zur Bildung des modernen Karate beigetragen haben.

Higaonna Kanryo hat bei Meister Aragaki Karate gelernt. Higaonna stammte aus einer Familie von Feuerholzhändlern. Er muss sich durch besonderes Talent zum Kämpfen ausgezeichnet haben. Dadurch durfte er trotz seiner einfachen Herkunft bei Meister Aragaki Kempo lernen. Er begab sich danach für 15 Jahre nach Fukien in China und studierte das dortige Kempo. Nach seiner Rückkehr nach Okinawa entwickelte er den Naha-Te Stil.

Funakoshi hat im Jugendalter beim Vater seines Schulfreundes, Azato Anko, mit dem Karatetraining begonnen. Azato Anko war einer der grössten Experten des frühen Karate. Er wusste über die verschiedenen Stile bestens Bescheid und war mit Itosu Anko befreundet. Funakoshi trainierte bei beiden Lehrern. Er begann, mit seinen Schülern und anderen Meistern (Mabuni Kenwa) durch öffentliche Vorführungen das Karate bekannt zu machen.

Das Erziehungsministerium und selbst der Kronprinz von Japan baten ihn und Mabuni Kenwa, auch auf den japanischen Hauptinseln Vorführungen zu geben. Später übersiedelte Funakoshi nach Tokyo, um das Karate weiter zu verbreiten und an Schulen und Hochschulen zu lehren.

Lesen Sie auch: Dein Weg im Taekwondo

Im Alter von 13 Jahren durfte Mabuni Kenwa in der Schule von Itosu das Shuri-Te lernen. Mit 19 Jahren erhielt er von Itosu Anko die Erlaubnis, auch bei Meister Higaonna Kanryo den Naha-Te Stil zu trainieren. Dabei wurde er von seinem Freund Miyagi Chojun, dem späteren Begründer des Goju Ryu Stils, eingeführt. Ausserdem studierte Mabuni Kenwa das Tomari-Te und weitere Techniken des alten Ryukyu Budo (Kampfkünste). Als Polizist traf er auf seinen Reisen immer wieder lokale Experten. Von ihnen lernte er Katas und Techniken.

Ab 1924 amtete Mabuni Kenwa ausschliesslich als Karate Lehrer an verschiedenen Schulen (Fischereischule von Okinawa, Lehrerseminar, Polizeischule). Er eröffnete ein Jahr später sein erstes Dojo. Im Jahre 1929 übersiedelte er auf die japanische Hauptinsel nach Osaka. Zu Ehren seiner zwei Lehrer Itosu und Higaonna verwendete Mabuni die Anfangszeichen ihrer Namen für die Benennung seines Shito-Ryu Stils.

Verbreitung in Japan und weltweit

Nachdem Meister Funakoshi Gichin nach Tokyo, und etwas später Meister Mabuni Kenwa nach Osaka übersiedelten, wurde Karate in ganz Japan verbreitet. Ihre Stile Shotokan und Shito-Ryu wurden durch ihre Söhne (u. a. Funaskoschi Yoshitaka, Mabuni Kenei) und Nachfolger weltweit verbreitet. Mabuni und Funakoshi unterrichteten an Schulen und Universitäten. Die Beziehungen untereinander waren respektvoll und durch den Austausch von Schülern befruchtend.

Normierungen und Gradierungen mittels Kyu-System (Gradierung der Schüler mit farbigen Gürteln) und Dan- System (schwarzer Gurt für alle Meistergradierungen) wurden im Karate erst in den dreissiger Jahren in Japan etabliert. Die entsprechenden Systeme im Judo waren Vorbild. Auf den japanischen Hauptinseln etablierten sich vier große Karatestile, die durch ihre Meister entwickelt und verbreitet wurden: das Shotokan Ryu Karate durch Funakoshi Gichin, das Goju Ryu Karate durch Miyagi Chojun, das Wado Ryu Karate durch Otsuka Hironori (u. a. Schüler von Funakoschi und Mabuni - er verband das Okinawa Karate mit Techniken des Ju-Jitsu) und das Shito Ryu Karate auf der Basis von Shuri-Te und Naha-Te Techniken durch Mabuni Kenwa.

Ausgehend von ihren Begründern wurden den verschiedenen Karate Stilen neben den reinen Kampftechniken mehr und mehr auch spirituelle, charakterfördernde und gesundheitliche Aspekte zugesprochen. Die vier Hauptstile wurden 1965 unter der Organisation FAUKO (Federation of All Japan Karate Do Organisations) organisiert, ohne ihre speziellen Charakteristika zu verlieren.

Lesen Sie auch: Gürtelsystem im Karate

Karate ist unterdessen weltweit verbreitet. Es hat neben seinen Traditionen auch zum „Sportkarate“ gefunden. Zum Beispiel versteht es der heutige Leiter des Shito Ryu Karate, Mabuni Kenyu (Enkel von Mabuni Kenwa), sowohl das traditionelle Karate zu studieren und zu vermitteln, als auch im Karatesport beratend tätig zu sein.

Funakoshi Gichin und Shotokan Karate-Do

Gichin Funakoshi kam 1922 nach Japan, um Karate vorzustellen. Dies gelang ihm mit grossem Erfolg. Seinem Beispiel folgten andere Karatemeister aus Okinawa. Obwohl es für Funakoshi nur ein Karate gab, war es unvermeidlich, dass die ihm nachfolgenden Karatemeister versuchten, „ihr“ Karate unter bestimmten Namen populär zu machen.

Gichin Funakoshi gilt als Begründer des Shotokan Karate-do Stils. Der aus Okinawa stammende Volksschullehrer fing an, das Karate zu lehren, als es in Japan noch verboten war, eine dieser Kampfkünste zu üben. In seiner Jugendzeit, die er als kränklich und schwächliches Kind erlebte, riet man ihm mit dem Studium des Karate zu beginnen, um diese Nachteile zu überwinden. Nach merklicher Besserung seiner Gesundheit erwachte in ihm das Interresse an Karate. Der Aufgabe es zu beherrschen, weihte er Körper und Geist, Herz und Seele. Durch seine unermüdlichen Bemühungen ist Karate-do ein international anerkannter Sport.

Vor rund 90 Jahren begann er mit dem ehrgeizigen Vorhaben, der japanischen Öffentlichkeit im Grossen, diese komplexe Kunst (oder Sport) Okinawas vorzustellen.Nach anfänglichen Schwierigkeiten ergab sich die Möglichkeit, eine Karate-Demonstration an einer Schule auf Okinawa zu geben. Durch dieses Auftreten in der Oeffentlichkeiterfolgte mit der Zustimmung des Kulturministeriums die Aufnahme des Karate in den Lehrplan der Mittelschule sowie in der allgemeinen Jugendschule Okinawas.

Mit dieser Massnahme konnte nun Gichin Funakoshi auf offizieller Basis Schüler aufnehmen und unterrichten.Diese vielseitige Kunst der Selbstverteidigung trat nun aus ihrer Abgeschiedenheit heraus und wurde auch von anderen Schulen und Universitäten in ihre Kursprogramme zur körperlichen Ertüchtigung aufgenommen. Als auch die kaiserliche Marine das Interresse an den Karateübungen zeigte, war der Weg für das Karate von Okinawa nach Tokyo offen.

Im Alter von zweiundfünfzig Jahren gab Gichin Funakoshi seinen Beruf als Schullehrer auf, gründete mit Hilfe von Freunden die Vereinigung Okinawas für den wahren Geist der Kampfkünste, um die Einigung des Karate Do zu fördern. Mit dieser sehr traditionell eingestellten Haltung, die bis heute im Shotokan-Stil erhalten ist, wurde er im Jahre 1922 nach Tokyo gerufen, um an eine Demonstration alter japanischer Kampfkünste teilzunehmen.

So nahm die Ausbreitung des Karate nun seinen Lauf und Gichin Funakoshi eröffnete in Tokyo ein Karate-Dojo (Halle) wo er ein breiteres Publikum erreichen konnte. Zahlreichen Schüler von ihm verdanken wir die Ausbreitung des Karate auf die ganze Welt.

Weitere bedeutende Stile

Kenwa Mabuni (1893 - 1957) lernte Karate von den Meistern Itosu und Higonama. Er „vermischte“ beide Karaterichtungen (Shorin-Ryu und Shorei-Ryu) und gab seiner Stilrichtung den Namen Shito-Ryu. Dieser Name ist aus den Initialen seiner beiden Meister abgeleitet. Mabuni unterrichtete dieses System auf Okinawa und bei seinen häufigen Besuchen auch in Japan.

Wörtlich übersetzt bedeutet Goju-Ryu „hart-weich“. Der Begründer dieser Stilrichtung ist Chojun Miyagi (1888 - 1953). Miyagi studierte zunächst chinesisches Boxen (Shao Lin Chuan und Pa Kua Chuan). Unterrichtet wurde er von Meister Higaonna. Aus dem Erlernten entwickelte er seine eigene Karatestilrichtung. Von den verschiedenen japanischen Karatestilrichtungen lässt das Goju-Ryu Karate den chinesischen Ursprung noch am deutlichsten erkennen.

Wado bedeutet „der Weg des Friedens“. Hironori Ohtsuka (1892 - 1982) begann mit dem Karatetraining erst 1922. Sein Meister war Gichin Funakoshi (Shotokan). Er lernte aber auch bei Kenwa Mabuni (Shito-Ryu). Vorher hatte Ohtsuka schon das Shindo Yoshinryu Jujutsu studiert. Er entwickelte seinen Karatestil, das Wado-Ryu, in dem er Funakoshis Shotokan vor allem mit Ausweichbewegungen des Jujutsu kombinierte. Außerdem entwickelte er Bewegungen, die „körperfreundlicher“ waren.

Der Gründer des Kyokushinkai, Masutatsu Oyama, wurde 1923 in der Nähe von Seoul (Süd-Korea) geboren. Mit neun Jahren begann er Judo zu erlernen. Im Alter von 12 Jahren kam er nach Japan, wo er die Universität besuchte. Nach dem Abschluss seines Judo-Studiums wurde er ein Karate-Schüler von Gichin Funakoshi. Er machte dabei solche Fortschritte, dass er im Alter von 17 Jahren 2. Dan, mit 24 Jahren bereits 4. Dan war.

Zusammenfassung

Die Geschichte des Karate ist eine faszinierende Reise von den waffenlosen Kampfkünsten Okinawas über die Einflüsse chinesischer Kampfkünste bis hin zur weltweiten Verbreitung als anerkannte Sportart und Kampfkunst. Durch die Bemühungen vieler Meister und die Entwicklung verschiedener Stile hat sich Karate zu dem entwickelt, was es heute ist.