Dirk Schäfer ist heute als Straßenmusiker bekannt. Er liebt Rock und Blues und spielt 50 Dylan-Songs. Der 56-Jährige hat seinen festen Platz vor einem Kaufhaus in der Schweriner Altstadt, wo ihn viele kennen.
Was jedoch viele nicht wissen: Schäfer war zweimal DDR-Meister im Bantamgewicht und gehörte zu den besten Boxern des Landes. Was kaum jemand ahnt: Die Staatssicherheit zerstörte seine vielversprechende Boxkarriere.
Eine Dokumentation des NDR (Sportclub Story, 23.45 Uhr) beleuchtet diese Hintergründe. Zu den Spitzeln gehörten vor allem Personen von Traktor Schwerin, Schäfers erfolgreichem Klub. In den 70er- und 80er-Jahren gewannen Boxer von Traktor 20 Medaillen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften.
Dirk Schäfer stand kurz davor, sich für die WM 1982 in München zu qualifizieren. Doch die Staatssicherheit hatte ein Problem mit ihm. Laut Stasi-Akten äußerte Schäfer: „In der DDR kann auch nicht jeder werden, was er gerne möchte.“ Sollte man jemanden in den WM-Kader berufen, der „provokatorisch und die gesellschaftliche Entwicklung in der DDR negierend“ auftrat? Der möglicherweise versuchte, im Westen zu bleiben?
Der Boxer wurde systematisch überwacht. Seine Pakete wurden geöffnet und seine Briefe gelesen. Mindestens fünf inoffizielle Mitarbeiter (IMs) und drei weitere Spitzel waren auf ihn angesetzt. Schäfer war damals gerade 20 Jahre alt.
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Die Staatssicherheit warf ihm vor, Kontakt zu Kirchenkreisen zu suchen und sich mit „negativen und asozialen Personen“ zu treffen. „Ich war jung und wollte was erleben“, sagt Schäfer heute. Im Jugendklub einer Kirche hätte er Schmalzstullen gegessen, Tischtennis gespielt und Lieder gesungen. „Das waren für mich einfach nur junge Leute.“
IM "Frank" berichtet über Schäfer
Über Schäfer berichtete der Inoffizielle Mitarbeiter Sicherheit (IMS) mit dem Decknamen „Frank“. Seine Registriernummer lautete II 278/70, dieselbe Nummer, die sich auch in der Klarnamenkartei befindet. Der Klarname lautet: Fritz Sdunek.
Der spätere Weltmeister-Macher und Coach der Klitschkos war früher Klubtrainer in Schwerin. „Die eigentliche IM-Akte zu ,Frank' existiert nicht mehr“, sagt Anne Drescher, die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Mecklenburg-Vorpommern. „Die Berichte aber lassen sich relativ eindeutig zuordnen. Wir können davon ausgehen, dass Fritz Sdunek als dieser IMS berichtet hat.“
IMS „Frank“ sagte über Dirk Schäfer, dass er mal ein ganz Großer werden könne. Er berichtete aber auch über Probleme in der Malerlehre und Konflikte mit dem Vater. Zudem habe Schäfer „sehr engen Kontakt“ zu einem Arzt aus Schwerin, der ebenfalls im Visier der Staatssicherheit stand. Bei Treffen der beiden wurde laut Stasi-Akten über Fragen der Freiheit und der Menschenrechte in der DDR diskutiert.
„Wir haben Tee getrunken und über den Sinn des Lebens gesprochen“, erinnert sich Dirk Schäfer. „Der Doktor sagte: ,Mensch werden, das ist der Sinn.’ Das war doch nichts Falsches.“
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IMS „Frank“ sagte, dass der junge Boxer „idiotisch und überspitzt denken“ würde. In den Stasi-Akten über Traktor Schwerin sind mindestens 15 Fälle zu finden, in denen IMS „Frank“ Informationen geliefert hat. Er wurde bewusst eingesetzt, auch um Privates zu erfahren. Er berichtete über Elternhäuser und Westkontakte.
Die Mutter eines Schülers würde als Friseurin angeblich Trinkgelder von „BRD-Personen“ erhalten, gab IMS „Frank“ zu Protokoll. „Dafür kauft sie dann Kosmetik im Intershop ein.“
Weitere Spitzel im Einsatz
Über Dirk Schäfer berichtete auch der IMS „Anton“. Laut Anne Drescher kann dieser anhand der vorhandenen IM-Akte eindeutig zugeordnet werden: Es ist Richard Nowakowski, zweimaliger Europameister, Silbermedaillengewinner bei Olympia 1976 in Montreal und Bronzemedaillengewinner bei Olympia 1980 in Moskau.
Im eigens erstellten Stasi-Maßnahmenplan gegen Schäfer taucht IMS „Anton“ dreimal auf: Unter Punkt 3, der Kontrolle des Freizeitbereichs, unter Punkt 5, der Kontrolle im Boxbereich, und unter Punkt 7, der Kontrolle bei Starts „im nichtsozialistischen Ausland“.
„Jeder IM im Fall Schäfer hat einzelne Mosaiksteinchen geliefert, aus denen die Staatssicherheit das Bild zusammensetzen konnte“, sagt Anne Drescher. Nowakowski selbst möchte sich zu seiner IM-Tätigkeit nicht äußern.
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Fritz Sdunek schrieb in seiner Autobiografie „Durchgeboxt“, dass er der Stasi über „Auffälligkeiten in Trainingslagern“ und bei Wettkämpfen berichtet habe. IMS „Frank“ erwähnte er nicht. Seine Taktik sei es gewesen, „mit vielen Worten nichts zu sagen und den von ihm überwachten Sportlern so wenig wie möglich zu schaden“.
Der Boxer wurde noch 1982 aus seinem Klub verbannt und „in Unehren“ ausdelegiert. Dirk Schäfer ist heute Straßenmusiker.
