«Sag mir, welche Musik du hörst, und ich sage dir, wer du bist.» Orientiert man sich an diesem abgewandelten Sprichwort, verrät die Musikauswahl, die Joachim Gauck zu seiner Verabschiedung am 17. März dieses Jahres im Park des Schlosses Bellevue in Berlin gewünscht hat, viel über den ehemaligen deutschen Bundespräsidenten.
Drei Lieder, dreimal Freiheit - beim Abschied wollte Gauck diesen Begriff, der sich wie ein roter Faden durch seine Amtszeit gezogen hatte, noch einmal nachdrücklich in Erinnerung rufen, gleichsam als sein politisches Testament.
Das Brücken-Lied war eine Ehrerbietung gegenüber der Freiheitsbewegung in der ehemaligen DDR, zu der Gauck auch einmal gehört hatte. Die von der DDR-Band «Karat» gesungene Version entwickelte sich zu einem echten Kult-Song.
Für Millionen von Menschen in der DDR drückten diese Zeilen Sehnsucht und Hoffnung auf Freiheit aus: «Über sieben Brücken musst du gehn, sieben dunkle Jahre überstehn, siebenmal wirst du Asche sein, aber einmal auch der helle Schein.»
Entstanden ist es Ende der 1970er Jahre als Titelmelodie zu einem Film, der die Liebesgeschichte zwischen einem Polen und einer Deutschen erzählte.
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Peter Maffay sang dies ab 1980 ebenfalls (mit Einwilligung der «Karat»), aber für die Menschen im Westen blieb es Schlager und Liebeslied, mehr nicht.
Die sieben Brücken von Königsberg
Ein aufmerksamer «pfarrblatt»-Leser hat mich auf etwas hingewiesen, das ich nirgends sonst gefunden habe: Die «sieben Brücken» des DDR-Lieds hätten ein konkretes Vorbild, nämlich die sieben Übergänge, die in der einst preussischen Stadt Königsberg (heute: Kaliningrad) über den Fluss namens Pregel führen.
Über diese Brücken sind alle Stadtteile miteinander verbunden. Die Einwohner sollen sich gefragt haben, ob es möglich sei, durch die Stadt zu spazieren und dabei alle Brücken genau einmal zu überqueren.
Das war das sogenannte «Königsberger Brückenproblem», an dem sich zahlreiche Zahlengenies die Zähne ausbissen, auch der 1707 in Basel geborene Mathematiker und Physiker Leonhard Euler. Es gebe keinen Weg, der diese Bedingung erfülle, kam er 1735 zum Schluss.
Entstehung und Hintergrund des Liedes
1977 drehte das DDR-Fernsehen einen Film nach einer Novelle des Leipziger Schriftstellers Helmut Richter mit dem Titel "Über sieben Brücken musst du gehn". Die Regie führte das Nachwuchstalent Hans Werner.
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Inhalt ist die tragische Liebesgeschichte zwischen einer Deutschen und einem Polen in einem DDR-Großbetrieb. Beim Dreh entstand die Idee zu einer passenden Filmmusik. Dafür holte der Regisseur den Musiker Ulrich "Ed" Swillms an Bord.
Der Keyboarder und Hauptkomponist der Band Karat sollte die Filmsongs schreiben, darunter auch das Titellied mit der Kernzeile "Über sieben Brücken musst du gehn". Helmut Richter schrieb den Text dazu.
14 Tage lang suchte Swillms nach der passenden Melodie zu den Liedzeilen, auf die er ständig starrte. Als Karat mit ihrem Leadsänger Herbert Dreilich gebeten wurde, den Song zu interpretieren, erbat sich das Quintett ein Honorar von 4000 Mark.
Das entsprach exakt ihrem aktuellen Schuldenstand, denn die Musiker hatten sich kurz davor neue Instrumente gekauft.
Am 30. April 1978 hatte der Film Premiere im DDR-Fernsehen, und direkt nach der Ausstrahlung riefen zahlreiche Zuschauer beim Sender an und wollten unbedingt den eingängigen Song kaufen.
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Es wurde ein großer Hit für die Band, die 1979 das Album "Über sieben Brücken musst du gehn" veröffentlichten. 1980 erbat sich Peter Maffay die Rechte für eine Coverversion, und landete damit auch in Westdeutschland einen großen Hit.
Die Bedeutung des Textes
In dem Song wird das lyrische Ich in einer motivationslosen und depressiven Phase im Leben beschrieben. Das lyrische Ich lebt unruhig, erschöpft, und ohne Ziel. Diese schlechte Phase voller Probleme scheinen überstanden zu sein, wenn man die sieben schwere Jahre hinter sich gelassen, und überwunden hat.
Rezeption und Kontroverse
Wenn man Peter Maffay dieser Tage in der Jury von «The Voice of Germany» oder auf der Bühne sieht - mit dieser immer noch lässigen Mähne, dem Leder-Outfit, den breiten Schultern, dem kantigen Gesicht -, kann man sich kaum vorstellen, dass er seine Karriere im Jahr 1970 tatsächlich mit einer waschechten Schlager-Ballade begann.
Aber «Du» zählt bis heute, neben seiner Interpretation des Karat-Klassikers «Über sieben Brücken musst du geh‘n», zu den erfolgreichsten Songs seiner Karriere.
Der Text des Liedes und die Idee, dass Maffay ihn singt, stammt von Michael Kunze. Der gelernte Jurist war Ende der 60er bereits ein umtriebiger Liedertexter und Schallplattenproduzent, der damals und später nicht nur mit Peter Maffay sondern auch mit Künstler:innen wie Nana Mouskouri, Udo Jürgens und Peter Alexander arbeitete.
Kunzes Ehefrau hatte einen Auftritt des jungen Maffays im Münchener Musikkeller «Song Parnass» gesehen, wo Maffay mit Margit Kraus als Duo auftrat. Sie war eine ehemalige Schulkameradin von Maffay, der zu der Zeit in München eine Lehre als Chemigraf absolvierte, aber bereits seit Jahren Musik machte.
Mit Kraus sang er Pop und Schlager, Mitter der 60er jedoch war Maffay schon Gitarrist der Beat Boys, später The Dukes, die vor allem Lieder von Bob Dylan, The Pretty Things, Small Faces, Herman’s Hermits, Cream, The Lovin’ Spoonful und The Kinks coverten.
Maffay sagte 1980 in einem Interview mit dem Magazin «Der Spiegel» über Kunze: «Der hat mich überzeugt, dass in dem Geschäft alles anders läuft. Ein langer Arbeitstag in München
Tatsächlich war die Entstehung des Songs im November 1969 ziemlich durchgetaktet und in erster Linie von Michael Kunze orchestriert. Als Maffay zu den Aufnahmen ins «Union Studio» in München kam, spielte sich dort schon ein kleines Orchester warm, während Kunze und Peter Orloff, der die Musik für «Du» geschrieben hatte, aus dem Regieraum Anweisungen gaben.
Maffay musste noch ganze 14 Stunden dem Orchester zuhören und -schauen, bevor er gegen Mitternacht seine Vocal Takes einsingen konnte - was weitere vier Stunden dauerten.
Wenn man die originale Version heute hört, merkt man ihm die späte Stunde allerdings so gar nicht an. Sein raues Timbre singt zu E-Gitarre, Drums und Bass die romantischen Zeilen: «In deinen Augen steht so vieles, was mir sagt / Du fühlst genauso wie ich / Du bist das Mädchen, das zu mir gehört / Ich lebe nur noch für dich.»
Im Refrain wirft sich dann das Orchester rein, während Maffay genüsslich schmachtet: «Du bist alles, was ich habe auf der. Nach mehreren Versuchen, sprach schliesslich Kunze selbst diesen Teil - der bis heute eher, nun ja, cringe wirkt.
Als um vier Uhr nachts endlich alles im Kasten war, fuhr der Schlagerkomponist Georg Buschor, der während der gesamten Aufnahmen anwesend war, Maffay in seinem Auto mit in die Stadt und setzte ihn dort in der Lothstrasse ab, wo das Studentenwohnheim der Hochschule für angewandte Wissenschaften München lag, wo Maffay untergekommen war.
«Du» erschien am 15. Januar via Telefunken, als Doppelsingle mit dem Lied «Jeder Junge braucht ein Mädchen». Aufgrund der Länge von gut fünf Minuten wurde der Song zunächst eher selten gespielt, bis Maffay im März 1970 bei der «Hitparade» im ZDF auftreten konnte - was seine Karriere vollends in Fahrt brachte und «Du» zum grössten deutschsprachigen Hit im Jahr 1970 machte.
In einem Interview mit dem Berliner Tagesspiegel zu seinem 70. Geburtstag im Jahr 2019 sagte Peter Maffay: «1970 war das entscheidende Jahr. Michael Kunze hatte mir einen Plattenvertrag besorgt, wir nahmen ‚Du‘ auf. Und dann ging es los.
Über die Konsequenzen des Daseins als Schlagersänger habe ich natürlich damals nicht nachgedacht. Es war ein grosses Abenteuer. In München hausten wir zu viert in einer Bruchbude, ich hatte in der Lehre 125 Mark monatlich. Und plötzlich fahre ich mit einem alten VW-Käfer, den ich mir gekauft hatte, mit meiner Gitarre, zwei Playbacks und meinem Schlafsack durch Deutschland und fange an zu tingeln.
Und verdiene am Abend, was ich bis dahin im Monat hatte. So fuhr ich von einer Disko zur nächsten, klopfte an der Tür und sagte: Hallo, ich bin Peter Maffay und soll heute hier spielen - na, dann komm mal rein. So lief das damals. Am nächsten Morgen war ich wieder auf der Autobahn. So lernte ich Land und Leute kennen.»
Heute kennen Land und Leute Peter Maffay - was für die Schweiz, Deutschland und Österreich ebenso gilt. Als Juror der erfolgreichen Casting-Show «The Voice Of Germany» ist er präsenter denn je, sein neues Tabaluga-Album «Die Welt ist schön» erscheint bald und seine gerade laufende Arena- und Stadien-Tournee führt ihn in dieser Woche auch nach Zürich.
Chartplatzierungen von Peter Maffay in der Schweizer Hitparade
| Titel | Eintritt | Peak | Wochen |
|---|---|---|---|
| Du | 09.06.1970 | 2 | 12 |
| So bist du | 08.07.1979 | 3 | 17 |
Alben von Peter Maffay in der Schweizer Hitparade
| Titel | Eintritt | Peak | Wochen |
|---|---|---|---|
| Stationen | 30.03.1986 | 6 | 6 |
| 8317 | 06.10.1991 | 31 | 4 |
| 96 Live | 09.02.1997 | 41 | 4 |
| XE | 09.04.2000 | 17 | 9 |
| Ewig | 14.09.2008 | 10 | 8 |
| Tattoos | 14.02.2010 | 8 | 15 |
| Plugged | 05.08.2018 | 40 | 2 |
| Jetzt! | 08.09.2019 | 6 | 7 |
| So weit | 26.09.2021 | 5 | 8 |
