Schwingen: Der Schweizer Nationalsport im Fokus

Das Schwingen, gelegentlich auch als «Hoselupf» bezeichnet, ist eine traditionelle Form des Gürtelringens in der heutigen Schweiz. Es gilt als Schweizer Nationalsport und somit als Teil der Schweizer Nationalidentität, und ist in den letzten Jahrzehnten als solcher salonfähig geworden.

Geschichte und Ursprung

Die genauen historischen Wurzeln des Schwingens liegen im Dunklen der mittelalterlichen Geschichte, auch wenn häufig darauf verwiesen wird, dass bereits auf diversen Darstellungen aus dem 13. Jh. Gürtelringer-Darstellungen mit im Schwingen möglichen Griffkonstellationen auftreten.

  • Chorgestühl der Kathedrale in Lausanne
  • Skizzenbuch des Villard de Honecourt (ca. 1235)

Mehrere historische Quellen in der internationalen Ringbuchliteratur legen ähnliche, mehr oder weniger «bäuerliche» Ringtraditionen nahe. In jedem Fall scheint das Schwingen eng mit den Hirten und Sennen verbunden zu sein, die es zur Unterhaltung auf der Alp, möglicherweise auch zur Vergabe der Weidegründe nutzten.

Früher oder später - ob schon im 13. Jahrhundert, wie von einigen Autoren postuliert, klar urkundlich fassbar erstmals 1592 - wurde das Schwingen auch Teil der Festkultur. Da solche Schwingfeste häufig auf Sonn- und Feiertage fielen, wurden sie von der Obrigkeit nicht selten bei Strafe verboten, im reformierten Bern ebenso wie im mehrheitlich katholischen Nidwalden.

Von diesem Nischendasein befreit wurde das Schwingen ab dem 19. Jahrhundert, als das Schwingen 1805 als offizieller Bewerb im ersten Unspunnenfest aufgenommen wurde.

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Die Schwinghose und die Technik

Charakteristisch und essenziell ist im Schwingen das «Sportgerät» - die Schwing(er)hose, eine aus festem Zwilch-Stoff genähte kurze, vorne und hinten im Schritt offene «Überhose» mit einem eingeschobenen festen Ledergürtel. Jeder «Gang», d.h. jedes Match beginnt damit, dass die beiden Schwinger «zusammenfassen», also idente Griffe einnehmen.

Ziel ist es, den Gegner auf den Rücken zu werfen oder zu rollen, wobei die Mitte beider Schulterblätter zusammen mit dem oberen oder unteren Rücken, oder einer Rückenseite gleichzeitig den Boden berühren muss. Auch das Festhalten des Gegners in der Ringerbrücke für mehr als drei Sekunden führt zum Resultat. Es gibt jedoch nicht selten auch unentschiedene («gestellte») Gänge.

Am Ende des Ganges werden die beiden Schwinger nach einem dem Nationalturnen entlehnten System «benotet», die Skala reicht von 8.50 für eine chancenlose Niederlage bis hin zu 10.00 für einen «Plattwurf» (= Schwung aus dem Stand, der den Gegner direkt in die Rückenlage bringt). Zusätzliche Notenabzüge sind möglich.

Geschwungen wird heute in einem sieben bis vierzehn Meter durchmessenden Kreis aus gestampftem und befeuchtetem Sägemehl, während Schwingfeste früher «auf der Alp» häufig auf Gras durchgeführt wurden. Um Verletzungen der Knöchel vorzubeugen, werden hohe Schuhe getragen, die häufig auch Versteifungen besitzen.

Da es im Schwingen keine Gewichtsklassen gibt, haben grössere und schwerere Schwinger gewisse Vorteile. Zwar ist es möglich, durch Taktik, Technik und Schnelligkeit gewisse Nachteile in Kraft und Masse wettzumachen, in der Praxis bringen die Top-Schwinger in der Regel mindestens 100-110 austrainierte Kilos auf die Waage, nicht selten auch deutlich mehr.

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Die Techniken im Schwingen haben traditionelle, im Laufe der Zeit gewachsene Namen, etwa «Kurz», «Stich», «Schlungg», «Tätsch», «Gammen», «Päckli», «Brienzer», «Lätz», «Wyberhacken» oder «Äusserer Haken». Einige dieser Techniknamen, ebenso wie die damit bezeichneten Techniken zeigen starke Parallelen mit Ringbüchern aus dem frühen 16. Jahrhundert.

Die Popularität des Schwingens

Die Schwingfeste ziehen tausende, sogar hunderttausende Zuschauer an. Das alle vier Jahre stattfindende Eidgenössische Schwingfest, bei dem der «König» gekrönt wird, hatte bei der Austragung in Zug 2019 etwa 420.000 Zuschauer an drei Tagen.

Die Spitzenschwinger sind landesweit bekannt, verdienen zum Teil Summen, die ansonsten nur Fussballer oder Skifahrer einstreichen, und sind als Identifikationsfiguren in Tageszeitungen und auf Werbetafeln im Schweizer Stadtbild präsent. Schwingerinnen erreichen gelegentlich einen ähnlichen Bekanntheitsgrad, auch wenn das Frauenschwingen im Allgemeinen bei weitem nicht an den Stellenwert des Männerschwingens herankommt und häufig in getrennten Veranstaltungen stattfindet.

Sogar eigene Publikationsorgane widmen sich dem Schwingen, etwa die im Kiosk erhältliche Zeitschrift «Schlussgang» (der Schlussgang ist die letzte Kampfpaarung eines Schwingfests, somit das Finale).

Die Entwicklung der Schwinger-Lehrbücher

Den Anfang bildet die «Anleitung zum Schwingen und Ringen» von Prof. Dr. med. Rudolf Schärer (Bern 1864, dem Autor vorliegend in der 3. Auflage von 1893). Es handelt sich dabei um das erste und älteste Schwinger-Lehrbuch, auf dessen diesbezüglichen Verdienst in den Folgewerken wiederholt verwiesen wird. Nicht zuletzt auf Schärer dürfte auch die bereits angesprochene Verbindung von Schwingen und Ringen im Schweizer Raum zurückgehen.

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Das zweitälteste dem Autor vorliegende Handbuch ist das vom Eidgenössischen Schwingerverband herausgegebene Werk «Schwingen. Lehrbuch» (Bern 1912). Dieses Werk versucht, das Schwingen etwas breiter zu kontextualisieren, so findet sich im ersten Kapitel der Versuch eines Überblicks über bekannte Ringtraditionen weltweit.

Ebenfalls vom Eidgenössischen Schwingerverband herausgegeben wurde das Folgewerk «Das Schwingen» im Jahr 1930 (dem Autor liegt die 3.