Schwingen, eine Variante des Ringens, ist Schweizer Nationalsport. Was wie menschlicher Bullenkampf wirkt, ist präzise Technik. Wer damit erfolgreich ist, ist in der Schweiz so bekannt wie in Deutschland ein Fußballnationalspieler.
Zwei muskulöse Kerle liegen sich in den Armen. Sie atmen tief durch, halten inne und schließen die Augen. Versunken in ihrem Tun geben sie sich ganz dem Augenblick hin. Mit romantischer Zweisamkeit hat das wenig zu tun. Sie sind Kontrahenten auf einem Schwingfest in Sörenberg in der Zentralschweiz. Die beiden stehen sich in der Grundstellung gegenüber. Sobald es losgeht, ist es vorbei mit der Harmonie.
Das Duell wirkt wie ein menschlicher Bullenkampf. Die Schwinger stemmen sich gegeneinander, vergraben ihre Hände am Hosenboden des Gegners. Urlaute wie "Pfüüüt!" und "Huaaa!" brechen aus den Aktiven heraus. Die Aktiven leisten Schwerstarbeit. Was wie ein roher Kraftakt aussieht, ist in Wahrheit feine Technik, über Jahre trainiert.
Die Glocken vom nahen Kirchturm läuten. Währenddessen treten über hundert Schwinger beim sogenannten Bergschwinget in Sörenberg gegeneinander an. Hunderte Zuschauer harren an diesem Nachmittag in der prallen Sonne aus. Auch ein paar Touristen, die hier Schweiz pur erleben. Im Hintergrund blitzen die Berggipfel.
Einer der Kämpfer ist Torsten Betschart, 1,81 Meter groß, 137 Kilo schwer. "Kraft allein genügt nicht", sagt er, "die Technik entscheidet." Er selbst ist ein Typ Marke "Wo steht das Klavier?" Nicht nur, weil er es womöglich allein stemmen könnte. Auch, weil er tatsächlich darauf spielen kann. So artenreich wie seine Schwünge sind seine musikalischen Vorlieben: Klassik und Heavy Metal. In einem Volksmusiktrio haut er außerdem in die Tasten. Trägt in der Freizeit T-Shirts mit Totenkopfmotiven und beim Schwingen ein besticktes Sennerhemd.
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"Muskulös wird gerne mit grob gleichgesetzt", sagt Betschart, "das ist falsch." Schwinger seien sehr friedlich und fair, manche auch sensibel. Betschart ist zudem noch belesen. In seinem Buchregal stehen Kafka, Nietzsche und Thomas Mann. Neben dicken Fachwälzern. Im Hauptberuf ist Betschart Ingenieur, schreibt momentan an seiner Doktorarbeit. Jedes Jahr im Sommer fährt er von einem Wettkampf zum nächsten. Unzählige Turniere zwischen Aarau und Zermatt sind im Angebot. Auch kleinere Wettkämpfe gleichen Volksfesten mit Bierzelt und Bratwurst. Schwinget heißen im Schweizerdeutsch die Schwingerpartys.
In der Regel geht es im Publikum völlig artig zu. Spontanes Beklatschen eines gelungenen Schlungg-Schwungs oder eines Bärendrucks sind die emotionalsten Gefühlsausbrüche. Gewinnern wird ein wohltemperiertes "tipptopp!" zugeraunt. Pfeifen und Johlen sind absolut tabu.
Brauchtum und Eigenarten des Schwingens
Bei den Schwingfesten dominiert Schweizer Folklore. Über mehrere Stunden wird der Platz pausenlos mit Jodlern beschallt. Der Ansager scheint sich bereits in Tiefenentspannung zu befinden. Mit der Aufgeregtheit eines Edelweiß moderiert er die Paarungen: "Auf Platz zwei ein Spitzenkampf zwischen Betschart Torsten und Imboden Roger".
Zu den erstaunlichen Eigenarten des Sports gehört der Zwilch, eine Art Schlüpfer zum Darübertragen, hergestellt aus derbem Leinen oder Baumwolle. Er muss einiges aushalten, wenn die Schwinger daran zerren und knautschen, rupfen und reißen. "Fühlt sich an wie ein Kartoffelsack", sagt Betschart. Und er sieht auch so aus, wenn er den Muskelprotzen um die stämmigen Hüften hängt.
Während Betschart und Imboden schwingen und schwitzen, wird ununterbrochen gejodelt und der Hauptgewinn über den Platz geführt: Er steht auf vier Haxen und trägt eine Glocke um den Hals. Certina heißt das Rind. Die sonstigen Prämien bestehen aus Sachwerten: Barbecuegrills, Kühlschränke, Rasenmäher und Kuhglocken, gestiftet von Privatpersonen und Unternehmen.
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Ansonsten ist innerhalb des Wettkampfplatzes jegliche Werbung verboten. Aus Tradition. Schwingen ist reiner Amateursport. Und der Gewinner der Böse. So werden Wettkampfsieger und Spitzenschwinger genannt. Wer nicht gewinnt, fällt weich. Denn der Ring besteht aus einem Bett aus Sägemehl. Wie vor Jahrhunderten. Nach ihren Kämpfen sind Schwinger oftmals von oben bis unten paniert.
"Das Schwingen erhält unsere Bräuche", sagt Betschart. Der Geruch des Sägemehls habe auf Schwinger dieselbe Wirkung wie Benzinwolken auf Formel-Eins-Piloten: "Das packt mich schon", sagt Betschart. Und schon packt er den Zwilch des nächsten Gegners.
Schwingen im Kanton Luzern
"Schwingen hat die richtige Swissness", philosophiert Othmar Hodel, sportlicher Leiter beim Luzerner Kantonal-Schwingerverband, "der Mix aus Brauchtum und Modernität stimmt." Auch er hebt die Friedfertigkeit der Veranstaltungen hervor - entgegen aller Muskelprotz-Klischees. "2004, beim Eidgenössischen Schwingfest in Luzern, hatten wir gerade einmal sechs Sicherheitskräfte", sagt Hodel. Damals kamen mehr als hunderttausend Besucher, alle seien per du.
Beim Eidgenössischem Schwing- und Älplerfest vom 30. August bis 1. September in Burgdorf im Emmental, werden bis zu 250.000 Besucher erwartet. Mehr als je zuvor bei einem Schwingfest. Kurzentschlossene Besucher ohne Ticket können außerhalb des Wettkampfplatzes beim Public Viewing zuschauen. Oder Alphornbläsern und Jodlern lauschen. Die Tickets für die rund 50.000 Besucher fassende Arena sind seit Monaten vergriffen.
Ich war beim ersten Eidgenössischen Schwingfest in Aarau 2007, als Fotograf. Unvergleichliche Ambiance, mit meinem Souplesse Foto. Abderhalden Jörg gewann das Fest, verdient.
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Einige Kämpfe aus Aarau 2007:
- Lauper Hansruedi - Abderhalden Joerg
- Schenkel Adrian - Buesser Andy
- Oester Thomas - Rettich Toni
- Odermatt Ruedi - Oester Thomas
- Odermatt Ruedi - Graber Willy
- Odermatt Daniel - Sempach Matthias
- Mueller Alain - Siegenthaler Matthias
- Linggi Bruno - Buergi Thomas
- Lauper Hansruedi - Vonlaufen Alexander
- Holdener Remo - Oesch Christian
