Schwingen: Mehr als nur ein Sport – Ein Schweizer Nationalsport

Die Schweiz ist bekannt für ihre präzisen Uhren, beeindruckenden Berge und leckere Schokolade. Doch abseits dieser Klischees gibt es eine Vielzahl von Bräuchen und Traditionen, die das kulturelle Leben in der Schweiz prägen. Ein Highlight des Schweizer Herbstes ist der Alpabzug oder Alpabfahrt. In vielen Bergregionen gehört das Glockengeläut zum Alltag.

Schwingen ist die traditionelle Schweizer Variante des Ringens. In einem Sägemehlring messen sich die Schwinger in kräftigen Duellen. Ausgerechnet die Schweiz, die nie eine Monarchie war, vergibt alle drei Jahre eine Krone: an den König der Schwinger. Nun sucht die Schweiz wieder einen König. Am Freitag hat das alle drei Jahre stattfindende Eidgenössische Schwing- und Älplerfest begonnen, diesmal in Zug.

56 500 Zuschauer in der Arena, insgesamt mehr als 350 000 erwartete Gäste, rund 18 Stunden Liveübertragung im Fernsehen: Kein anderes Sportereignis der Schweiz zieht so viel Aufmerksamkeit auf sich. Und die Beliebtheit wächst. Die temporäre Arena in Zug fasst so viele Zuschauer wie noch nie und ist restlos ausverkauft. Die Tickets, die in den freien Verkauf kamen, hätten die Organisatoren vier Mal verkaufen können, so groß war der Ansturm.

Die Faszination des Schwingens

Woher stammt diese Faszination? Schwingen, eine Variante des Ringsports, ist an sich nicht besonders spektakulär. Zwei Männer fassen sich da an ihren kurzen, reißfesten Überhosen und versuchen, den anderen mit einem bestimmen Schwung - es gibt laut Eidgenössischem Schwingerverband etwa 100 dieser Würfe und Griffe - auf den Boden zu werfen. Wer gewinnt, hilft dem Verlierer wieder auf die Beine und klopft ihm das Sägemehl vom Rücken. Sowohl der Gewinner als auch der Verlierer erhalten nach dem Kampf Punkte, die Skala reicht von 8,25 bis maximal 10. Der Schwinger mit der höchsten Punktzahl gewinnt das Fest.

Wer den Gegner mit einem bestimmten Schwung, also einer Wurf- oder Grifftechnik, auf den Rücken legt, hat gewonnen. Am Ende erhalten die Schwinger Wertungen von 8,25 bis maximal 10,00 Punkten; neben Sieg, Unentschieden oder Niederlage fließt auch mit ein, ob sie offensiv oder technisch versiert gekämpft haben.

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Beim Schwingen geht es eben nicht allein um den sportlichen Wettkampf. Ob es die Schwinger in ihren Edelweißhemden sind, die Siegerkränze aus Eichenlaub oder die "Lebendpreise", also die Stiere, Rinder und Pferde, die die Gewinner mit nach Hause nehmen dürfen: Auf den Schwingfesten wimmelt es von Verweisen auf Schweizer Bräuche, Bauerntum und Bergleben. Als "uraltes Hirtenspiel", dessen Wurzeln bis ins 13. Jahrhundert zurückreichten, bezeichnet der Verband das Schwingen, als ideale Verbindung aus "Tradition und Sport". Die Schweiz, in ihrer Mehrheit immer noch vergleichsweise konservativ, versichert sich auf den Schwingfesten also gewissermaßen ihrer selbst.

Traditionelle Regeln und Werte

Hinzu kommen ein paar Regeln, die zum traditionellen Image beitragen: Werbung ist innerhalb der Arena und auf der Kampfkleidung der Schwinger verboten, weshalb die Bilder von den Wettkämpfen bis heute etwas Ursprüngliches haben. Und Schwingen, so wollen es die Verbände, soll weiter Amateursport sein. Obwohl "die Bösen", wie die besten Schwinger des Landes genannt werden, locker vom Sponsoring leben könnten, gehen sie zumindest für wenige Tage pro Woche einer normalen Arbeit nach.

Während verwandte Sportarten in den meisten Ländern eher ein Nischendasein fristen, haben die Schweizer Schwinger eher das Problem, ihre wachsende Beliebtheit in Einklang mit dem viel zitierten traditionellen Kern zu bringen. Dabei verläuft die Geschichte des Schwingens nicht so linear, wie es die Traditionalisten des Sports gern hätten.

"Das Schwingen hat sich mehrmals neu erfunden", sagt Linus Schöpfer, Schweizer Journalist und Autor, der gerade das Buch "Schwere Kerle rollen besser" über die Geschichte des Schwingens veröffentlicht hat. Er räumt darin mit einigen Mythen auf, den "uralten" Wurzeln zum Beispiel. Das Ur-Schwingfest, auf welches das heutige Schwingen zurückgeht, habe erst 1805 stattgefunden, sagt Schöpfer. "Der Eidgenössische Schwingerverband wurde sogar erst 1895 gegründet - es gibt Schweizer Fußballklubs, die älter sind."

In seinem Buch zeichnet Schöpfer nach, wie die Schwinger seither versuchen, eine Balance zwischen Sport, Geld, Politik und Tradition zu finden. "Seit Anfang des 19. Jahrhunderts gab es Versuche der politischen Vereinnahmung", sagt er, "am erfolgreichsten von den Konservativen." Auch das umstrittene Thema Geld ist Schöpfer zufolge nichts Neues. Schwinger, die ihr Können zu Geld machen wollten, habe es immer gegeben: den Bündner Johannes Lemm zum Beispiel, der als "Swiss Hercules" Erfolge in den USA feierte. Oder Ruedi Hunsperger, der in den 1970er Jahren so hemmungslos Werbung machte, dass ihn der Schwingerverband schließlich sperren ließ. Heute hat sich das strikte Verbot gelockert - eine nicht unerhebliche Neuerung im vermeintlich uralten Schwingen.

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Schwingen als TV-Sport

Und nun, etwa seit der Jahrtausendwende, der Boom. Was ist passiert? Gibt es einen Zusammenhang mit dem parallel erfolgten Aufstieg der Rechtskonservativen in der Schweizer Politik, wie viele meinen? Oder gehört das Schwingfieber zu den Begleiterscheinungen der Globalisierung, die in vielen Ländern neue Sehnsucht nach Tradition und Wurzeln ausgelöst hat? Der Autor Schöpfer hält eine andere Erklärung für plausibler: die Neuerfindung des Schwingens als TV-Sport.

In den Neunzigerjahren gab es die ersten Live-Übertragungen, und als das Schweizer Fernsehen merkte, welche Quoten Schwingfeste erzielten, etablierte sich das Fernsehschwingen immer mehr. "Es funktioniert einfach auf den Bildschirmen", sagt Schöpfer. Die Schwingvereine verzeichnen trotz wachsender Beliebtheit nicht mehr Nachwuchs - für Schöpfer ist das ein weiterer Beleg seiner These.

Wenn am Sonntag um 16.45 Uhr in Zug der Schlussgang des diesjährigen Eidgenössischen Schwingfests beginnt, werden also nicht nur die knapp 57 000 Arena-Besucher den Atem anhalten, sondern auch Millionen von Schweizern an den Fernsehbildschirmen.

Das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest

Wenn in der Schweiz von "den Bösen" die Rede ist, sind damit nicht etwa deutsche Zuzügler gemeint. Nein, dann geht es ums Schwingen, eine der beliebtesten Schweizer Sportarten. An diesem Wochenende messen sich die Bösen, also die besten Schwinger des Landes, am alle drei Jahre stattfindenden Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest und küren am Ende einen König. "Maa gäge Maa", Mann gegen Mann, heißt die offizielle Hymne zum Fest, und nichts anderes ist Schwingen: eine Variante des Ringens, bei der sich die Gegner umschlingen und an ihren kurzen Überhosen fassen.

Die Sieger der großen Wettkämpfe erhalten in der Regel "Lebendpreise", also Stiere, Kälber oder Pferde. Pratteln im Kanton Basel-Land, Ende August 2022. Zwei Monate lang wurde hier eine gigantische Zeltstadt auf einem Acker errichtet. Drei Tage lang Menschen in Trachten und Schweizerfahnen wohin man auch blickt. Eine Festwiese mit Bühne, bespielt von Jodlerclubs und Schwyzerörgeliorchester, Schlager- und Popstars. Vorausgesetzt, sie sind Schweizer und singen Schweizer Mundart.

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Etwa 750 Meter Hauptverkehrsstraße wurden gesperrt, um hier Imbissbuden und Marktstände aufzustellen. „Schwiizer Chuchi“, „Swiss Chalet“ und „Cordon Bleu“ stechen sofort hervor. Bei einem zünftigen Schweizer Volksfest müssen Klassiker, wie Raclette, Cervelas und Älplermagronen grundsätzlich verfügbar sein. Doch während man hin und her überlegt, um sich für eins davon entscheiden zu können, schweift der Blick über die anderen Buden davon: Bratwurst, Schüblig mit Senf, Knobi-Brot, Nackensteaks mit Hörnlinudeln, Hörnli mit gehacktem, Hörnli mit Käsefondue im Fladenbrot, Pizza, Pasta, Burger, Pommes, halbes Güggeli (Hähnchen), Crèpes, Softeis, Steinpilzrisotto mit Tomaten und Rucola, indische Speisen, japanische, chinesische… Hilfe! Die Magenüberdehnung ist wohl unvermeidbar. Aber vielleicht hilft anschließend ja ein „Kafi Lutz“. Der darf nämlich auch niemals fehlen.

Inmitten des Festgeländes thront das größte mobile Stadion der Welt. Sechs überdachte Tribünen bieten Platz für 50.900 Zuschauer. Das sind drei mal so viele, wie Pratteln Einwohner hat. Doch nur 4500 Tickets sind im freien Verkauf für 115 bis 265 Franken erhältlich. Die übrigen Plätze werden an Sponsoren und Vereine verteilt. In das Stadion zu kommen, ist aber nicht zwingend nötig. Auf dem Festgelände sind Großleinwände verteilt, auf denen man live das Geschehen auf den 14.000 Quadratmetern Rasenfläche in der Arena verfolgen kann.

Die Nationalhymne wird gespielt und 51.000 Menschen singen stolz mit. Auf dem Rasen sieht man sieben sauber verteilte Kreisflächen aus Sägemehl. Zwei hünenhafte Männer, meist in Trachtenhemden gekleidet, mit einer Art „Windel“ aus Leinen über der normalen Hose, stapfen ins Sägemehl und stehen sich zunächst gegenüber. Auf das Signal eines Schiedsrichters beginnen sie nun, sich merkwürdig ineinander zu verhaken und gegenseitig an den „Windeln“ zu rütteln. Wenige Augenblicke später gehen plötzlich beide zu Boden und wälzen sich im Sägemehl. Die Arena tobt. Derjenige, der unten lag, mit dem Rücken im Sägemehl, hat wohl verloren. Der andere hilft ihm respektvoll auf und wischt ihm mit den Händen das Mehl vom Rücken. Der Sieger des Turniers wird als „König“ bezeichnet und bekommt zunächst einen Kranz und eine große, verzierte Kuhglocke. Der Hauptgewinn: Ein stattlicher Stier.

Was hier auf den ersten Blick für Nicht-Schweizer möglicherweise befremdlich und lustig klingen mag, hat allerdings eine jahrhundertealte Tradition und verdient höchsten Respekt. „Schwingen“ nennt man diesen typisch schweizerischen Volkssport. Ursprünglich als Sport der Bauern und Hirten entstanden, wird das Schwingen auch heute noch ausschließlich von Amateuren betrieben, die neben ihren eigentlichen Berufen ihre Körper mit äußerster Disziplin für Wettkämpfe trainieren. Die Verletzungsgefahr beim Schwingen ist, trotz Sägemehl, extrem hoch. Nicht selten werden Schwingerkarrieren durch Verletzungspech urplötzlich beendet.

Diesen Sport zu belächeln, ist also alles andere, als angebracht. Oft kommen erst in Zeitlupenwiederholungen die enorme Kraft und Geschwindigkeit zum Vorschein, mit denen die Schwinger aufeinander losgehen, oder im Bruchteil einer letzten Sekunde durch geschickte, fast schon unmögliche Bewegungen, die sicher geglaubte Niederlage abwenden können und am Ende auch noch durch schnelle Konter den Kampf gewinnen. Im Gegensatz zu beispielsweise Boxkämpfen, wo aggressive Rivalitäten und Kampfhahngehabe schon im Vorfeld des Kampfes quasi zur Show gehören, wird man beim Schwingen beeindruckt sein, mit welcher Fairness die Kontrahenten einander begegnen. Dass der Sieger dem Verlierer das Sägemehl vom Rücken wischt, ist eine obligatorische Geste, wie bei asiatischen Kampfsportarten die Verbeugungen vor und nach dem Kampf. Nicht selten kommt es aber auch vor, dass sich beide am Ende des Kampfes in den Armen liegen und gegenseitig zum Sieg gratulieren, beziehungsweise über die Niederlage trösten.

Die Geschichte des Schwingens

Der Ursprung des Schwingens lässt sich nicht genau datieren. Die älteste bekannte Darstellung eines Schwingfestes deutet auf einen möglichen Ursprung im 13. Jahrhundert hin. Bereits zu dieser Zeit waren Schwingkämpfe keine reinen Sportwettbewerbe, sondern von einem geselligen Festcharakter geprägt. 1805 bekam das Schwingen den Stempel „typisch Schweiz“. In Urspunnen bei Interlaken im Kanton Bern veranstaltete man ein Sportfest mit drei original Schweizer Sportarten. Als Hauptwettbewerb das Schwingen, außerdem das Hornussen und das Steinstossen. Das Organisationskomitee erklärte als ausdrückliches Ziel des Festes, die „Hebung des schweizerischen Nationalbewusstseins“.

1895 gründete sich schließlich der Eidgenössische Schwingverband mit schweizweit einheitlichen Reglementen. Noch im selben Jahr feierte man am 18. August das erste Eidgenössische Schwingfest in Biel, Kanton Bern und beschloss, es alle drei Jahre an einem anderen Ort zu veranstalten. Im Eidgenössischen Schwingverband sind die fünf großen, kantonsübergreifenden Regionalverbände vereint. Etwa 50.000 Mitglieder zählen heute dazu. Männer wie Frauen. Sogar bei Kindern erfreut sich das Schwingen großer Beliebtheit. Bis in die 1970er Jahre war das Schwingen eine reine Männerdomäne und Frauen grundsätzlich davon ausgeschlossen. Nationalistische Strömungen durchzogen sämtliche Verbände von den Kämpfern und deren Betreuen bis zu den obersten Funktionären.

Während damals noch vor allem die national-konservativen das Schwingen für sich als Werbeplattform pachteten, ist das Schwingfest, wie man es heute kennt, ein Volksfest im allerbesten Sinne. Ein Fest für das ganze Volk. Selbst linke Politiker besuchen heute Schwingfeste und halten dort Ansprachen. Alle Schichten und alle Altersklassen der Gesellschaft gehen heute ans Schwingfest, oder verfolgen es im Schweizer Fernsehen. Kantönligeist, Reibereien und Rivalitäten lässt man hier ruhen und besinnt sich auf die Gemeinsamkeiten.

Schwingen - ist eine Sportart, die mit dem Ringen verwandt ist. Es ist ein Kampf Mann gegen Mann und wer zuerst auf dem Rücken liegt hat verloren. Soweit die elementarsten Erklärungen! Aber Schwingen ist der urschweizerischste Sport überhaupt und das "Eidgenössische Schwing- und Aelperfest", das nur alle drei Jahre stattfindet, der grösste Anlass in unserem Land.

Besonderheiten des Schwingens

Die Schwinger, die am Eidgenössischen teilnehmen möchten, müssen sich an regionalen Schwingfesten bewährt haben und Siege und Kränze eingeholt haben. Die "Bösen" (so nennt man auch die Schwinger) sind alles kräftige Mannsbilder mit bis zu 150 kg Lebendgewicht - aber durchtrainiert und sehr gelenkig. In 7 Sägemehl-Kreisen wird gleichzeitig geschwungen. Beim Schwingen gibt es noch einige Eigenheiten: Man nennt alle Schwinger zuerst beim Nachnamen und dann beim Vornamen. Also beim diesjährigen Schwingerkönig: Glarner Matthias Alle Schwinger sind trotz des intensiven Trainings noch berufstätig und ich bin immer wieder erstaunt, wie redegewandt, höflich und intelligent diese doch so imposanten Männer sind.

Es gibt da einen Verhaltenskodex für Schwingfestbesucher:

  • Was ich an einem Schwingfest tun darf:
    • Alkohol trinken (Bier und Kafi Schnaps)
    • Znüni (Zwischenverpflegung) selber mitbringen - diese aber mit den Sitznachbarn teilen
    • Schwingerhemd (Edelweiss) tragen
    • Pünktlich zum ersten Gang Platz nehmen
    • Mich sportlich, fair und respektvoll verhalten
    • Nicht vor dem Schlussgang abreisen
  • Was ich an einem Schwingfest nicht tun sollte:
    • Champanger trinken
    • Im Anzug oder eleganter Kleidung erscheinen
    • Englische Ausdrücke verwenden
    • Kampfrichter oder Schwinger auspfeifen
    • Reklamieren bei strittigen Entscheidungen
    • Regen- oder Sonnenschirm mitbringen

Die Kameradschaft wird gross geschrieben, so putzt der Sieger dem Verlierer das Sägemehl vom Rücken und reicht ihm die Hand zum Aufstehen. Es werden auch Dopingtests durchgeführt. Damit ein solcher Grossanlass problemlos durchgeführt werden kann, braucht es auch viele Helfer. Das Militär, der Zivilschutz und über 4000 freiwillige Helfer sind dabei.

Jetzt noch zum Edelweiss-Heimd. Dieses ist in der Schweiz weit verbreitet und es hat sich zum absoluten "Swissness-Kleidungsstück" entwickelt.Vor etwa einem Jahren haben einige Schüler in der Ostschweiz dieses Edelweisshemd in der Schule getragen. Eine linke-multikulti Lehrerin wollte ihnen das verbieten, das sei "rassistisch" und die ausländischen Mitschüler "fühlen sich provoziert" !!!. Dieser Schuss ging aber nach hinten raus ! Die Medien bekamen Wind von der Sache und schon ein paar Tage später sind verschiedene Politiker mit dem "Edelweisshemd" im Parlament erschienen. Ich hoffe, dass das in drei Jahren wieder so sein wird - und dass man einen solch grossen Anlass wieder ohne Sicherheitskontrollen und Zäune durchführen kann.

Das Schwingen ist, wie alle Sportarten nicht ganz ungefährlich. Aber Schwinger trainieren das Fallen von klein auf und immer auf einer dicken Schicht Sägemehl. Falls der Schwingerkönig den "Muni" nicht behalten will, wird ihm der Gegenwert ausbezahlt. Hier noch das Pendant zum "Znüni" am Morgen - es gibt auch das "Zvieri" am Nachmittag.

Bräuche im Fricktal

Eierleset, Pfingstsprützlig, Schwingen, Brunnensingen - im Fricktal auf der gegenüberliegenden Rheinseite im schweizerischen Kanton Aargau werden noch Bräuche und traditionelle Sportarten gelebt, die am Hochrhein wenig bekannt sind.

Eierleset nach Ostern

Der Eierleset, je nach Dorf heißt es auch Eierläset oder Eierlesen, stand früher mit Ostern in Zusammenhang, wird heute jedoch häufig in der Zeit danach veranstaltet. Es handelt sich um einen alten Frühlings- und Fruchtbarkeitsbrauch zum Vertreiben des Winters. Gepflegt wird er in der Regel von Turnvereinen in einigen Gemeinden der Kantone Aargau, Solothurn und Basel-Landschaft, im Fricktal unter anderem in Effingen, Wölflinswil, Oberhof und Wegenstetten.

So funktioniert es: Auf der Hauptstraße werden zwei Bahnen mit je 80 bis 100 Sägemehlhaufen ausgelegt. In jeden Haufen wird ein Ei gebettet. Zwei Gruppen stehen sich gegenüber, von denen eine den Winter, die andere den Frühling repräsentiert. Der Wettlauf zwischen Frühling und Winter beginnt.

Die Akteure: eine Braut, die mit einem bunten Frühlingsstrauß auf einen mit Stroh ausgestopften Unhold einschlägt; ein grüner Naturgeist, der ihn zu Fall gebracht hat; ein anderer, mit hunderten von Schneckenhäusern gezierter Bösewicht, der mit getrockneten Schweinsblasen um sich schlägt; eine weitere Gestalt in hölzerner Lockenpracht; schließlich eine alte Frau, die mit einer Pfanne rohe Eier zerhaut; und Maskierte, die laut schreiend über die Dorfstraße rennen. Im Mittelpunkt dieses Durcheinanders steht das Ei, Symbol der Fruchtbarkeit. Das Eierleset stellt das Erwachen der Natur und den Sieg des Frühlings über den müden Winter dar.

Pfingstsprützlig an Pfingsten

Nicht weit von Effingen entfernt wird an Pfingsten (5. Juni 2022) in Mittelsulz, Obersulz, Bütz (Gemeinde Laufenburg-Sulz) sowie in Gansingen im Mettauertal das Pfingstsprützlig veranstaltet - auch dies ein alter Brauch, deren Hauptdarsteller seltsame, in Buchenlaub gekleidete, über zwei Meter hohe Gestalten sind, die Pfingstsprützlige eben, die wie wandelnde Büsche aussehen. Begleitet und gehalten wurden sie von jeweils zwei jungen Männern. Die sind nötig, weil das Gehen in den Laubkleidern alles andere als einfach ist. Gegen 20 Kilo schwer können diese sein, bei Regen werden sie noch schwerer.

Die Pfingstsprützlige ziehen von Brunnen zu Brunnen in den Dörfern, wo ihre Begleiter, auch Schüttler genannt, das Wasser mit Stangen oder Kellen aufwirbeln und verspritzen - eine nasse Angelegenheit, vor allem für die Schüttler, da sie in die Brunnen hineinsteigen. Der Brauch soll eine gute Ernte bringen und die Fruchtbarkeit der Frauen fördern.

Jeffrey Rüede spricht von einem „alten Fruchtbarkeitsbrauch“, der früher unter dem Namen „Pfingsthutte“ im ganzen Fricktal bekannt war, seinen eigentlichen Ursprung aber in vorchristlicher Zeit hat. Ein gut arbeitender Pfingstsprützlig soll einen trockenen Sommer vermeiden und gute Ernte verheißen. In den 1970er-Jahren ließen junge Sulzer den Brauch wieder aufleben. 1991 erlangte er am Festumzug in Brunnen zum 700.

Schwingen im Fricktal

Ortswechsel: In Wittnau am nordwestlichen Zipfel des Fricktals nahe der Grenze zum Kanton Baselland lebt David Schmid (31), von Beruf Landwirt. 2018 und 2019 gewann Schmid das Nordwestschweizerische Schwingfest, 2019 vor heimischem Publikum. Schwingen ist eine Variante des Freistilringens, die auf Sägemehl ausgeübt wird. Die Kämpfenden fassen sich an einer kurzen, robusten Überhose aus Zwilch mit Ledergurt und lassen diese bis zur Entscheidung nicht los. Wer mit den Schulterblättern oder dem Rücken den Boden berührt, hat verloren.

Kurios: Die besten Schwinger werden als „die Bösen“ bezeichnet. Sie begegnen sich jedoch mit Respekt und gegenseitiger Achtung. Ein Kampf wird mit einem Handschlag eingeleitet und beendet. Wer gewinnt, muss dem Unterlegenen das Sägemehl vom Rücken „putzen“. Was früher ein regelloses Kräftemessen von Sennen und Hirten war, hielt später über die Turnerbewegung in städtische Gebiete Einzug - Schwingen ist dadurch vom ländlichen Nischen- zum weit verbreiteten Nationalsport geworden. Schwingen wird auch Hosenlupf genannt. Ein Schwingfest ist mehr als nur ein sportlicher Anlass. In den Arenen, in denen auf mehreren Rundplätze die Wettkämpfe ausgetragen werden, geht es hoch her.

Brunnensingen an Weihnachten

Der alljährlich letzte Brauch findet jeweils am 24. Dezember in Rheinfelden-Schweiz statt. Dann holen zwölf Männer der Sebastiani-Bruderschaft in der Stadtkirche Sankt Martin die Pestlaterne und ziehen nach dem letzten Glockenschlag um 23 Uhr durch die verdunkelte Altstadt. Die Männer, die in schwarze Mäntel gekleidet sind und schwarze Zylinder tragen, schreiten in Dreierkolonnen zu sechs Brunnen der Stadt.

Dort lösen sie jeweils ihre strenge Marschformation auf und stimmen im Kreis ihr Weihnachtslied an. Die Sebastiani-Bruderschaft wurde 1541 anlässlich eines wiederholten Pestausbruchs gegründet und hat danach den Weihnachts- und Neujahrsbrauch des Brunnensingens eingeführt. Die Lieder sollen den Segen bringen, der vor weiteren Pestausbrüchen schützt.