Jennifer Becker, die fast drei Jahrzehnte im Münchner Kulturreferat tätig war, hat sich im letzten Jahr entschlossen, eine neue Herausforderung anzunehmen: Als Leiterin des Thea Kulturklubs möchte sie möglichst viele Menschen für Kultur begeistern.
Der Verein, der inzwischen als „Thea Kulturklub“ firmiert, bekommt etwa für Theater der Stadt oder des Freistaats Rabatte und gibt die dann weiter.
Die Theatergemeinde München mit Sitz im Bahnhofsviertel existiert seit mehr als 100 Jahren und gilt mit gut 10000 Teilnehmenden als größter Kulturverein in der Stadt. Der Grundgedanke ist, dass man gegen einen geringen Beitrag Zugriff auf ermäßigte Tickets für Kulturveranstaltungen in München bekommt.
Ihre lange Erfahrung und umfassenden Kenntnisse aus ihrer Zeit als Kulturmanagerin kann sie hier optimal einbringen.
Münchens Mitte: International und Urban
Ich mag Münchens Mitte - eindeutig die internationalste und urbanste Gegend der Stadt. Unser Verein hat seinen Sitz in der Goethestraße an der Ecke Landwehrstraße. Diese Kreuzung ist eine Sehenswürdigkeit. Wir testen hier nämlich die „Tokio-Ampelschaltung“ mit Rund-Um-Grün. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sieht das aus wie beim Tischtennis-Rundlauf. Alle, die zu Fuß ankommen, dürfen gleichzeitig loslaufen, auch diagonal.
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Und während sie auf die nächste Grün-Phase warten, können Autos abbiegen, ohne jemanden zu übersehen. Win-win.
Ich gieße vor dem Start in den Arbeitstag unsere Pflanzen im Eingangsbereich, meine meditative Morgenübung. Die Nachbarschaft würde sich sehr freuen, wenn der Baum-Spendenaufruf „Schatten spenden“ des Oberbürgermeisters von der Fußgängerzone bis hierhin ausgeweitet würde.
Dienstag: Kleine, feine Ausstellung
Für mich ein klassischer Museumstag. Wenig los und bei jedem Wetter machbar, lohnt sich noch nach der Arbeit. Das Lenbachhaus ist nur fünf Minuten entfernt, wenn ich die Baustellen geschickt umkurve. Dort hatten wir kürzlich ein Fotoshooting für unseren Kulturklub, und ich war wieder einmal begeistert vom vielfältigen Programm. Die Jahreskarte kostet übrigens nur 25 Euro. Tipp: eine Führung durch die kleine, feine Ausstellung Auguste Herbin mit Thea-Guide Katrin Dillkofer.
Die Künstlervilla Lenbachs steht architektonisch für die großbürgerlichen Bauten, die im 19. Jahrhundert rund um den Bahnhof entstanden sind. Vieles wurde im Krieg zerstört, vor allem das jüdische Leben, das in unserem Teil der Stadt stark vertreten war. Die vielen Stolpersteine an der Goethestraße 23 sind ein wichtiges Erinnerungszeichen und lassen mich innehalten, wenn ich auf dem Weg in die Mittagspause bin.
Am liebsten hole ich mir eine Salatbowl bei Claudia und Manfred von der Sandwichmacherei Herzblut oder gehe in die ruhige Pettenkoferstraße ins Inklusionscafé Conviva. Dort kann man bei Sonnenschein schön draußen sitzen.
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Mittwoch: Erholung im Olympiapark
Manchmal muss der Tag mit Schwimmen beginnen. Ich habe in den vergangenen Monaten endlich Kraulen gelernt und ziehe meine Bahnen regelmäßig im Olympiabad. Dort steht der Sport im Vordergrund. Ich liebe es, anderen beim Turmspringen zuzuschauen. Wow. Mit freiem Kopf und frischem Körper geht es durch den ikonischen Olympiapark und ich winke hinüber zu dessen Geschäftsführerin Marion Schöne. Ich mag den Park am liebsten in der Zeit ohne Events, als Erholungsraum ohne Konsumzwang.
Wäre schön, wenn das der Stadtrat ebenfalls so sehen würde. Der Englische Garten muss sich ja auch nicht wirtschaftlich rechnen, sondern darf ein wichtiger, von uns allen finanzierter Freiraum sein, den wir Menschen in der Stadt brauchen.
Donnerstag: Ort der Begegnung
Freiräume sind auch drinnen notwendig, vor allem in einer teuren Metropole. Daher gibt es die „Careteria“ als Ort für Kunst, Kultur und Gemeinschaft bei uns in der Goethestraße.
Die Theatergemeinde München hat sich bewusst entschieden, das Ladenlokal in unserer Immobilie nicht meistbietend zu vermieten, sondern im Sinne unseres Kulturauftrags. Und das Konzept geht auf. Vor allem junge Menschen treffen sich hier und stellen fest, dass sie selbst wirksam sein können mit ihren kreativen Ideen. Aktuell ist in Kooperation mit dem Verein BalkaNet ein Kunstwerk an unserer Fassade in der Entstehung. Im Vorfeld kann sich die Nachbarschaft beteiligen, damit wir gemeinsam ein Motiv finden, mit dem wir ein Ausrufezeichen setzen.
Manche Gemeinschaftsaktionen entstehen auch in der Bar Karotte, die nur donnerstags offen hat und in einem Hinterhof versteckt ist. Die junge Architekturszene, die hier im Bahnhofsviertel arbeitet, gehört ebenso zu den Gästen wie Leute, die aus Überzeugung hier wohnen. Weil sie es großstädtisch mögen.
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Freitag: Attraktives Quartier
Allmählich nimmt die Kultursaison 2025/26 wieder Fahrt auf. Toitoitoi den Intendanzen der Münchner Bühnen, die während des Oktoberfests ihr Programm an den Start bringen! Im Residenztheater erlebe ich heute die Premiere „Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horváth. Ein Wiesn-Klassiker, der die Abgründe der alkoholseligen Weltflucht beschreibt. Nüchtern betrachtet, geht für mich maximal die Wilde Maus als echtes Vergnügen durch. Riesenrad fahre ich lieber im Werksviertel mit Blick über ein attraktives Quartier, auch ohne Konzertsaal.
Nachhaltiger wäre es sowieso, den Gasteig HP8 zu verstetigen, mit dem Freistaat gemeinsam aus dem „alten“ Gasteig was Tolles zu zaubern und aus der Paketposthalle eine Halle für alle zu machen. Für leer stehende Kaufhäuser könnte man ebenfalls coole Nutzungen finden. Ich denke: Machen wir was aus dem, was wir haben!
Samstag: Sehnsuchtsorte hören
Wer mal kurz ohne CO2-Abdruck an Fjorde, bretonische Küsten und zu Waldschlösschen verreisen möchte, kommt mit mir zu den Münchner Philharmonikern in die Isarphilharmonie. Sie nehmen uns musikalisch an diese Sehnsuchtsorte mit. Das Orchester spielt Peer Gynt von Edvard Grieg und Werke von Sergej Prokofjew. Es kommt wieder eine großartige Dirigentin ans Pult, nämlich Dalia Stasevska. Die venezolanische Pianistin Gabriela Montero gibt ihr Debüt.
Endlich erhalten Künstlerinnen die Wertschätzung, die ihnen gebührt in einer immer noch männerdominierten Klassikwelt.
Sonntag: Kaffeeklatsch
Heute mache ich was Altmodisches und lade meinen Neffen anlässlich seines Geburtstags zum Kaffeeklatsch ein. Ich besorge Baklava aus der Schillerstraße und eine Torte vom Backparadies Sultan. Unfassbar aufwendig dekoriert, Opulenz ist kein hinreichender Ausdruck. Und sie schmeckt so gut, wie sie aussieht. Wir unterhalten uns über dies und das. Natürlich streue ich den ein oder anderen Kulturtipp ein.
Junge Erwachsene sind besonders im Volkstheater gute Begleitungen für mich. Sie erklären mir die popkulturellen Referenzen, die die gleichaltrige Regie einbaut. Danach verstehe ich gleich viel mehr. Mein Mann ist eher für zeitgenössischen Tanz zu haben und möchte mit mir nach Nürnberg, wo Richard Siegal jetzt Ballettchef ist. Aber nicht heute - wir freuen uns, mal zu Hause zu sein.
Jennifer Becker ist in Schwaben aufgewachsen und 1997 nach München gezogen. Die studierte Verwaltungs- und Marketingbetriebswirtin hat 27 Jahre im städtischen Kulturreferat gearbeitet, unter anderem im Münchner Stadtmuseum, ganz überwiegend jedoch in der Referatsleitung mit den Kulturpolitikern Lydia Hartl, Hans-Georg Küppers und Anton Biebl. Zudem war sie Pressesprecherin des Kulturreferats und hat die Öffentlichkeitsarbeit verantwortet. Im Sommer 2024 hat sie sich entschieden, das Beamtenverhältnis aufzugeben und zur Theatergemeinde München e.V. zu wechseln. Die Vorstandsvorsitzende des gemeinnützigen Vereins ist seither auch die Geschäftsführerin und leitet den „Thea Kulturklub“.
