Wrestling ist mehr als nur ein Sport; es ist eine Mischung aus Hochleistungssport, Athletik, Inszenierung, Drama und Illusion. Es ist eine Kunstform, die Fans weltweit begeistert. Die World Wide Wrestling will diese Show an den Rollenspieltisch bringen.
Im Laufe des Kampfes werden nicht nur Schläge, sondern auch Provokationen und andere Nettigkeiten ausgetauscht. Egal, ob man jetzt Eddie Guerrero, Goldberg, Sting oder einen der unzähligen anderen Wrestler aus den großen Shows im Kopf hat, Wrestlingfans sitzen bereits an der Sofakante.
Der Begriff „Spielwelt“ ist vielleicht etwas hoch gegriffen, denn World Wide Wrestling ist ein sehr spezifisches Setting. Es geht natürlich um Wrestling, also um all das, was im Ring passiert und drumherum.
Die Kunst der Inszenierung
World Wide Wrestling legt die Rollenspielwelt wie eine TV-Inszenierung an: Es gibt die erste Folge, große Promotions und unzählige Klischees. Zusätzlich kann man auf Tour gehen und an der Karriere des eigenen Wrestlers feilen sowie die Dämonen bezwingen, die so manche erfolgreiche Figur im Laufe der Karriere verfolgen. Das Highlight aber bleibt die Action im Ring, bei der man nicht nur gewinnen will, sondern eine gute Show abliefern muss, denn das so genannte „Kopfpublikum“ will überzeugt werden.
Ein zentraler Begriff im Wrestling ist „kayfabe“. Den Begriff kann man in etwa mit Schauspieler*innen erklären, die in der Rolle bleiben: Alles in der Show Dargestellte gilt vor der Kamera als echt. Das kann ein gebrochener Arm sein oder eine Liebesbeziehung, eine Fehde oder sogar Familienbande. Es geht darum, die Illusion und damit die Show aufrecht zu erhalten.
Lesen Sie auch: WWF Figuren: Lohnt sich der Kauf?
Vielfalt im Ring und am Tisch
Vielfältig ist hier im doppelten Wortsinn zu verstehen, denn die Charaktere können wesentlich diverser sein, als das in den Shows der echten Welt der Fall ist. Außerdem ist ein Wrestling-Ring niemals eintönig, nur weil es immer ein (eckiger) Ring in einer Halle ist. Dieser Eindruck wird auch durch die Essays unterstützt, die über 30 Seiten füllen und sich mit dem Konzept dieser Kunstform beschäftigen, ihre Auswirkungen beleuchten oder sogar die Rolle von Frauen im Wrestling in ein neues Licht stellen.
Spielmechanismen
World Wide Wrestling ist ein Powered by the Apocalypse-Spiel und arbeitet deswegen mit Moves. Jeder Charakter hat verschiedene Moves, die man ansagt, um dann mit 2W6 darauf zu würfeln. Hinzugerechnet werden passende Attributspunkte oder der Publikumswert, um auf ein möglichst hohes Ergebnis zu kommen. Erreicht man einen Wert bis 6, ist es ein Patzer, zwischen 7 und 9 ein Teilerfolg und ab 10 ein voller Erfolg. Bei wichtigen und knappen Würfen kann der Momentum-Wert noch die restlichen paar Punkte bringen, um das gewünschte Ergebnis zu erreichen.
Moves werden sowohl aktiv als auch zufällig ausgelöst. Kommt es zum Beispiel während des Trash Talks im Ring dazu, dass man das Publikum aufwiegelt, wird automatisch der Move „Mit dem Publikum spielen“ ausgelöst. Dadurch entsteht eine Dynamik, bei der das Erzählen so stark in den Vordergrund rückt, dass ein aktives Auslösen der Moves oft gar nicht unbedingt notwendig ist.
Die Regeln sind einfach und schnell erklärt, die Moves gibt es als übersichtliches Handout. So einfach wie die Regeln ist auch die Charaktererschaffung. Die verschiedenen Rollen der Charaktere heißen Gimmicks und in einer Spielrunde gibt es jedes Gimmick nur einmal. Ein paar wenige Kreuze bei der Herkunft, der Art des Auftretens und dem persönlichen Ziel formen den Charakter weiter aus. Auf die vier Werte bei den Attributen Kraft, Stil, Echt und Ring verteilt man entsprechende Punkte und wählt ein paar Moves aus. Spannungen ergeben sich erst im Laufe des Spiels, ebenso wie Verletzungen und Steigerungen.
Gestaltung und Struktur
Während des Lesens fällt einem unweigerlich auf, dass es immer wieder Querverweise gibt, die die ohnehin schon gute Struktur des Regelwerkes weiter verfeinern. Zusätzlich finden sich überall Hinweise, welche Abschnitte für welche Spielbereiche wichtig sind und was man in welcher Reihenfolge lesen sollte, um optimal vorbereitet zu sein. Das Inhaltsverzeichnis ist hervorragend! Insgesamt ist die zweite Edition sehr hübsch und durchdacht gestaltet, wobei manche Passagen mit sehr großen Textblöcken aufwarten, was zuweilen anstrengend zu lesen sein kann. Es gibt an mancher Stelle wenige Illustrationen, was bei dem coolen Comicstil schade ist. Besonders nach der hervorragenden Coverillustration wünscht man sich mehr Szenen, die das Feeling aus den Texten auf die Bildebene übertragen.
Lesen Sie auch: Erfolgreicher Verkauf von Wrestling Figuren
Die Faszination des Wrestling
Wie man dem Artikel sicherlich entnommen hat, ist Wrestling etwas, das begeistern kann. Für World Wide Wrestling ist es nicht notwendig, umfangreiche Kenntnisse über Wrestling zu besitzen, auch wenn es nicht schadet. Die Begeisterung für eine gute Show ist es, die man haben sollte, um mit diesem Regelwerk Spaß zu haben. Darstellungen von Wrestling-Techniken stellen die sportliche Seite in den Vordergrund. In World Wide Wrestling wird Wert auf Diversität gelegt.
World Wide Wrestling ist ein Regelwerk mit einer sehr genauen Vorstellung davon, was gespielt wird, und einer unendlichen Anzahl an Möglichkeiten, dies zu tun. Neben einer übersichtlichen Gestaltung und vielen guten Ideen, einer umfassenden Beschäftigung mit Wrestling in mehreren Essays und einer diversen Herangehensweise an den Sport bietet das PbtA-System leichte Regeln.
Wenn man epische Held*innensagen in einer mythischen Welt erleben will, ist World Wide Wrestling nicht das Richtige. Für diesen Ersteindruck wurde das Regelwerk gelesen und eine erste Show vorbereitet.
Lesen Sie auch: WWE Actionfiguren: Ein umfassender Überblick
