Der Blaue Planet: Bedeutung und Geschichte eines Kultsongs von Karat

Vierzig Jahre alt ist das Album „Der blaue Planet“ der Rockgruppe Karat dieses Jahr geworden. Aufgenommen in den Amiga-Studios war es eines der erfolgreichsten, die in der DDR je erschienen sind. Das Besondere: Es kam zeitgleich auch in der Bundesrepublik heraus und reüssierte auch dort.

Als KARAT im Jahre 1982 dieses Album veröffentlichte, ahnte auf Seiten der Fans wohl noch niemand, welchen Erfolg Ed Swillms, Bernd Römer, Michael Schwandt, Henning Protzmann und Herbert Dreilich damit einfahren würden. Fakt ist, dass das Album zur richtigen Zeit am richtigen Ort war und bei seinem Erscheinen von den Plattenfirmen AMIGA (DDR) und TELDEC/POOL (BRD) extrem unterstützt und beworben wurde. Es wurde zumindest dort schon damit gerechnet, dass sich die Platte bei den Hörern durchsetzen könnte, darum dürfte zumindest bei den Companies der Erfolg so ganz unvorbereitet nicht gekommen sein.

Schon die Vorab-Single "Der blaue Planet" mit dem Song "Blumen aus Eis" auf der B-Seite verkaufte sich allein im Westen über 100.000 Mal und war auch im Osten medial und live schon reichlich im Einsatz. Dies veranlasste die Verantwortlichen wohl dazu, in Sachen Promotion ordentlich Holz ins Feuer zu werfen. Das Ergebnis ist bekannt.

"Der blaue Planet" wurde das erfolgreichste und meist verkaufteste Album einer DDR-Band überhaupt, und stieß bis auf Platz 7 der westdeutschen Album-Charts vor. In beiden Teilen des Landes verkaufte sich "Der blaue Planet" über eine Million Mal - eine Zahl, von der viele Musiker heute nur noch träumen dürfen. Wir reden hier immerhin über verkaufte Tonträger und nicht über Streams und anderen digitalen Firlefanz.

Das war aber nicht das einzige Novum, das diese LP hervorbrachte. Auf der B-Seite der LP konnte man zum ersten Mal die Stimme von Ed Swillms bei einem Karat-Titel hören. Bei "Der Spieler" war Ed nicht nur für die Komposition verantwortlich, sondern sang auch noch den von Norbert Kaiser geschriebenen Text. Das erste und einzige Mal, dass Ed als Mann am Mikrophon in Erscheinung trat. Nicht ganz freiwillig, wie er selbst mal erzählte, sondern von den Kollegen dazu überredet. Gut gemacht, meine Herren!

Lesen Sie auch: "Der blaue Planet": Ein Album-Review

Die Platte ist randvoll mit Perfektion und macht es somit zum ausgereiftesten Album der Band überhaupt. Ed Swillms als Komponist und Norbert Kaiser als Texter verstanden es meisterhaft, den gerade angesagten "New Wave" in ein völlig eigenständiges und weit von der üblichen Belanglosigkeit entferntes Gewand zu kleiden, ohne ihn jedoch zu verleugnen. Sie nutzten ihn für ihre Vorstellungen von Musik und setzten die Lieder perfekt in Szene. "Marionetten" und "Jede Stunde" sind dafür die Paradebeispiele. Die Texte auf dem Album sind mal melancholisch, dann wieder optimistisch, aber auch nachdenklich gefärbt. Die große Klammer um allem könnte "Frieden" heißen …

Der Opener ist ein 4:58-minütiges Instrumental aus der Feder von Ed Swillms mit dem Titel "45-01". Die Bedeutung dieses ungewöhnlichen Namens wollte sein Schöpfer Ed Swillms bis heute nicht verraten und wird das Geheimnis wohl mit ins Grab nehmen. Der Song eröffnet das Feuerwerk musikalischer Feinkost, bevor es mit "Marionetten" (Platz 2 der DDR-Jahreshitparade 1982) und "Falscher Glanz" (Platz 9 der DDR-Jahreshitparade 1983) richtig zur Sache geht. Mit der treibenden und ins Bein gehenden Pop-Rock-Hymne "Jede Stunde" (Platz 7 der DDR-Jahreshitparade 1982) war die Band sogar Gast in der ZDF-Hitparade, und wurde vom Publikum auf den zweiten Platz gewählt.

Karat war im Westen zwar schon durch "Über sieben Brücken" bekannt geworden, zeigte aber hier mehr als eindrucksvoll, dass sie mehr waren als nur der Hit-Lieferant für andere Künstler im Westen. Kein anderes Album von KARAT schaffte danach nochmals einen so großen Erfolg. Das Gespann Swillms/Kaiser war beim Schreiben der Songs und beim Fertigstellen dieser LP wohl in der Form ihres Lebens.

"Der blaue Planet" ist ein Paradebeispiel für zeitlose Rock- und Pop-Musik und was entstehen kann, wenn man kreative Genies in Ruhe arbeiten lässt. Nach fast einem Vierteljahrhundert hat keiner der auf dieser LP befindlichen Songs auch nur ansatzweise an Klasse (oder gar Aktualität) verloren. Speziell das Lied "Der blaue Planet" ist aktueller denn je, und auch "Wie weit fliegt die Taube" dürfte in Anbetracht ständig neuer Kriesenherde auf diesem "blauen Planeten" noch länger nah am Puls der Zeit bleiben.

Zu den erwähnten Verkaufszahlen sollen an dieser Stelle aber noch ein paar weitere Gedanken ihren Platz finden: Für den Gold-Status waren in der BRD damals 250.000 verkaufte Einheiten notwendig. Gesamtdeutsch ging die Platte bis zur Wende aber über eine Million mal über die Ladentische. Nicht mit eingerechnet sind die Neuauflagen auf CD, die nach der Wende ebenfalls ihre Käufer fanden. Rechnet man alles zusammen, hat das Album inzwischen wohl mehrfach Platin verdient, so dass der Status von "Der blaue Planet" längst hätte neu festgelegt werden müssen. Warum das bisher nicht geschehen ist, hat sich unsere Redaktion schon vor Jahren gefragt, als wir dieses Album erstmals als "Klassiker" vorgestellt haben. Als gerecht empfinden wir es jedenfalls nicht, dass DER Ostrock-Klassiker schlechthin in der Statistik immer noch als einfaches Gold-Album geführt und weit unter seinem historischen Wert verkauft wird.

Lesen Sie auch: Karats Meisterwerk: "Der blaue Planet"

Es war die Zeit des nuklearen Wettrüstens, der Kalte Krieg war in vollem Gange, der Song ein Friedenslied. Karat trat 1982 am Weltfriedenstag in Ost-Berlin damit auf, es war der 21. September.

Auch wenn das Wort Neutronen nicht dem ursprünglichen Text entsprach - dort hatte es Dämonen geheißen, das wurde geändert - vermittelt der Song Endzeitstimmung angesichts der atomaren Bedrohung durch Mittelstreckenraketen.

Der Song "Der blaue Planet" der Gruppe KARAT entstand im Jahr 1981 und wurde 1982 auf dem gleichnamigen Album veröffentlicht.

Der Song Der blaue Planet von Karat thematisiert die Sorgen und Ängste der Menschheit über die Zukunft des Planeten Erde. Die wiederkehrende Frage, ob der schon gegeben Kuss oder das Wort das letzte sein könnte, lässt darauf schließen, dass die Beziehung und Intimität zwischen Menschen in einer von Unsicherheit geprägten Welt gefährdet sind. Der Künstler ruft die Zuhörerschaft dazu auf, über die Relevanz zwischen persönlichen Bindungen und den globalen Herausforderungen nachzudenken.

Zusätzlich wird in den Zeilen über 'Staub und Gestein' verdeutlicht, dass es auch eine düstere Vorstellung gibt, wie die Erde letztendlich aussehen könnte, wenn wir nicht handeln. Der Verweis auf das Ungeborene weist darauf hin, dass auch die Zukunft kommender Generationen betroffen sein könnte.

Lesen Sie auch: Der Blaue Planet

Das Lied Blauer Planet von Karat zeigt auf poetische Weise die Sorgen und Ängste der Menschheit bezüglich der Zukunft der Erde. Mit Fragen wie 'Tanzt unsere Welt mit sich selbst schon im Fieber?' wird sofort deutlich, dass es um die Gesundheit und das Wohlbefinden unseres Planeten geht. Die wiederholte Zeile 'Wird dieser Kuss und das Wort, das ich dir gestern gab, schon das Letzte sein?' vermittelt eine tiefe emotionale Tragweite. Hier wird die Sorge um persönliche Beziehungen und das, was wir schätzen, deutlich. Im weiteren Verlauf des Liedes wird mit der Beschwichtigung 'Uns hilft kein Gott, unsre Welt zu erhalten' ein Gefühl der Ohnmacht angesprochen. Menschen scheinen in ihrem Streben nach Glück und Erhalt der Erde, international und global, allein gelassen zu werden.

Wie vielen Künstler*innen in der DDR, hatte auch die Gruppe KARAT mit der Bürokratie zu kämpfen. Es wurde darauf geachtet, dass sie auch im Sinne des Sozialismus unterwegs waren. Vieles, was gesagt werden musste, konnte nur verschlüsselt gesungen werden. So geht es bei dem Lied „Albatros“ sicher nicht nur um diesen Seevogel. Das Lied trifft einen Nerv der DDR-Jugend und ihrer Sehnsucht nach Freiheit.

WELT: Karat-Gitarrist Bernd Römer hat mal gesagt: „Wir konnten mit der Zensur zu DDR-Zeiten ganz gut umgehen, weil wir wussten, worauf die Kulturfunktionäre guckten.“ Haben Ihr Vater und Sie auch darüber gesprochen, wie er die Zensur umging?

Dreilich: Ja, das haben wir. Man musste die Texte einem sogenannten Lektorat vorlegen und oft musste man in den Argumenten kreativ sein, warum der Text so ist, wie er ist. Bei „Albatros“, einem Lied über grenzenlose Freiheit, argumentierte die Band, dass es eine Hommage an Pablo Neruda sei, es um den chilenischen Freiheitskampf ginge. Solche Anekdoten gibt es etliche.

WELT: Der Song „Der blaue Planet“ von 1982 handelt von der Gefahr eines Atomkriegs. Auf Druck der Kulturfunktionäre musste die Band damals in der zweiten Zeile das Wort „Dämonen“ durch „Neutronen“ ersetzen. Die globale Kritik an der Aufrüstung wurde somit umgemünzt in eine Kritik am Westen und der damals von den USA entwickelten Neutronenbombe. Seit dem Mauerfall singen Karat wieder die ursprüngliche Version mit den „Dämonen“. Was hat das in Ihrem Vater ausgelöst - was macht es mit Ihnen, wenn Sie diese Zeilen heute singen?

Dreilich: Mit meinem Vater habe ich nie darüber gesprochen, sodass ich hier für ihn nicht sprechen kann. Als ich zur Band kam, war von Anfang an klar, dass ich die ursprüngliche Version singen werde. Es handelt sich ja nur um ein Wort.

Bei Erscheinen hat Oliver Marquardt „Der Blaue Planet“ gar nicht interessiertDem Berliner Produzenten Oliver Marquardt, der unter dem Namen DJ Jauche die Berliner Technoszene von Beginn an geprägt hat, ist es zu verdanken, dass es dieses Lied nun in einer tanzbaren Clubversion gibt. Obwohl das Lied ihn bei Erscheinen gar nicht interessiert hat, weil er es als Teil der vom Staat vorgeschriebenen Jugendkultur begriff. Das Interesse kam erst nach der Wende. Irgendwann hat er diesen Song gehört und dachte: Wow. Es war vor allem der Text, der ihn beeindruckte. Er hat es in der Corona-Zeit bei einem Live-Set auf dem Berliner Fernsehturm gespielt, das war im April 2021. Er kannte den Song von früher, liebt den Text und die Baseline des Stücks.

Durch Zufall kam die Band zu einem YouTube-Stream seines Auftritts und war angetan. So kam es zu der Neuauflage, für den tatsächlich alles neu produziert werden musste, nachdem sich herausgestellt hatte, dass es keine Originalspur mehr gibt. Statt der Stimme des ursprünglichen Sängers Herbert Dreilich singt sein Sohn Claudius. Er trat der Band 2005 bei, nachdem sein Vater ein Jahr zuvor gestorben war. Er singt nun wie ursprünglich geplant: „Liegt unser Glück nur im Spiel der Dämonen?“ Das klingt auch heute noch oder wieder ziemlich aktuell.

Musikalisch ambitioniert wie sein Vater war Claudius Dreilich ursprünglich nicht. Das änderte sich erst, als Herbert Dreilich im Sommer 2003 schwer an Krebs erkrankte. Der damals 60-Jährige gehörte 1975 als Leadsänger zu den Mitgründern von Karat, jener Band, die mit ihren Songs wie „Über sieben Brücken“, „Albatros“ oder „König der Welt“ zur populärsten DDR-Rockgruppe wurde, die bereits in den 80er-Jahren auch in der Bundesrepublik große Erfolge hatte. Mit Liedern, die von der Sehnsucht nach Freiheit handelten oder wie in „Der blaue Planet“ von der Gefahr eines Atomkriegs warnten, hatten Karat die Menschen in beiden Teilen des damals noch geteilten Deutschlands angesprochen.

Als Herbert Dreilich wegen seiner Krankheit das Bett nicht mehr verlassen konnte, ermutigte er seinen skeptischen Sohn, der keine Banderfahrung besaß, den Part von ihm zu übernehmen. Er wollte, dass die Band auch ohne ihn weitermacht. „Das war eine schwere Entscheidung, auch wenn mein Vater meinte, ich sei eine Rampensau und könne das“, erzählt Claudius Dreilich beim Interview in seinem Berliner Büro. Sein Wagnis sollte sich lohnen. Seit 2005 singt er nun schon bei Karat, die am Wochenende in Berlin eine große Tournee anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens starten. Zugleich präsentieren sie ihr neues Album „Hohe Himmel“.

Hier eine Tabelle mit wichtigen Informationen zum Album "Der blaue Planet":

Aspekt Details
Erscheinungsjahr 1982
Band Karat
Plattenfirmen AMIGA (DDR), TELDEC/POOL (BRD)
Verkaufszahlen Über 1 Million (gesamtdeutsch)
Bedeutung Erfolgreichstes Album einer DDR-Band